Annie: "Anniemal"

    21. Oktober 2005, 17:50
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    Erliegen wir dem Hype? Kein Kauf, den man bereuen würde, aber ...

    Während es bei Gitarren-Quartetten schön langsam eher die Regel als die Ausnahme darstellt, dass Debüt-Platten mit einem Wald an Vorschusslorbeeren bedacht werden, kommt das im Elektropop-Bereich vergleichsweise sporadisch vor. Umso größer wirkte das Echo, welches der Erstling der Norwegerin Annie Lilia Berge Strand, produziert von einigen Größen der skandinavischen Szene, darunter Röyksopp, hervorrief. Die neue, bessere Kylie? Madonnas Nichte? Donna Summers Enkelin? Wir fühlten "Anniemal" zu zweit auf den Zahn.

    Ina: Mein erster Eindruck war nicht besonders: Die Electro-Pop-Version dieser jungen Norwegerin kennt mensch doch schon seit vielen Jahren, oder? Und zur funkigsten Nummer auf dem Album, "Greatest Hit", haben wir tatsächlich schon vor fünf Jahren getanzt. Insofern ....

    Aber gut, der spröde Gesangsstil Annies hat schon seinen eigenen "Charme". Und die Beats sind durch diverse Disco-Anleihen auch etwas exzentrischer ausgefallen, als auf den ersten Hörer angenommen.

    Jürgen: Stimmt, "Greatest Hit" hat schon einige Jahre auf dem Buckel ... auch wenn ich es damals verpasst habe. Und das Album selbst ist ja auch schon in der dritten Veröffentlichungsstaffel: Erst daheim in Skandinavien, dann in England, jetzt "auf dem Kontinent". Manchmal verliert man ein wenig das Zeitgefühl, wenn man etwas durch einen Urlaub oder so schon mitbekommen hat und dann ein, zwei Jahre später dasselbe noch mal als "Neuveröffentlichung" vor einem liegt.

    Bis auf "Heartbeat" - für mich noch immer der beste Song von Annie - und "Chewing Gum" kannte ich vorher nichts, das erste Durchhören war also ziemlich unbelastet. Und das Ergebnis nach fünf, sechs Stücken: Irgend etwas hat mich unwiderstehlich zum Regal mit den 80er-Jahre-CDs gezogen, weil ich mir dachte, das kenn ich doch. An Bananarama vorbei, aber dann: Bingo! bei der Rah Band hängen geblieben, wer hätte das gedacht. Ehrlich, wenn du deren Mittachtziger Sachen mit heutiger Produktionstechnik und ein paar aufgemotzten Beats noch mal aufnimmst, kannst du sie 1:1 auf "Anniemal" einschmuggeln.

    [Dazwischen liegt beiderseitige Befremdung über die Website der Rah Band, auf der die alten Hits der Band Käufern als potenzielle Werbejingles angedient werden ... was für die Schöpfer von Klassikern wie "Clouds Across The Moon" oder "The Crunch" doch ein wenig unwürdig wirkt.]

    Ina: Da ist was dran. Aber ohne Rah-"sax"! Saint Etienne fällt mir auch noch ein. Ich finde es schon bezeichnend, dass diese Musik nur über Referenzen funktioniert. Es ist so wenig Eigenständiges zu hören. Und dabei meine ich das grundsätzlich überhaupt nicht abwertend. Aber vielleicht war die Faszination für auf diese Weise funktionierende Dancemusic vor ein paar Jahren einfach noch größer. Das ist wirklich mein größtes Problem mit "Anniemal": Meiner Ansicht nach wurde hier auf den falschen Dampfer gesetzt, um nicht zu sagen, auf einen morschen Kahn.

    Jürgen: Saint Etienne??? Ich muss doch bitten: Da liegen aber Welten dazwischen. Eine der Stärken von Saint Etienne ist es doch, dass sie eine extreme stilistische Vielfalt beherrschen, ohne dadurch einen spezifischen Band-Sound zu verlieren. In die Verlegenheit würde Annie gar nicht kommen, weil doch alles sehr ähnlich klingt. - Was mein Hauptkritikpunkt an "Anniemal" ist: hier fehlt die Abwechslung und damit die Spannung. Das Intro erweckt den Eindruck, hier hätte man sich tatsächlich Gedanken um die Produktion eines Albums gemacht ... geworden ist es dann doch eher eine Aneinanderreihung von Club-Stücken.

    Kein Kauf, den man bereuen würde, aber ein eindeutiger Fall von: das Beste rauspicken und hoffen, dass sich zur guten Ausgangslage beim nächsten Mal noch ein paar originelle Ideen mehr gesellen.

    [Und während sich beide einig sind, dass Zoot Woman - demnächst übrigens in Wien zu Gast - denn doch die bessere Form des 80ies-Soundrevivals darstellen, bleibt noch eine Frage offen:]

    Jürgen: Da komme ich jetzt nicht drum herum, der Titel legt es einem einfach in den Mund: Welches Tier fällt dir als Beschreibung für "Anniemal" ein?

    Ina: Ein Zebra. Und dir?

    Jürgen: Ein Hamster.

    Annie: "Anniemal" (679 Recordings 2005)

    Annie's Website
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      coverfoto: 679
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