Stronachs "Wunsch, Liebe zu finden"

    12. Dezember 2005, 11:58
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    Norbert Mappes-Niediek, Autor einer Biografie über Frank Stronach, im Interview: Einblick in Gedanken, Geschäft und Gutdünken des Tycoons

    ballestererfm: Was ist ihr Bezug zu Frank Stronach? Wie sind sie dazu gekommen, eine Biografie über ihn schreiben?
    MAPPES-NIEDIEK: Ich bin Österreich-Korrespondent und beschäftige mich daher mit den wichtigen Persönlichkeiten des Landes. Für die »Süddeutsche Zeitung« habe ich ein Stronach-Porträt geschrieben, daraufhin hat sich der Campus-Verlag bei mir gemeldet und gefragt, ob ich eine Biografie über ihn verfassen möchte. Das war natürlich eine reizvolle Aufgabe, es gab ja noch keine. Wie ich später erfahren habe, hat Stronach bei zwei kanadischen Autoren Biografien in Auftrag gegeben. Allerdings ist keine erschienen, weil sie offenbar den Meister nicht hinreichend gepriesen haben, obwohl sie doch von ihm bezahlt und wohl auch wesentlich von ihm inspiriert wurden. Diesen Vorteil habe ich nicht gehabt. Es gab natürlich kein Geld von Stronach, das da zu mir geflossen wäre.

    Warum hat ausgerechnet ein Deutscher dieses Buch geschrieben? Gibt es eine Zurückhaltung der österreichischen Kollegen gegenüber Stronach?
    Eine gewisse Zurückhaltung gibt es in der gesamten österreichischen Medienlandschaft. Wahrscheinlich nicht bei jedem einzelnen Journalisten. Es gibt eine ganze Reihe kritischer Kollegen, die in der Lage gewesen wären, diese Biografie ebenfalls zu schreiben. Ich denke zum Beispiel daran, wie einige Magazin-Journalisten aus Wien über die Eurofighter-Debatte berichtet haben und wie gut sie recherchiert haben. Wenn man allerdings die Medien als solche betrachtet, sieht die Situation schon ein wenig anders aus. Man könnte sagen, die unsichtbare Hand von Frank Stronach ist immer wieder mal zu spüren. Nehmen wir »NEWS«, wo man ohne viel Phantasie einen Bezug zu diesen Beilagen der Bundesliga herstellen kann. Wer beißt schon die Hand, die ihn füttert? Die Verbindungen sind mit Händen zu greifen.

    Haben Sie persönlich mit ihm gesprochen?
    Ja eine Stunde lang in Oberwaltersdorf, in dem von ihm designten Reich. Er ist jemand, der gerne Vorträge hält, der sich eine eigene Philosophie zu Recht gelegt hat und der auf eine Weise redet, wo man merkt, dass ihm schon lange niemand mehr widersprochen hat.

    Eine oft gehörte These besagt, Stronachs Engagement in Österreich sei darauf zurückzuführen, dass er in der High Society in Kanada nie in der Weise anerkannt wurde, wie er es gern gehabt hätte. In Österreich konnte er diese Bestätigung sehr leicht bekommen. Ist da was dran?
    Es ist was dran. Aber so, wie Sie es jetzt formuliert haben, ist es doch ein bisschen zu einfach. Er hat in Kanada tatsächlich sehr lange gebraucht, bis er Anerkennung gefunden hat. In den Kreisen des alten angelsächsischen Business Establishments in Toronto hat er sie bis heute nicht erlangt. Durch sein Engagement im Pferdesport ist es ihm zwar gelungen, in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden und diese Gesellschaft ist das elitärste, was es in Toronto gibt. Aber er hat sich sehr schnell mit diesem Establishment überworfen und den Leuten seine Verachtung gezeigt. Diese Ambivalenz ist ganz typisch. Er will einerseits dazu gehören, andererseits verachtet er dieses Publikum. Was den Einstieg in Österreich angeht, glaube ich tatsächlich, es hat viel mit seiner Biografie zu tun. Es besteht der Wunsch, Liebe zu finden, verehrt zu werden. Einmal abgesehen davon, dass er hier auch Erwerbschancen für seine Magna gesucht und gefunden hat.

    Auf die Austria dürfte zumindest Letzteres jedoch nicht zutreffen.
    Hier spielt der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung eine wichtige Rolle. Nur eine Szene: Als Austria Wien zum ersten Mal Meister wurde und ihn die Fans auf die Schultern genommen haben, da hat er den seligsten Gesichtsaudruck gehabt, den überhaupt einer haben kann. Diese Liebe der Fans, dieser unverstellte, raue Ton, der ihn auch immer wieder die Ablehnung hat spüren lassen, ist etwas, was er sonst sehr vermisst. Wenn man sich Frank Stronach ein bisschen ansieht und anhört, dann kann man sich das sehr gut vorstellen.

    Frank Stronach fühlt sich also wohl am Fußballplatz?
    Unbedingt. Das ist seine Welt, seine Szene. Er ist Arbeiter und nicht in der subtilen Salonwelt zuhause, sondern da, wo Emotionen klar und deutlich ausgesprochen werden. Das macht auch seinen Charme aus. Fußball ist ein Betätigungsfeld, wo man im Alter die Anerkennung sucht. Wenn er den Vorhang der Wiener Staatsoper stiftet, dann werden die Leute vor dem Vorhang ihn immer noch verachten. Da kann er noch so viel spenden, von denen wird keine Liebe zu kriegen sein. Für die bleibt er immer der Prolet. Das ist bei den Fans etwas anders.

    Hat er sich öffentliche Kritik je zu Herzen genommen?
    Er lässt sich nicht belehren. Und er ist auch beratungsresistent – gerade im Fußballbereich sagen alle Leute, die mehr mit ihm zu tun gehabt haben, sie würden eigentlich tauben Ohren predigen. Viele haben ihm ja über den Unsinn seines Engagements sehr deutliche Vorhaltungen gemacht und er hat diese Vorwürfe nicht akzeptiert. Er ist ein sehr befehlsgewohnter Mann, der sich wie viele Leute, die aus einfachen Verhältnissen zu Geld gekommen sind, von niemandem etwas sagen lässt und das auch als den Gipfel seiner Karriere betrachtet.

    Stichwort: Unterwerfung. Wie konnte es Stronach in Österreich so leicht gelingen, sich Firmen wie Steyr einzuverleiben und Politiker anzuwerben?
    Österreich muss sich auf solche Figuren einstellen, vielleicht wird Frank Stronach ja nicht der letzte sein. Aber dieses Land ist es einfach nicht gewöhnt. Eine Kultur im Umgang mit Tycoons muss erst entstehen. Insofern ist Stronach eine Herausforderung für Österreich. Österreich muss auch seine Gesetze ernster nehmen. Das war ja eine schlimme Geschichte, was Magna mit der Arbeiterin in Weiz gemacht hat, die da rausgeflogen ist.

    Hat Österreich die Herausforderung nicht bestanden?
    Könnte man schon sagen. Es tut sich auf jeden Fall sehr schwer damit. Österreich hat sich an einigen Stellen sicher unterworfen und hätte es nicht tun sollen. Gerade die Fußballszene hat sich unterworfen. Sponsoring ist ja nichts schlechtes, aber da müssen Strukturen da sein, die das auffangen. Stronach hat zwar Geld, aber man kann dem Mann nicht einen Verein wie die Austria in den Rachen werfen und ihm zum Spielzeug geben. Seine Ansprüche müssten kanalisiert werden. Ihn glänzen lassen, aber ihm nicht das Recht geben, ständig nach eigenem Gutdünken oder wegen irgendwelchen Einflüsterern den Trainer auszuwechseln oder eine ganze Generation von Nachwuchsspielern auf der Reservebank vergammeln zu lassen. Solche Schranken fehlen. Die Austria wurde ihm ganz einfach gegeben und das war sicher auch ein Fehler von Herrn Streicher, dem ehemaligen Austria-Präsidenten.

    Gibt es ein System Stronach?
    Dass man Parteien Geld gibt und Politikern das Gefühl, dass sie geschätzt sind und dass man sie vielleicht auch beschäftigt, hat in der Tat System. Stronach hat es aus Kanada mit nach Österreich genommen. Nur ist er hier im Unterschied zu Kanada der einzige mit solchen Vorgangsweisen. Er hat das System praktisch nach Österreich exportiert und das kommt uns sehr exotisch vor. Es gibt den kanadischen Reichhold, den kanadischen Westenthaler – die sind alle bei Stronach.

    Während Stronach das Werkzeugmachergeschäft von der Pike auf gelernt hat, hat er sich auf den Fußball als gemachter Mann gesetzt. Was hat ihn dazu bewegt?
    Das gilt für alles andere, außer den Autoteilen. Irgendwann hatte das eben nicht mehr genug Glamour. Man muss sich das etwa so vorstellen: Da kommt jemand auf eine Party, es sind alle schön und erfolgreich, und man fragt ihn: "Und was machst du so?" Sagt er: "Autoteile" – und geht zum nächsten. Das ist nicht toll. Man möchte nicht nur reich, sondern auch klug, schön und beliebt sein. Das würde man sich dann gern von seinem Geld alles kaufen – und das tut man besser in anderen Branchen. Medien, Sport, das verspricht viel mehr an Popularität als Autoteile.


    "Wenn er den Vorhang der Wiener Staatsoper stiftet, dann werden die Leute davor ihn immer noch verachten. Für die bleibt er immer der Prolet. Das ist bei den Fans etwas anders." (Foto: ballesterer fm)

    Wie werden seine Investitionen in die Austria bei den Aktionären von Magna gesehen? Oder von seiner Tochter?
    Von seiner Tochter gibt es dazu keine Aussagen, die ist sehr loyal. Aber die Aktionäre sind sehr aufgebracht über das Engagement. Die wissen, jeder Dollar, der an den Fußball geht, bringt weniger an Dividende. Die großen Aktionäre sind Fonds und daher nicht am Unternehmen interessiert, sondern an den Börsenkursen. Für sie sind die Investitionen von Stronach in den Fußball eine Bedrohung. Auch die riesigen Beraterhonorare, die sich Stronach durch seine Mehrheit in der Hauptversammlung selbst bewilligt, und die den bedeutenden Teil seines Einkommens ausmachen. Die großen Aktionäre, die in Wirklichkeit über 90 Prozent des Unternehmens halten, können die Honorare nicht verhindern und sind sehr unglücklich darüber.

    Woher kommt das Gros des Geldes für die Austria?
    Das sind vor allem die berühmten zwei Prozent des Jahresgewinns von Magna, die für gesellschaftliches Engagement abfließen.

    Kolportiert werden allein 25 Millionen Euro für die laufende Saison.
    Wäre nichts Besonderes. Da dürfte er nicht arm dabei geworden sein.

    Ein großer Gegenspieler von Stronach im Fußball ist Rapid-Präsident Rudolf Edlinger. Spielt hier die Parteizugehörigkeit eine Rolle?
    Ich glaube überhaupt nicht. Edlinger scheint ein ausgesprochen politischer und gescheiter Mensch zu sein. Edlinger hat die Gefahren, die in der Art des Engagements von Stronach liegen, schon sehr früh erkannt. Er ist vielleicht Teil dieser widerständigen Strukturen, also von Leuten, die sich etwas anders mit Stronach eingelassen hätten als Kartnig, Streicher oder die Führung des FC Tirol. Er hat sich damit in der Szene aber nicht durchsetzen können und dadurch ist er zum Feind geworden wie Ex-ÖFB-Chef Mauhart. Mauhart hat versucht, diese Geldflut irgendwie zu kanalisieren. Er hat an Unterstützung verloren, weil die Leute gesagt haben: "Lass ihn doch zahlen."

    Ist dieser Widerstand jetzt stärker geworden?
    Ja, aber jetzt ist es ein bisschen spät. Stronach ist überall drinnen, hat mehr oder weniger alles unter Kontrolle. Jetzt ist es schwierig Strukturen aufzubauen, die ihn eindämmen. Aber wenn der Nächste kommt, dann ist der österreichische Fußball vielleicht ein bisschen schlauer.

    Mit Mateschitz ist der Nächste schon da.
    Den kenn ich nicht so gut. Aber Mateschitz ist ebenfalls ein Tycoon, der ein etwas glamouröseres Produkt zu bieten hat als Stronach. Jemand, der ganz offensichtlich auch um gesellschaftliche Anerkennung buhlt, aber etwas bedächtiger an die Sache herangehen muss, weil er aus Österreich ist und immer hier gelebt hat. Deswegen ist er auch mit der Öffentlichkeit, die einen hochjubelt und dann wieder niedermacht, sehr viel vorsichtiger. Aber im Prinzip eine ganz ähnliche Figur. Der ist die Nummer zwei, und es wird auch eine Nummer drei, vier und fünf geben.

    Es wird häufig gesagt, Frank Stronach habe die kanadische Mentalität mit zurück nach Österreich genommen. Was ist österreichisch an Frank Stronach?
    Natürlich hat er sehr viel aus Kanada übernommen. Seine ganze Geschäftserfahrung, das ist alles kanadisch, also typisch amerikanisch. Unterm Strich ist sehr wenig österreichisch an Frank Stronach. Sein persönliches Auftreten, seine Geschäftssitten, seine Träume und Ideen wirken in Österreich sehr exotisch. Ich habe mich oft gefragt, warum er das so macht – dann war ich zwei Wochen in Kanada und mir ist jeden Tag ein Kronleuchter aufgegangen. Es ist alles eine Selbstverständlichkeit für ihn: das Politikerkaufen, der Umgang mit Bürgerinitiativen, das sind alles Dinge, die er in Kanada vorexerziert hat. Und er hat keinen rechten Begriff von der Unterschiedlichkeit dieser beiden Länder.

    Hat Stronach auch beim Fußball nicht verstanden, dass den Leuten gewachsene Traditionen wichtig sind?
    Ganz sicher hat er das nicht verstanden. Genauso wenig hat er verstanden, dass der Erfolg in Österreich noch weniger als in anderen europäischen Ländern angebetet wird, dass es eine gewisse Liebe zum Misserfolg gibt. "Win, win, win", "Come in first, second place is a failure" - das sieht man in Österreich ganz anders. Dieser unbedingte Wille zum Erfolg, der ihn auszeichnet, der wird hier sehr skeptisch betrachtet. Und Stronach versteht diese Einstellung nicht.

    Glauben Sie, dass Stronach irgendwann die Lust an seinem Spielzeug verlieren wird?
    Ausschließen würde ich das gar nicht. Die Art und Weise wie dieses Engagement zu Stande gekommen ist und wie es betrieben wird, die lässt natürlich befürchten, dass es irgendwann sehr abrupt zu Ende sein könnte. Man muss ihm allerdings attestieren, dass er doch schon einiges an Stehvermögen in der Sache bewiesen hat. Seine Teilnahme im Fußballgeschäft dauert ja länger, als man es erwarten konnte. Aber der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Es ist nicht unbedingt sein Lebenswerk, Austria Wien zu sponsern und vielleicht wird er ja irgendwann dahinter kommen, dass er mit seinem ganzen Geld nicht viel ausgerichtet hat. Dann könnte ich mir gut vorstellen, dass er dieses Spielzeug wieder wegwirft.

    Das Gespräch führten REINHARD KRENNHUBER und STEFAN KRAFT

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    Zur Person: Norbert Mappes-Niediek, Jahrgang 1953, lebt als freier Korrespondent (u.a. NRC Handelsblad, Der Standard, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung) für Österreich und Südosteuropa in der Nähe von Graz. Seine hervorragende Stronach-Biografie erschien unter dem Titel "Let‘s be Frank" im August 2004 im deutschen Campus-Verlag (ISBN: 3593375648).

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