"Wir müssen den Kultursprung wagen"

18. Juli 2006, 13:45
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Warum Vorstände als Treuhänder ihrer Aktionäre Gagen-Transparenz üben sollen

Drei Jahre ist der heimische Corporate-Governance-Kodex, die Benimmregeln für Börsenanstand von Vorständen, Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfern, nun gültig. Ab Jänner 2006 wird jene Regel, die bis dato die individuelle Offenlegung der Bezüge der Vorstandsmitglieder lediglich empfiehlt, verschärft: Wer nicht einzeln offen legt, muss das erklären ("comply or explain"). Bis jetzt haben die großen heimischen Börsenfirmen offen gelegt, das Gros blieb aber beim Ausweis der Vorstandsaufwendungen in ihrer Gesamtheit, was rundum heftig kritisiert wird. Träger dieses Vorstoßes ist der Kapitalmarktbeauftragte der Regierung, Richard Schenz. Experten und Betroffene diskutierten das Thema auf Einladung des KARRIERENSTANDARD.

Internationale Trends und die Empfehlungen der EU nennt Richard Schenz für die Verschärfung in Österreich als ausschlaggebend, obwohl er persönlich sagt: "Mein Herz hängt nicht daran." Wichtig ist ihm das Beibehalten der Freiwilligkeit. Gesetzliche Regelungen, wie etwa in Deutschland seit heuer gültig, lehnt er ab. "Gesetze geben Scheinsicherheit", stimmt Berndt May, Chef des Investmenthauses JP Morgan, zu. Aus Sicht eines internationalen Fondshauses sagt er: "Vorstandsgagen sind nicht unser Investitionskriterium. Was uns schon interessiert, sind die variablen Bezüge und vor allem die Kriterien dafür."

Daran, so Rupert-Heinrich Staller, ein Verfechter der totalen Transparenz, Mitglied der Arbeitsgruppe Corporate Governance im Finanzministerium und in Aktionärsbelangen auch für die Meinl Bank tätig, könnten Investoren ja auch Unternehmensstrategie und Erwartungen an den Geschäftserfolg ablesen.

Es handle sich also um zentrale Informationen. "Wir müssen einen Kultursprung wagen", so Staller, der etwa Großbritannien zitiert, wo Offenlegung der Gehaltsbestandteile, der Aktienbestände und -transaktionen "daily business" seien.

Er ist überzeugt, dass Österreich zu dieser "Normalität" kommen werde: "Diese ganze Aufregung um die Neidgesellschaft wird schnell vorüber gehen. So wie bei einem Outing, das nur beim ersten Mal hohe Aufmerksamkeitswerte genießt."

"So halbschwanger", stimmt Paul Tanos, bis September 2004 als Aufsichtsrat der "starke Mann" im Palmers-Konzern und davor Wienerberger-Finanzvorstand, zu, sei Transparenz nicht zu handhaben. Wer seine Bezüge herzeige, müsse sich dann auch nicht mit geschätzten Rankings in Publikumszeitschriften herumschlagen. Der "Neid" sei wohl ertragbar.

"Die Aufregung wird bald vorüber sein", erwartet auch Georg Vetter, Anwalt in Aktionärsfragen und jüngst mit "Die neue Macht der Aktionäre" auch Buchautor zum aktuellen Thema. Vorstände und Aufsichtsräte seien in Publikumsgesellschaften schließlich "Treuhänder", die der Transparenz verpflichtet seien. Er ortet in Österreich diesbezüglich insgesamt "so etwas wie eine Bunkermentalität".

Fringe Benefits, also Dienstautos, Pensionsregelungen und Ansprüche bei Beendigung der Organfunktion, so Schenz, seien zentrale Informationen für Aktionäre. Wiewohl: Für die Vergütung des Vorstandes sei immer noch der Aufsichtsrat zuständig. Dort sieht Schenz auch den größten Handlungsbedarf: "Sie leisten teilweise schlechte Arbeit und werden schlecht bezahlt."

Einhellig befinden die Diskutanten: Aufsichtsräte dürfen keine variablen Gehaltsbestandteile empfangen, das sei eine zu starke Verquickung mit dem operativen Geschäft.

Wolfgang Anzengruber, Vorstandschef der Palfinger, will ab kommendem Jahr offen legen. Obwohl: "Das ist eigentlich nie Thema bei Investorengesprächen." Abgefragt würden, in Einklang mit den Interessen von JP Morgan, die Variablen. Er wirft die Frage nach den moralischen Schranken für Vorstandsgagen auf. Und zitiert dabei etwa den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und seine 28-Mio.-Euro-Gage. Einhelligkeit auch dazu: Die Runde ist für eine Deckelung. Schenz als ehemaliger OMV-General: "Wir haben das bei der OMV immer so gehalten." Tanos: "Wir bei der Wienerberger auch."

Rupert Dollinger, Konzernpersonalchef der Erste Bank, zum Thema Ackermann: In einem Atemzug 28 Mio. für sich selbst bekannt zu geben und gleichzeitig den Abbau von 6000 Mitarbeitern zu verkünden sei ein "kommunikationspolitischer Super-GAU".

Rund um Erste-General Andreas Treichl hatte es im Frühsommer gewaltige Aufregung gegeben, als er eine Gesamtgage von über vier Mio. Euro veröffentlicht hatte. Aktionäre und Analysten habe das allerdings nicht beschäftigt, so Dollinger: "Wir müssen schon aufpassen, dass wir in Österreich nicht so tun, als wäre das Gehalt von Topmanagern, die ihre Leistung nachweisen, unanständig."

Für internationale Spezialisten müsse man auch "300.000 bis 400.000 Euro in die Hand nehmen, damit die überhaupt daran denken, nach Wien zu kommen". Das sei in manchen Bereichen die Wirklichkeit, "nicht unsere oft recht biedermeierliche Ansicht".

Staller rollt das Problem auf: "Leistungsnachweis ist bei uns ja noch oft der Biennalsprung, davon müssen wir weg", schließt er den Kreis zur "notwendigen" Transparenz. "Ich sehe in der Transparenz beim Einkommen die Pforte zur Transparenz im Unternehmen insgesamt. Wer das schafft, hat Vertrauen gewonnen."

Finnland habe sich etwa mit dieser Offenlegung auch die "niedrigste Korruptionsrate in Europa" erworben.

Diese Transparenz, greift Georg Vetter den moralischen Aspekt von Wolfgang Anzengruber auf, könne wohl auch das Unrechtsbewusstsein in den Chefbüros schärfen.

Das Problem, sagt Paul Tanos, der jetzt als Berater und "Privatier" tätig ist, sei ja, dass Mittel gegen die extrem kurzfristige Orientierung der Unternehmenschefs notwendig seien. Schenz: "Ja, Quartalsdividenden gehören da ja zum größten Unfug." Es gehe, so beide unter Zustimmung der Runde, um zugrunde liegende Nachhaltigkeit. Diese müsse für Investoren auch sichtbar gemacht werden. Vetter: "Und die Organe sollen nicht als Selbstbedienungsladen erscheinen."

Letztlich, erwartet Schenz, werde die ab kommendem Jahr verschärfte Transparenzregel zu einer Steigerung der Vorstandsgehälter führen: "Weil die Vergleichbarkeit gegeben ist, da wird es ein Nachziehen geben." Allerdings: "Bitte vergleichen Sie nicht die Gagen amerikanischer CEOs mit Vorstandsbezügen bei uns. Das angelsächsische Board-Prinzip ist mit unserem Aktienrecht nicht vergleichbar. Heimische Spitzenmanger verdienen rund 20-mal so viel wie ihr durchschnittlicher Mitarbeiter, nicht 500-mal so viel." (Der Standard, Printausgabe 3./4.9.2005)

Von
Karin Bauer
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