Richtungsweisend

18. Juli 2006, 14:25
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Buchtipp: Amir D. Aczels lesenswertes Buch über den Kompass

Odysseus, Marco Polo, Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan, Flavio Gioia. Alles bekannte Seefahrer und Reisende. Fast alle. Denn: Wer war Flavio Gioia? Reist man heute nach Amalfi, dem vierzig Kilometer von Neapel entfernten Küstenstädtchen, dann entdeckt man dort ein Denkmal, das zu seinen Ehren errichtet wurde.

Dabei weiß niemand wirklich, ob dieser Flavio Gioia jemals lebte. War tatsächlich er es, der um das Jahr 1300 den Magnetkompass in seiner heute bekannten Form erfand, jene technologische Neuerung, mithilfe derer die Handelsherren dieses heute verschlafenen Ortes ohne nennenswerte Hafenbefestigungen 50 Jahre lang das Mittelmeer dominierten und noch vor Venedig und Genua zu imperialem Reichtum gelangten? Nachdem die Stadt aber unter den Einfluss der Normannen geraten war und mit diesen gegen Konstantinopel gekämpft und verloren hatte, schwand der Einflussbereich der amalfitanischen Händler.

Und an ihrer Stelle stieg rasch Venedig, La Serenissima, die Allerehrwürdigste, zu Glanz und Größe auf, die 450 Jahre währen sollten. Der wirtschaftliche Aufschwung der Lagunenstadt, der noch immer in Gestalt eindrucksvoller Palazzi, Kirchen und Repräsentationsbauten zu bewundern ist, verdankt sich allein dem Kompass. Auf diesen geht recht eigentlich der Wohlstand der gesamten westlichen Welt zurück und letztlich die Globalisierung. Denn erst vermittels des Kompasses gelang es nach 1500, im Zeitalter der Entdeckungen, Portugiesen und Spaniern, das Kap der Guten Hoffnung und Kap Hoorn zu umschiffen, die Welt zu umsegeln, neue Kontinente zu entdecken, neue Handelswege zu installieren und Weltreiche aufzubauen, die auf dem Handel basierten.

Schon im kleineren Maßstab ermöglichte der Kompass einige Jahrhunderte zuvor den Aufstieg Venedigs zur Handelskapitale des Mittelmeeres. Seefahrt auf hoher See gab es zwar schon vor Einführung des Magnetkompasses; Navigatoren richteten sich jahrhundertelang nach den Sternen, nach Lotungen, nach den Richtungen der Strömung oder des Windes, ja selbst nach Routen von Vögeln. Doch erst der Kompass erschloss den nebligen Winter, in dem ansonsten Schiffe in ihren Heimat- oder in anderen Häfen ungenutzt dalagen, als schiffbar.

Der in den USA lehrende Wissenschaftshistoriker und Statistikprofessor Amir Aczel weist in seinem Buch über den Kompass, diese Erfindung, die die Welt fundamental veränderte, überzeugend nach, dass die Chinesen einst den Magnetkompass ersannen. Doch sie verwendeten ihn nicht für nautische Zwecke, sondern für Planungen nach den Prinzipien des Feng Shui. In der westlichen Welt wurde der Kompass erstmals im Jahr 1187 in Aufzeichnungen des englischen Augustinermönchs Alexander Neckam erwähnt. Chinesische Quellen belegen dagegen, dass in Asien der Kompass und seine Wirkungsweisen schon 170 Jahre zuvor bekannt war. Diese Innovation brauchte sechs Generationen, um auf der Seidenstraße, der klassischen Festlandroute, Europa zu erreichen.

Aczel, ein glänzender und glänzend aufgelegter Cicerone, zeichnet die Geschichte des Kompasses gänzlich unprofessoral nach. Er führt leichthändig durch die Weltgeschichte. Unterhaltsam skizziert er Charaktere, Pläne und Entwicklungen, beschreibt verständlich und nachvollziehbar die Techniken, wie beispielsweise die Chinesen ihren Kompassfisch magnetisierten und wieso sie diese Invention brach liegen ließen. Ihm gelingen glänzende Kabinettstückchen, wie etwa die Schilderung der Reisen von Marco Polo, der in seiner Heimatstadt Venedig nur "Il Milione" genannt wurde, weil er den Reichtum am Hof des Mongolenkhans nur in solchen Dimensionen schilderte. Anderes hingegen, wie das Kapitel über die Kartierung des mediterranen Raums, hätte man sich gerne ausführlicher gewünscht. Aczels Buch ist erfrischend uneitel. Und autobiografisch geprägt. Denn Aczel verbrachte seine Kindheit auf See. Welcher andere Hochschullehrer kann schon von sich behaupten, als Fünfzehnjähriger das Navigieren auf dem Mittelmeer gelernt zu haben und als gerade einmal Zwanzigjähriger die "Theodor Herzl", ein Schiff mit 700 Passagieren an Bord, das unter dem Kommando seines Vaters stand, erfolgreich durch die Meerenge von Messina gesteuert zu haben. Natürlich mittels eines Kompasses. (DER STANDARD, Printausgabe vom 2./3.9.2005) 

Von Alexander Kluy
  • Amir D. Aczel, Der Kompass. Eine Erfindung verändert die Welt. Aus dem Englischen von Heiner Kober. 
€ 18,40/176 Seiten. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005
    foto: buchcover

    Amir D. Aczel, Der Kompass. Eine Erfindung verändert die Welt. Aus dem Englischen von Heiner Kober. € 18,40/176 Seiten. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005

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