Josef, Maria und das Handy

6. Oktober 2005, 17:18
posten

Ein Mann, ein Mädchen, ein Auto: Peter Henisch lässt ein Paar quer durch Italien fahren

In seinem jüngsten Buch zur Entwicklung der Welt stellt der US-amerikanische Trendforscher Jeremy Rifkin dem raumgebundenen American Dream, der der Vergangenheit angehöre, einen "europäischen Traum" gegenüber, der unter anderem vom Handy idealtypisch repräsentiert wird. In Ermangelung der Weiten des Westens, so Rifkin, bricht sich der Europäer Bahn in der virtuellen Welt der Telekommunikation.

Peter Henischs neuer Roman wirkt wie eine Illustration dieser Entwicklung, wie eine transatlantische Traumsynthese. In seiner road novel, die einen reiferen Mann und eine sehr junge Frau den italienischen Stiefel hinunter und wieder halb zurück führt, spielt das Mobiltelefon eine zentrale Rolle - so sehr, dass der Madonna des Piero della Francesca, die auf dem Cover zu sehen ist, mit feiner Ironie ein Handy beigegeben wurde.

Josef, "freier" Mitarbeiter einer deutschsprachigen Rundfunkanstalt, beruflich in Bedrängnis geraten durch drohende Einsparungen, privat angeschlagen von einer nur schlecht und recht bewältigten Trennung von Frau und Kind, kippt aus seinem ohnehin sehr labilen seelischen Gleichgewicht. Obwohl ohne Führerschein, setzt er sich ans Steuer eines Autos, in dessen Türschloss der Schlüssel steckt. Kurz nach diesem Start regt sich auf dem Rücksitz eine Person, die er beim raschen Einsteigen und Losfahren nicht bemerkt hat. Es handelt sich um Maria, Schülerin und Geliebte des katholischen Religionslehrers, dem das Auto gehört. Josefs erster Impuls ist, die unerwünschte Mitfahrerin zum Aussteigen zu bewegen, aber die weigert sich. Schon bald befindet sich das ungleiche Paar in Italien, wo es in gelegentlich geteilten Betten dennoch nicht zum Beischlaf kommt. Das liegt zuallererst daran, dass sich Maria gleich in der ersten Nacht als schwanger outet. Behaupteter Kindesvater ist der Religionslehrer mit dem märchenhaften Vornamen Wolf. Eine ebenso einfache wie hintergründige Konstellation.

Die romantische Zweisamkeit von alterndem Mann und jugendlicher Frau wird jedoch - lange ohne Wissen Josefs - durch einen Strom von SMS-Messages untergraben. Schon bald nimmt Maria mit Wolf Kontakt auf, der ihr durch halb Italien nachjagt. Ein zweiter Kommunikationspartner ist der junge Akrobat und politische Aktivist Francesco, von dem sich Maria schnell angezogen fühlt.

Die räumliche Flucht wird also zu jeder Zeit von der elektronischen Kommunikation relativiert bzw. negiert. Der Rundfunkjournalist, der seinen Job unter anderem wegen seiner Abneigung gegenüber neuer Technik verloren hat, verliert das Spiel nicht zuletzt durch mediales Analphabetentum. Die Road-Novel wird zum SMS-Roman.

Die technische Barriere ist nur eine Variante des größeren Themas dieses ambitionierten Buchs, nämlich des Zusammenbruchs der Kommunikation zwischen den Generationen. Dabei geht es aber nicht - wie etwa in Josefs eigener 68er-Jugend - um die Rebellion gegen die Autorität der Älteren, die ja eine, zwar gestörte, Art Dialog darstellte, sondern, bei aller phasenweisen Nähe der beiden, um die letztendliche Unfähigkeit, einander zu verstehen. Die schwangere Madonna ist eine, wenn auch sehr witzige, Dokumentation des Missverständnisses zwischen zwei Menschen. Erst durch die illegitime Lektüre der SMS bzw. von Marias Tagebuch wird Josef klar, wie weit entfernt er vom Leben seiner paternalistisch bevormundeten Reisegefährtin ist.

Ob man den Roman auch psychoanalytisch lesen will (immerhin begegnet der arme Josef in Maria unversehens einer Inkarnation seiner Anima) oder gar unter einem "heilsgeschichtlichen" Aspekt (schließlich läuft die Handlung just im Advent ab), ist Geschmacksache. Das überraschende Ende, das hier nicht verraten werden soll, kann mit einiger Dialektik vielleicht auch positiv gedeutet werden. Anderseits geht die Geschichte für den Religionslehrer denkbar böse aus. Und der von Panikattacken und Amnesien geplagte Josef gerät in Polizeihaft, da man ihm vorwirft, einen Anschlag auf das berühmte Madonnenfresko vorgehabt zu haben, dessen Ähnlichkeit mit Maria ihn frappierte.

Erzähltechnisch ist der Roman ein großartiger schriftlicher Monolog, eine knapp dreihundertfünzigseitige Unschulds- bzw. Schulderklärung des Untersuchungshäftlings an den mit dem Fall beschäftigten Commissario. Die grimmige Komik des Buchs resultiert auch aus dem interkulturellen Dialog, der immer wieder auf mögliche Kommunikationsschwierigkeiten verweist, die allerdings leichter lösbar scheinen als die zwischen den Generationen. Dadurch, aber auch durch die in den Text integrierten italienischen Sätze und das köstliche italienische Figuren- und Sachinventar, wird Die schwangere Madonna auch zu einem interessanten Beispiel neuer deutschsprachiger Italienliteratur.

Mit diesem tragikomischen Roman, dem zur Orientierung sogar eine Karte mit Reiseroute beigefügt ist, hat Italienkenner Henisch auch einen Kulturführer auf der Metaebene verfasst, der deutschsprachige Italienbücher auf den Prüfstand stellt und auf hintersinnige Weise im traditionellen literarischen Dialog zwischen "Nord" und "Süd" interveniert. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.09.2005)

Von Walter Grünzweig
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Peter Henisch:
    "Die schwangere Madonna"
    € 22,90/345 Seiten. Residenz Verlag, Salzburg 2005

Share if you care.