Der innere Feind

29. August 2006, 17:48
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Viel versprechender Be­ginn des Wettbewerbs: Ang Lee und George Clooney üben intelligen­te Kritik am restriktiven Klima der US-Gegenwart

Venedig - Selbst im Garten des Nobelhotels "Des Bains", in dem Visconti schon Tod in Venedig gedreht hat, herrscht Arbeitsatmosphäre vor. Gleich neben dem Pool werden Interviewrunden abgehalten. Jack Gyllenhaal macht gute Miene zum Marketingspiel und lässt sich mit Journalisten fotografieren. Heath Ledger sieht etwas unruhig aus. Er möchte ein wenig allein sein, aber kaum entfernt er sich zu weit, läuft schon eine PR-Frau aufgeregt hinter ihm her.

Der Australier hat in Venedig gleich drei Filme am Start. In Terry Gilliams Fantasy-Mär The Brothers Grimm spielt er Jakob Grimm, in Lasse Hallströms Casanova den Titelpart, und in Ang Lees ergreifendem neuem Film ist er Ennis Del Mar, ein introvertierter Cowboy, der einen Kampf gegen sich selbst ausficht:

Brokeback Mountain basiert auf einer Kurzgeschichte der Südstaaten-Literatin Annie Proulx. Er beginnt mit einer Panorama-Einstellung, wie ein Western, dann sieht man zwei Männer warten - Arche- typen, mit breitem Hut und lässigem Gestus. Ennis heuert gemeinsam mit Jack Twist (Gyllenhaal) an, um in der Wildnis von Wyoming Schafe zu hüten. Man sieht das entbehrungsreiche Leben, Gefahren dieses Jobs. Ganz unspektakulär zeigt Lee, wie die beiden Freunde werden. Dann: die erste Liebesnacht als Überrumpelung; danach ist eine Grenze gefallen.

Brokeback Mountain folgt dem Geschehen über Jahrzehnte. Ennis und Jack werden immer wieder in die Wildnis zurückkehren, aber ihr Verhältnis nie öffentlich machen. Ohne den Film auf ein "Thema" zu reduzieren, führt Lee die Unmöglichkeit dieser Liebe aus. Dabei stehen ihr weniger gesellschaftliche Hindernisse im Wege, als innere Hemmungen: das maskuline Selbstbild der Cowboys.

Amerika-Studien

Mit der Präzision, die schon seinen vergangenen Amerika-Studien zu Eigen war - von Der Eissturm bis zu Hulk -, taucht Lee auch hier in soziale Lebenswelten ein. Der in Taiwan geborene Regisseur ist ein Filmemacher der indirekten Vermittlung - beinahe diskret zeigt er die Irrwege einer Familiengründung, die stille Verzweiflung der Frauen und nicht zuletzt die latente Gewalt einer Gesellschaft, die auf eine bestimmte Norm besteht.

Good Night, and Good Luck, der zweite US-amerikanische Wettbewerbsbeitrag, übt Medienkritik über eine historische Persönlichkeit: den für seine Kommunistenhetze berüchtigten Senator Joseph McCarthy. Wobei es eine der klügsten Entscheidungen von George Clooneys zweiter Regiearbeit ist, diesen nur in Archivaufnahmen zu zeigen: So stört kein darstellerisches Virtuosentum, man kann den rasenden Paranoiker ganz authentisch erleben, und außerdem steigt die Konzentration im Zentrum, in den CBS-Fernsehstudios, in denen der Film beinahe zur Gänze spielt.

Im Mittelpunkt steht Edward R. Murrow (David Strathairn), Pionier des investigativen TV-Journalismus, der sich mit seinem Produzenten Fred Friendly (George Clooney) als einer der wenigen auf eine offene Konfrontation mit McCarthy einlässt. In gestochen scharfem Schwarz-Weiß vollzieht der Film die so aufrechte wie Nerven aufreibende Arbeit des Teams der Sendung "See it Now" mit und setzt im engen Ambiente auch visuell einiges in Bewegung.

Gesichtszuckungen erhalten hier die Bedeutung von großen Gesten. Zigaretten sind auch bei Moderationen noch unerlässlich (und werden entsprechend beworben). Vor allem aber werden durch das Spiel mit unterschiedlichen Bildebenen immer wieder erstaunliche Effekte erzielt. Wenn zum politischen Druck noch ein ökonomischer kommt, droht der aufklärerischen TV-Arbeit das Aus.

Es ist in Good Night, and Good Luck nie unklar, auf welche Gegenwart hier angespielt wird: Wir alle leben bereits in dem Zeitalter, in dem Fernsehen nur "noch Licht und Draht in einem Kasten" ist. Clooney setzt dem mit seinem Film ein Ideal entgegen, ganz ohne Nostalgie, angenehm nüchtern und konzentriert. (DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.09.2005)

Von Dominik Kamalzadeh aus Venedig
  • Fernsehen versus Politik: George Clooney - 
im Bild als TV-Produzent Fred Friendly - stellt mit "Good Night, and Good Luck" seine überzeugende zweite Regiearbeit vor.
    foto: image.net

    Fernsehen versus Politik: George Clooney - im Bild als TV-Produzent Fred Friendly - stellt mit "Good Night, and Good Luck" seine überzeugende zweite Regiearbeit vor.

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