In roter Pracht

17. Oktober 2005, 14:47
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Trotz der verbrieften Sortenvielfalt von Tomaten findet man auf österreichischen Märkten und im Handel selbst in der Hochsaison nur vier bis fünf Formen. Eine Verkostung

Tomaten sind die am weitesten verbreiteten Früchte der Welt. Trotz der verbrieften Sortenvielfalt findet man auf österreichischen Märkten und im Handel selbst in der Hochsaison nur vier bis fünf Formen. Christa Fuchs und Luzia Schrampf verkosteten.


Mehrere Tausend Sorten, Schätzungen reichen von 10.000 bis 300.000, sind im Laufe der Jahrhunderte entstanden, von denen die meisten aber in Vergessenheit geraten sind. Zwar haben sich Gemüsezüchter wie Erich Stekovics im burgenländischen Seewinkel, der rund 3000 Sorten hat, oder der Verein Arche Noah im niederösterreichischen Schiltern, der sich den Erhalt der Artenvielfalt von Gemüse und Obstsorten zur Aufgabe gemacht hat, ihrer angenommen. Aber in rauen Menger wird man alte oder seltene Sorten nicht auf Märkten und schon gar nicht in Supermarktregalen finden. Sorten, die übrigens trotz "good old times" nicht immer auch besonders aromatisch sind.

Selbst die gängigsten Paradeiser können von Markthändlern nur selten benannt werden. Während es bei Äpfeln üblich ist, Sorten genau zu unterscheiden, werden Tomaten vor allem in Großgruppen - Cocktail-, Cherry-, Eier- oder Fleischtomaten - unterteilt. Zuspruch erfahren dabei jene, die dem Paradeiser-Ideal entsprechen: kugelrund, knallrot und endlos haltbar. Für die industrielle Verarbeitung eignen sich Sorten, die möglichst fest sind und maschinell geerntet werden können. "Campari", zum Beispiel, ist beliebt, weil Geschmack und Konsistenz durch Nährlösungen fast punktgenau gesteuert werden können. Seit längerem en vogue sind Rispenparadeiser, die durch das Grün des Stängels geruchlich einiges bieten, was sich aber nicht immer im Geschmack niederschlägt.

Kriterien und Auswahl

Beurteilt wurde eine willkürliche Auswahl aus Supermarktregalen und vom Naschmarkt nach Intensität von Geruch und Geschmack, Süße-Säure-Spiel, Konsistenz von Haut und Fruchtfleisch. Die Paradeiser wurden pur probiert. Testobjekte ohne Herkunftsangabe wurden am Naschmarkt unter den ausgewiesenen Bezeichnungen erstanden.
Die Ergebnisse

Das Fazit vorweg: Gefällige Optik ist nicht alles. Auch "Freiland" hält nicht immer, was man sich gemeinhin davon verspricht. Der Preis steht in keinerlei Relation zur Qualität. Supermarktware schlug sich nicht ganz so schlecht, wie das Vorurteil meint.

Verkostet wurde zuerst ein "Pegelparadeiser": eine Normalo-Tomate, gartengereift, ohne große Ambitionen aus einer Pflanze gezogen, die in einer Gärtnerei gekauft wurde, wo man keine näheren Angaben zu Name/Sorte machen konnte. Die Frucht riecht und schmeckt frisch, prototypisch paradeisig, wenn auch sehr süß, fast schon Confit-artig, mit eher wenig Säure. "So soll's sein" - daher 8 Punkte.

1. "Tomaten" - 1,69 € / kg bei Billa
Surprise, surprise: optisch und haptisch sehr sympathisch - klein und sehr kompakt; knackige Haut; riecht würzig-fruchtig; appetitanregendes Süße-Säure-Spiel, dazu eine nussige Komponente, vielschichtig; sollte aufgrund der Säure gut zu Mozzarella passen. 8,5 Punkte

2. "Tom Tasty" - 4,49 € / kg bei Eurospar
Viel Saft; intensiver Fruchtgeruch nach dem Anschneiden; dezente und reife Säure; ausgeprägter Fruchtgeschmack und süß. 7,5 Punkte

3. "Eiertomaten" (spitz) aus Italien - 1,25 € / kg
Riechen intensiv fruchtig; ungewöhnliches Innenleben: hohl wie ein Paprika, kompakter, geleeartiger Kern; kein Deka Saft; schmecken fruchtig mit kräftiger Säure, bissl nussig, insgesamt sehr stimmig, hält lange an. 7 Punkte

4. "Fleischtomate" aus Österreich - 2,49 € / kg
Klassisches Rot, intensiver Geruch nach Stängeln nach dem Schneiden; weiche, samtige Konsistenz; frisch-säuerlich, cremige Textur; gut, aber nicht ganz überzeugend. 6,5 Punkte

5. "Karli Fleischparadeiser" - 2,80 € / kg
Eigenbau des Wiener Gärtnereibetriebes Kuczera: Sohn Karl kultiviert eine "alte unbekannte Sorte", deren Samen "aus dem Garten des Onkels" stammen: sehr helles Rot, "Boudouoir-Rosa" mit grünen Einsprengseln; "verwachsen"; riecht ausgesprochen fruchtig; prächtiges, fleischiges, marmoriertes Innenleben mit wenigen Samen; könnte etwas intensiver schmecken, ist aber harmonisch; erinnert in aller Samtigkeit an Marillen. 6 Punkte

6. "Eiertomaten" aus Italien - 1,80 € / kg
Haut satt rot, extra "bissfest" und fast nur zum Abziehen geeignet; Innenleben auffallend dunkelrot; feiner Geruch; schmeckt belebend, fast spritzig, erinnert an Essig; Süße fehlt etwas; ideal für Paradeiswürfel, die halbwarm einer Pasta zugefügt werden. 5,5 Punkte
7. "Tomatenzwerge" aus den Niederlanden - 11,92 € / kg, Merkur (verpackt zu 125 g)
Die "Naschtomaten" riechen mäßig intensiv; dicke Haut, die sehr nach Paradeisstängel schmeckt; intensiv süß-sauer; idealtypischer Cocktailparadeiser. 5 Punkte

8. "ja natürlich! Bio-Tomaten" aus Österreich -
2,49 € / kg bei Merkur

Gibt geruchlich einiges her, schmeckt leider enttäuschend wässrig, da man sich ob der Intensität des Geruchs mehr erwartet. 4,5 Punkte

9. "Natur pur Bio-Cocktail Tomaten"
aus Österreich - 5,16 € / kg bei Eurospar

Absolut geruchlos; viel Fruchtsaft, viele Kerne, ausgeprägter Süß-Sauer-Effektt. 3 Punkte

10. "Freilandtomaten Inland" - 1,30 € / kg
Kein Schönparadeiser, was für den Geschmack egal sein sollte; klein, gesprenkelte Haut beim Stielansatz; dezenter Paradeisgeruch; schmeckt zwar fruchtig, aber auch stängelig hintennach; fühlt sich im Mund mehlig ("griaslat") an; Haut uncharmant hart, wie Paradeiser im späteren Herbst. 3 Punkte

11. "Österr. Freilandtomaten" - 1,50 € / kg
Wie aus dem Bilderbuch; riecht nach Sauvignon Blanc der unreifen, stängeligen Sorte; lässt ziemlich viel Wasser beim Schneiden; knackige Haut, fühlt sich im Mund gut an; aber geschmacklich neutral, uninteressant, keine Frucht; enttäuschend. 2,5 Punkte

12. "Italienische Kirschparadeiser" - 5,80 € / kg
Prototypisch Ferrari-rot; intensiver paradeisiger Geruch; sehr fleischig; knackige Haut; aber Geruch hui, Geschmack pfui; hält bei Weitem nicht das, was Optik und Geruch versprechen: schmeckt abgestanden - die Enttäuschung ist groß. 2 Punkte
(DER STANDARd, Printausgabe vom 3./4.9.2005)

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.
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