Der Kindersegen hängt schief

21. Dezember 2005, 15:05
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Vom Mut zu - mehr - Kindern hängt aller Reichtum ab - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Wenn am Montag die Schule anfängt, werden wir auf rund fünf Prozent weniger Schultüten blicken als noch vor einem Jahr. Schade, denn gemäß WHO-Studie fühlen sich Schüler hier besonders wohl: Österreich liegt unter 35 Ländern bei Elfjährigen in puncto "Klassenklima, nette Schulkameraden und bewältigbare Hausaufgaben" auf Platz drei - nach den Pisa-Ergebnissen ein positives Signal in die richtige Richtung. Negativ ist hingegen die demografische Entwicklung. Um fast 30 Prozent hat sich die Zahl der Schulanfänger seit Mitte der 70er-Jahre verringert; bis 2010 wird sie noch weiter dramatisch fallen, von heute rund 90.000 auf 59.000.

"Kinder" kombiniert sich in den meisten europäischen Industrieländern kaum mehr mit "-reichtum" und "-segen", sondern mit "-armut" und "-sorgen". Fatal, denn vom Mut zu - mehr - Kindern hängt aller Reichtum ab - ökonomisch, politisch und vor allem menschlich:

1. Trendsetter mit hoher Kaufkraft: Wirtschaft lebt von Innovation und Innovation von Jugend. Neugier, Offenheit und der Wunsch, "anders" zu sein, spiegeln sich im (Wirtschafts-) Verhalten der Jugendlichen. Als "Early Adopters" neuer Technologien beeinflussen sie die Akzeptanz neuer Produkte - und mit ihrer Kaufkraft von 863 Millionen Euro pro Jahr sind die 1,7 Millionen "Under 19" eigenständige Trendsetter über ihre Altersklasse und soziale Gruppe hinaus. In einer jugendbegeisterten Welt setzen sie Leitbilder und mit ihrem ausgeprägten Wunsch nach Zugehörigkeit, Status und Qualität sind sie Balsam für die Markenartikler - nur 22 Prozent "legen keinen Wert auf Marken".

2. Katalysatoren für Reformen: Zu schaffen macht uns vor allem die Kinderabstinenz der Eliten. Bildung und beruflicher Erfolg wirken wie Verhütungsmittel - vor allem bei Männern, wie neue Studien belegen: es fehlt nicht der Kinderwunsch der Frauen, sondern der passende Partner - und das familiäre Netzwerk -, das die (Mit-)Verantwortung übernimmt. So bleiben 59 Prozent der männlichen (gegenüber 52 Prozent der weiblichen) Hochschulabsolventen zwischen 30 und 35 Jahren kinderlos - und setzen damit entsprechende Lebensstilstandards - dagegen nur 38 Prozent der Hauptschulabsolventen. Viele junge Männer können nicht zwischen Spaß und Freude unterscheiden, sagt Soziologe Schmidt - jedenfalls nicht, wenn die Freude Mühe kostet. Dabei wollen es Jugendliche anders machen: In einer Befragung von 2000 Jugendlichen wünschten sich 45 Prozent "auf jeden Fall" Kinder. Mehr als die Hälfte (60 Prozent) würde eher auf den Traumjob verzichten als auf eine Familie (25 Prozent). Im Falle des Kinderwahlrechts würden sie wahrscheinlich mehr Raum für eine familienfreundliche Politik schaffen.

3. Glücksbringer mit Langzeiteffekt: Keine Entscheidung hat so langfristige Auswirkungen - und setzt daher Zuversicht in die Zukunft voraus. "Angst macht unfruchtbar", so ein Titel der Süddeutschen Zeitung. Gerade in reichen Ländern haben 62 Prozent der befragten Kinderlosen Angst, bei einer Familiengründung ihren Lebensstandard nicht halten zu können: eine halbe Million Euro kostet ein Kind bis zum 18. Lebensjahr. Rechnen allein macht aber nicht glücklich. "Vom Umgang mit Kindern gesundet die Seele", wusste Dostojewski, und die moderne Glücksforschung gibt ihm Recht.

Denn: Keine Entscheidung schafft im positiven Sinne so viel Halt. Kinder sind die besten Aktien, die man haben kann: Jährliche Wachstumsraten sind sicher, und sie erzeugen ein unerschöpfliches Depot - an Liebe, Zuwendung, Zukunft. Von Novalis wissen wir: "Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter". Werden sie aus unserer Gesellschaft vertrieben, so steht uns eine dunkle Zeit bevor.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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