"Verunglücktes Projekt"

3. November 2005, 14:09
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Wiens Stadtschul­rats­präsidentin Susanne Brandsteidl will die schulautonomen Tage abschaffen

Wien/St. Pölten - Pünktlich zum Ferienende wird in Wien die Sinnhaftigkeit von zusätzlichen freien Tagen für die Schüler diskutiert. Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SP) forderte am Donnerstag eine ersatzlose Streichung der bis zu fünf freien Tage, die jedes Jahr von den Schulen autonom festgelegt werden können.

Es sei "belastend" für Eltern mit mehreren Kindern, an unterschiedlichen freien Tagen eine Beaufsichtigung zu finden. Die schulautonomen freien Tage seien ein "verunglücktes Projekt", da sie nicht für Schulentwicklung und Lehrerweiterbildung genutzt würden, sondern als zusätzliche Ferien.

Direktoren von Wiener Schulen sind geteilter Meinung: Einerseits seien viele Eltern unzufrieden mit der praktizierten Form, andererseits seien die autonomen Tage sinnvoll. Heidi Schrodt, Direktorin des Wiener Gymnasiums Rahlgasse, ist gegen eine ersatzlose Abschaffung, spricht sich aber für Neudefinierung und zentrale Abstimmung aus.

Das Bildungsministerium nimmt zu Brandsteidls Vorstoß keine Stellungnahme und spielt den Ball zurück: Die Kontrolle der sachgerechten Verwendung liege in Brandsteidls Verantwortung. BZÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann sieht dagegen keinen Anlass für die Abschaffung der "familienfreundlichen" Frei-Tage.

Flexibel sieht man indes in Niederösterreich die Schulzukunft: Mit Donnerstag tritt das "Modell Niederösterreich" in Kraft, samt einer Gesetzesnovelle, die die 25 Pflichtschulbezirke in fünf Bildungsregionen zusammenfasst.

Lehrerverschickung

Ein Vorteil dabei, laut Landesschulratspräsident Adolf Stricker: "Pflichtschullehrer können jetzt innerhalb einer Region statt eines Bezirks zum Supplieren herangezogen werden." Angesichts knapper Lehrerdienstposten eröffne dies die Möglichkeit, "aus dem Stellenplan so viel wie möglich herauszuholen".

Eine Lehrerstelle gibt es derzeit für 14,5 Schüler, Klassen werden ab dem 32. Schüler geteilt. Dies hat den Effekt, dass bei abnehmenden Schülerzahlen die Zahl der Dienstposten rascher sinkt als die Zahl der Klassen: Das System produziert einen Lehrer(dienstposten)-Mangel.

In Niederösterreich werden heuer um rund 2500 Kinder weniger als im vergangenen Jahr eine Pflichtschule besuchen. Bei gleich bleibender Lehrerzahl würde dies "Chancen eröffnen", merkt Emmerich Weiderbauer von den Landesgrünen an. Etwa mittels "besserer Nachmittagsbetreuung und mehr Ressourcen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen".

Doch "der Sparkurs des Bundes" erzwinge fragwürdige Flexibilität, kritisiert SP-Landesschulratsvizechef Werner Bauer-Wolf. Für ihn ist das "Modell Niederösterreich", das auch in anderen Bundesländern zur Diskussion steht, ein "Etikettenschwindel". (DER STANDARD-Printausgabe,2.9.2005)

Von Irene Brickner und Karin Krichmayr
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