Skoceks Zeitlupe: Die kurzen Beine

17. März 2006, 20:07
9 Postings

Gedanken zu Doping, Radsport, wirtschaft­lichen Interessen und deren Rechtfertigung

8. Juli 1998: Drei Tage vor dem Start der 85. Tour de France wird Willy Voet, ein Masseur der Festina-Mannschaft, von der Polizei gestoppt. Das offizielle Teamfahrzeug ist mit verbotenen Medikamenten voll. Festina wird suspendiert, fünf Fahrer gestehen Doping, der französische Superstar Richard Virenque kann sich dazu erst drei Monate später durchringen. Marco Pantani gewinnt nach dem Giro auch diese "Tour de Graus". Die letzte vor Lance Armstrongs erstem von sieben Siegen. Pantani wird 1999 wegen Sportbetrugs zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Den Dopingverdacht wird er nie wieder los. 2003 zieht er sich, von Depressionen geplagt, in ein Sanatorium zurück, am 14. Februar 2004 finden sie in Rimini seine Leiche.

Lance Armstrong und der US-Radsportverband meinen jetzt, die von der französischen Sportzeitung publizierte Meldung, eine Dopingprobe Armstrongs von 1999 habe EPO (Erythropoietin) enthalten, "sei eine Sache, die bloß die Franzosen interessiert". Nach dem Reglement ist der Radler nicht bestrafbar, die Meldung schadet Armstrongs Ruf und hebt die Auflage von L'Equipe, deren Konzern die Tour veranstaltet. Das Labor Chatenay-Malabry analysierte die Probe nachträglich aus "wissenschaftlichem Interesse" und anonym. Dort wurde nach der Skandal-Tour 1998 die EPO-Analysemethode mitentwickelt. In Italien wie in Frankreich werden Dopingsünder seither wie Verbrecher behandelt.

Vielleicht soll die Skandalisierung Armstrongs eine Rechtfertigung der großen Investitionen und der scheinheiligen (Sport-)Politik und Medienmaschine erwirken. Erst brauchen sie Helden, dann Opfer. Pantani zerbrach. Armstrong ist härter. Und weiter weg. (DER STANDARD Printausgabe 02.09.2004)

Share if you care.