Gastkommentar: Warum der Ölpreis weiter steigen muss

21. Dezember 2005, 15:05
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...und wie ein Plan B zur Verringerung des Verbrauchs fossiler Energie aussähe - von Christoph Chorherr

Der wesentliche Grund ist so einfach und radikal, dass ihn kaum jemand wahrhaben möchte: Es ist nicht genug "Stoff" da. Genauer: Die Menge Öl, die wir ca. 25% im industrialisierten Norden verbrauchen, ist derart enorm, dass es ausgeschlossen ist, gesellten sich zu diesem "Klub" weitere Länder hinzu. Aber genau das wollen sehr viele andere, China und Indien, oder Indonesien, oder Tansania oder oder... Dabei braucht ein durchschnittlicher Chinese, der jetzt auch einen Eiskasten, Beleuchtung, vielleicht gar ein Auto möchte, derzeit nur ein Achtel der Energie verglichen zu uns.

Allein um den Zuwachs des Ölverbrauchs in China in den nächsten 20 Jahren abzudecken, müsste ein ganzes Saudiarabien gefunden werden. Das ist die "Nachfrageseite".

Ernüchterung

Auf der "Abgebotsseite" müssen wir Tatsachen ins Auge sehen, die fatalerweise heftig negiert werden: Kaum etwas spricht dafür, dass für diesen weiteren Verbrauchszuwachs genug Öl da ist. "Peak-Oil" lautet die Ernüchterung, womit folgendes gemeint ist: Ab ca. der Hälfte der Ausbeutung eines Ölfeldes geht die geförderte Menge zurück, vergleichbar einer saftigen Orangenhälfte; am Anfang reicht sanfter Druck, "der Saft" fließt reichlich. Später muss man schon sehr fest drücken, um deutlich weniger herauszubekommen. Heute sind ganze Länder "post peak", das heißt, ihre Förderung geht zurück.

Die USA z.B. haben ihre Förderspitze Anfang der 70er-Jahre gehabt, seitdem sinkt ihre Produktionsmenge. Die Nordsee hat vor einigen Jahren ihr Fördermaximum erreicht, seitdem sinkt die Menge des geförderten Öls .

Nahezu alle Länder - mit Ausnahme des Nahen Ostens - sind entweder "post peak" oder nahe dran. "Aber die neuen Funde!" schreien jene, die diese Tatsachen nicht wahrhaben wollen. Ja, es wird immer neues gefunden, aber wie ebenso bekannt und dokumentiert ist, sind diese neuen Funde immer kleiner und unergiebiger. Der Großteil auch der saudischen Produktion kommt aus Feldern, die in den 60ern und früher gefunden wurden.

Plan B nicht in Sicht

Conclusio: Öl gibt's noch für sehr sehr lange, es geht nicht aus; aber nicht genug, um unseren Lebensstil, den so viele wollen, zu versorgen. Deswegen MUSS der Rohölpreis deutlich steigen. Was politisch so absurd ist: Ein Plan B, einer, der zeigt, wie man mit deutlich weniger fossiler Energie auskommt (was auch wegen des Klimas heftigst anzustreben wäre) müsste entwickelt und umgesetzt werden - zu sehen ist politisch kaum etwas davon.

Da geht's um eine neue urbane kompakte Stadtentwicklung (Rad und Öffis) statt der Zersiedelung, die das Auto forciert. Da geht's um Passivhäuser als Regelfall, und die vorbehaltlose Förderung solarer, eneuerbarer Energie. Da geht's um neue Technologien, die Energieeffizienz zum obersten Ziel haben. Stattdessen wächst - vor allem in den Städten - die Zahl der geländegängigen, benzinfressenden SUVs (Sport Utility Vehicles).

Um abschließend nur ein Beispiel (unter hunderten) zu nennen: Was ist das für eine Ignoranz, dass im Holzland Österreich noch immer mehr als 900.000 Häuser und Wohnungen mit Öl statt mit Holz (z.B. vollautomatisch abgasarm mittels Pellets) beheizt werden?

Stattdessen jammert man über den hohen Ölpreis und hofft auf bessere Zeiten.

Zur Person

Christoph Chorherr ist Verkehrs-, Stadtplanungs- und Energiesprecher der Grünen im Wiener Landtag.

Linktipp

Mehr Details zu Peak-Oil im Weblog des Autors: www.chorherr.at
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