Trümmerfrauen und Aufbauhelden

28. November 2005, 17:08
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Zum geschlechtsspe-
zifischen Gedächtnis ... auch wenn der Kelch des so genannten "Gedankenjahrs" bald vorüber ist

Das so genannte "Gedankenjahr" ist nun bald vorbei. Vom Pomp und Glammer, mit dem dieses Jahr begangen werden hätte sollen, war wenig zu sehen. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Die Massen scheinen sich das Schafkostüm erfolgreich verwehrt zu haben.

Was dennoch vom "Gedankenjahr" blieb, ist die unsägliche Diskussion rund um die eine finanzielle Entschädigung der so genannten "Trümmerfrauen", die nach Ende des Zweiten Weltkriegs - ob der Abwesenheit der Männer - Österreich wieder aufzubauen begannen. Oder sollte man besser "Trümmermütter" sagen, will die Regierung doch nur jenen Frauen etwas ausbezahlen, die ihrer nationalen Reproduktionspflicht nachgekommen waren.

Wir sprechen also hier von Müttern, ...

... die Eingang ins kulturelle Gedächtnis Österreichs - das nach Janu und Aleida Assmann das offizielle, staatstragende und inszenierte kollektive Gedächtnis definiert - gefunden haben. Warum wird gerade den Müttern gedacht, sondern nicht einfach den Frauen, die am Wiederaufbau beteiligt waren? So wie auch kein Unterschied zwischen den fleißigen Männern und Vätern gemacht wurde/wird. (Zumeist auch nicht zwischen Nazis und Nicht-Ehemaligen ...)

Die geschlechtsspezifische Komponente des Gedächtnis thematisieren Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit und Silke Wenk in dem von ihnen herausgegebenen Buch "Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids". Hervorgegangen aus einem Symposium zum Frauenkonzentrationslager Ravensbrück beschäftigen sich 18 Aufsätze auch mit theoretischen und methodologischen Fragestellungen rund um das Thema.

Trotz Gedächtnishype ...

... in den Kulturwissenschaften, schien für die Auseinandersetzung mit der Geschlechtsspezifik des Gedächntis lange Zeit kein Platz zu sein. So fanden Erinnerungen an Vergewaltigungen von Seiten der alliierten Befreier, Lagerbordelle in KZs oder sexuelle Belästigung von Menschen, die jüdische Frauen während der NS-Zeit versteckten, keinen Raum. Scham der Frauen, moralische Schranken, schlechtes Gewissen gegenüber den "Helfern" und Befreiern sowie das Desinteresse der Gesellschaft, ambivalente Vergangenheitserzählungen zuzulassen, unterdrückten diese Seite des Gedächtnisses.

Das Buch geht hier einen neuen, anderen Weg: Unter den Kapiteln "Verleugnungen", "Sakralisierungen", "Sexualisierungen" und "Verschiebungen" werden sowohl Fragestellungen behandelt, die manchmal ganz schön unter die Haut gehen. Zeitweise liest sich dieses durch und durch wissenschaftliche Buch dennoch wie ein Gruselroman, wahrscheinlich auch deshalb, da die Aufsätze völlig neue Aspekte der Zeit thematisieren. Nicht nur Historikerinnen wärmstens ans Herz gelegt.

(e_mu)

Hrsg. v. Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit u. Silke Wenk.
Gedächtnis und Geschlecht.
Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids.

426 S. / 30,80 Euro.
Verlag Campus 2002.
ISBN 3-593-37053-0.

Das Buch ist u.a. im Frauenzimmer oder bei Amazon erhältlich.
  • Das Buch "Gedächtnis und Geschlecht" beschäftigt sich mit den geschlechtsspezifischen Aspekten der Erinnerung.
    campus
    Das Buch "Gedächtnis und Geschlecht" beschäftigt sich mit den geschlechtsspezifischen Aspekten der Erinnerung.
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