Ein grünes Wunder

26. November 2005, 19:29
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Parties gibt es hier nicht. Dafür wandert man auf Palma durch Lorbeerwälder oder auf Lavafeldern - und zwar meist von oben nach unten

Zum Strand-Remmidemmi muss man nicht nach La Palma fahren, als Partyinsel eignet sich das benachbarte Gran Canaria besser. - Was einmal daran liegt, dass Badeplätze hier auf der drittkleinsten Kanarischen Insel an etwas mehr als einer Hand abzuzählen sind. Mit den Felsenbädern von Charco Azul und La Fajana kann man noch den einen oder anderen Finger dazu nehmen.

Alle jene, die Naturerlebnisse beim Wandern und Mountainbiken den Strandurlauben vorziehen und vielleicht auch kein Problem damit haben, sich selbst zu organisieren, sind hier goldrichtig. La Palma ist die unauffälligste aller kanarischen Urlaubsinseln, eine Anhäufung von Vulkanen, deren ältester auch die Landschaft prägt. Auf der Landkarte hat La Palma die klassische Vulkaninselformen, ein gleichschenkeliges Dreieck in Nord-Süd-Ausrichtung auf die Spitze gestellt. Darauf die Bergkette der Caldera de Taburiente, die sich in Form eines Fragezeichens von Norden nach Süden zieht.

Die bewaldeten, grünen Steilwände sind deshalb so beeindruckend, weil die 2400 Höhenmeter unmittelbar daherkommen. Auf Meeresniveau beginnend schraubt man sich über steile Serpentinenstraßen an der Außenseite des einstigen Kraters bis hinauf zur Roque de los Muchachos ("der Fels der Jünglinge"), mit 2462 Metern der höchste Punkt der Insel.

Kurz vor dem Gipfel passiert man mehrere Observatorien, die an James-Bond-Filme der 60er-Jahre erinnern, obwohl erst Mitte der 80er wegen der klaren Luft hier errichtet. In Richtung Süden parallel zur Küste schließen Cumbre Nueva und Cumbre vieja an, die bis zur Südspitze der Insel nach Fuencaliente und dem San Antonio auf 600 Meter abfallen.

Für Gelegenheitsbergsteiger empfiehlt es sich dringend, diese Begehung von oben nach unten anzulegen, und nicht von gipfelstürmerischen Ehrgeiz beseelt, das Ganze vom Meeresniveau weg aufzurollen. Immerhin ist man hier auf der geografischen Breite der marokkanisch-mauretanischen Grenze, was man ob des angenehmen Meeresklimas und der kühlenden Passatwinde gerne vergisst.

Diese sind übrigens auch für das sich täglich wiederholende Wolkenschauspiel zuständig. Die Wolken bilden sich über der Meeresoberfläche, der Wind treibt sie gen Westen. Im Laufe des Vormittags stauen sie sich an der Cumbre, bis sie wie Trockeneisnebel auf die andere von der Sonne beschienenen Seite "rinnen" und sich dort in kürzester Zeit auflösen. Die Vielfalt von Landschaft und Vegetation ist hinreißend, die Farbenspiele überraschend. Wanderrouten könnte man zum Beispiel nach den Landschaftsfarben wählen, denn die Anreisewege sind kurz. Ist einem nach beruhigendem Grün - ab in den Norden der Insel, in den Lorbeerurwald bei Los Tilos oder in die Caldera. Etwa 170 Pflanzen sind endemisch, paradiesische Verhältnisse also für botanisch Interessierte.

Los Brecitos auf etwa 1200 Metern Höhe ist beispielsweise ein klassischer Startpunkt für Wanderungen in der Caldera. Er wird von einem Parkplatz hinter Los Llanos aus angefahren. Die Jeeps sind voll mit Wanderwilligen, die dann oben "ausgelassen" werden und sich über einen der zahlreichen Wege in die Caldera aufmachen. Man muss also keine Angst haben, sich sozusagen in der Masse den Berg hinabzuwälzen.

Über die Innenseite des ehemaligen Vulkankegels geht es durch landschaftliche Wundergegenden hinunter bis zur Playa de Taburiente. An diesem zentralen Punkt, wo einige der in dieser "Gebirgsschüssel" entspringenden Bäche zusammenkommen, lässt man sich gerne davon überzeugen, dass sich Gebirgsbäche doch zum Baden eignen.

Über welchen Weg man weitermacht, ist eine Frage der Kondition. Es ist einigermaßen anstrengend, aber jedenfalls lohnend nach einem steilen Abstieg auch noch drei Stunden über das Geröll des Flussbetts des Barranco de las Angustias zu turnen, bis man wieder den Parkplatz erreicht, wo man des Morgens in den Jeep gestiegen ist.

Es gibt einige Veranstalter und Institutionen, die sich auf geführte Touren auf der ganzen Insel spezialisiert haben. Auch speziell auf Pflanzen und Vulkanismus geschulte Experten werden als Guides eingesetzt. Die Ruta de los Vulcanos ist mit Sicherheit der bekannteste Wanderpfad dieser Insel. Die ganztägige Tour beginnt am Pass El Pilar, von wo es nach einem kurzen Anstieg durch den "bosco de pina", einen Pinienwald, dann nur bergab bis zur Südspitze der Insel geht. Ein Krater nach dem anderen wird passiert, unter der Schuhsohle knirscht vulkanisches Gestein in Gelb, Rot und Schwarz. Je weiter südlich, desto mondartiger die Landschaft, der Duft der Nadelbäume ist stets präsent. Die Form der Krater reicht von klassisch rund bis zu langen Rissen in der Landschaft. Vorbei an erstarrten Magmaseen wandert man durch ein breites Lavakar mit Kiefern, auf dem eine Schneise abgeholzt wurde, um Waldbrände einzudämmen, die übrigens zu 98 Prozent gelegt sein sollen. Es folgt ein Aufstieg auf einen Lavakegel, um dann auf der anderen Seite bergab zu rennen. Was sich anfühlt, als ob man durch Sand laufen würde. Stürze fallen allerdings wegen der scharfkantigen Steine nicht gerade glimpflich aus. Und die Bergschuhe sind danach gut "mit Vulkan" gefüllt.

Der Teneguía ist zwar ein kleiner Krater im Gegensatz zu anderen, aber durch die Nähe zum Meer angeblich sehr gefährlich. Das Magma kühlt durch Wassereinbruch ab, es formt sich eine Art Deckel, unter dem es weiterbrodelt, um irgendwann wieder zu explodieren. Der letzte Ausbruch im Jahre 1971 hat einen kohlschwarzen, einige 100 Meter breiten Lavastreifen hinterlassen, der auf beiden Seiten des Berges hinunterläuft und durch den sich jetzt stellenweise wieder Pflanzen arbeiten.

Touristenströme mit Rekordzahlen wie auf den kanarischen Inselschwestern wird es hier wohl nicht geben. Nachdem Versuche, einige Großhotels zu bauen, nicht wirklich glückten, entdeckte man bereits vor einigen Jahren den "Turismo Rural" für die Insel und hat damit einen sympathischen Weg eingeschlagen. Leer stehende Bauernhäuser werden revitalisiert und an Gäste vermietet. Und dorthin kann man sich nach dem Wandern ja getrost zurückziehen. (Der Standard/rondo/2/9/2005)

Service>>> Anreise:
Stanta Cruz (La Palma) wird von Österreich aus z. B. von Niki angeflogen:
flyniki
Unterkunft:
"Turismo Rural" ist auf Initiative der Landwirtschaftsbehörde auf La Palma mit Subventionen der EU entstanden und bietet sanierte Bauernhäuser im
landestypischen Stil: La Palma Turismo Rural;
Die TUI bietet bei der Buchung von bestimmten Anlagen auf La Palma den Mietwagen inklusive: Tui
Wandern: ASI Wanderreisen bieten Wanderreisen auf La Palma, u. a. an den Hängen der Caldera, und den anderen Kanarischen Inseln an: ASI;
E-Mail: Info@asi.at

Von Luzia Schrampf
  • Rund 170 Pflanzen sind auf der vulkanischen Insel endemisch, also nur hier vorkommend.
    patronata de turismo

    Rund 170 Pflanzen sind auf der vulkanischen Insel endemisch, also nur hier vorkommend.

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