Schöner essen

10. November 2005, 15:46
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Kosmetik von innen, auch Nutricosmetics genannt, verspricht Hilfe gegen dünnes Haar oder Falten. Der Markt boomt - auch in Österreich

Nutricosmetics (von nutrient, auf deutsch Nährstoff, und cosmetics, Kosmetik) liegt die Annahme zugrunde, dass gutes Aussehen Ausdruck innerer Ausgeglichenheit ist. Klar, Biologen und Psychologen wissen: Die Haut durchblutet besser bei freudigen Gefühlen. Die Augen bekommen einen strahlenden Glanz, wenn man verliebt ist. Auch die Lippen leuchten wie von selbst rot. Doch das ist nicht gemeint. Die Schönheit soll nicht der Liebe überlassen werden, sondern käuflich sein und durch Nährstoffe kommen. Man nimmt sie oral ein.

Ein Klassiker des seit Jahren wachsenden Marktes sind kleine rosa Pillen aus Frankfurt am Main. "Natürliche Schönheit kommt von innen" lautete in den 80er Jahren der Werbeslogan der Firma Merz für ihre "Spezial Dragees". Haut, Haare, Nägel würden strahlender, fülliger, fester, wenn man täglich das kleine Dragee schluckte. Vor allem Frauen, die seit den 60er Jahren, als die Anti-Baby-Pille auf den Markt kam, von der Industrie auf tägliches Pillenschlucken getrimmt wurden, galten als Zielgruppe. Das ist auch heute noch so: Die Kern-Zielgruppe liege bei Frauen ab 30 Jahren, sagt eine Merz-Sprecherin.

Warum Frauen die vor rund 40 Jahren...

... auf den Markt gebrachte Spezial-Kombination von 14 Vital- und Aufbaustoffen gut täten, erklärt sie so: "Umweltbelastungen, intensivere Sonneneinstrahlungen, ein von Hektik und Stress gekennzeichneter Alltag sowie eine oftmals unausgewogene Ernährung haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen." Deshalb wirke bei vielen die Haut fahl, die Haare spröde und Nägel brächen leichter ab. Abhilfe leisteten Nutricosmetics.

Eine Ansicht, die nicht ganz unumstritten ist: Der Nährstoffgehalt der Böden wird von Experten heute im Vergleich zu früher als höher eingestuft. Auch tierische Produkte enthalten heute eher mehr Vitamine und Mineralstoffe als früher, weil aus Gründen der Tiergesundheit dem Tierfutter Vitamin- und Mineralstoffmengen beigemischt werden. Zu schnell wird von "Vitaminmangel" gesprochen, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung feststellt. Wenn die Nährstoffempfehlungen, die so genannten Referenzwerte, nicht erreicht werden, sei dies aber noch lange kein Mangel.

Diese Werte gibt es für jeden Nährstoff, jedes Vitamin und jeden Mineralstoff. Sie werden anhand von wissenschaftlichen Studien ermittelt und enthalten Sicherheitszuschläge von 20-30 Prozent.

Dem Befund der Deutschen Gesellschaft für Ernährung...

... widerspricht auch Paul Walter nicht, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung und ausgewiesener Experte im Bereich Nutricosmetics: "Sicher, wir nehmen heute so viele Vitamine zu uns wie noch nie. Trotzdem weisen viele Menschen Mangelerscheinungen auf. Viele wissen allerdings nicht, um welche Mängel es sich dabei genau handelt und nehmen unkontrolliert Nutricosmetics zu sich." Davor warnt er. Erst nach der Rücksprache mit dem eigenen Vertrauensarzt sei die Einnahme der Produkte sinnvoll. Im Haut-, Nägel und Haarbereich erzielten Nutricosmetics dann allerdings beachtliche Erfolge. Auch die Stiftung Warentest rät den Gang zum Arzt bevor - zur Gesunderhaltung von Haut und Haar - Antioxidantien und sekundäre Pflanzenstoffe extra zugeführt würden.

Einer der wichtigsten Hersteller von Nutricosmetics ist die Firma Inneov, ein Joint Venture der Giganten L'oreal und Nestlé. Sie setzt beim "Zukunftstrend Nutricosmetics" bevorzugt auf Haut- und Haarprodukte. Und auf Männer: "Männer haben in den letzten Jahren im Kosmetikmarkt stark aufgeholt" und seien derzeit noch jene Zielgruppe, bei der Kosmetik von innen "Wachstumsraten im zweistelligen Bereich verzeichnet."

Bei den Herren geht es vielfach um die Haarfülle. Produkte wie "Inneov Haarfülle", eine Wirkstoffkombination aus Taurin, Katechinen und Zink, kommt da gerade recht, ist aber bei 24,90 Euro für 60 Tabletten nicht gerade billig.

Vorreiterolle bei der "Schönheit von innen"...

... nehmen trotz der deutschen Merz-Dragees die USA ein. Als der Trend in den 90ern verstärkt von Übersee nach Europa schwappte, erfasste er zuerst Frankreich und Italien, wie Inneov erklärt. Die Top-Märkte in Europa sind heute Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Belgien. Vor gut einem Jahr wies der europäische Markt im Vergleich zum Vorjahr ein wertmäßiges Wachstum von mehr als elf Prozent auf. Der bedeutendste Stellenwert kommt den Haaren zu, die bedeutendste Steigerung verzeichnen Anti-Aging-Produkte für die Haut.

Österreich ist seit etwa 2000 zu einem dankbaren Markt geworden, wächst überproportional im internationalen Vergleich. Die Erklärung des Geschäftsführers von Inneov Österreich, Christopher Tedd: "Die Konsumenten suchen heute immer subtilere Lösungen für ihre Schönheit." Und die kommt immer noch von innen.
(Gregor Tholl/Der Standard/rondo/02/09/2005)

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    foto: der standard
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