Zerrissen mit Loch

14. Oktober 2005, 14:50
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Diesel-Kreativkopf Wilbert Das im Gespräch mit Stephan Hilpold über Jeans- & T-Shirt-Typen, Brand-Bashing und warum wir so aussehen wollen wie Bauarbeiter

Ein Landgasthof unweit von Triest. Es ist der Tag nach der Abschlussparty von Diesels großem Modewettbewerb "Its Four". Wilbert Das war einer der Letzten, die den Weg nach Hause fanden. Jetzt versteckt er sich hinter einer schrillen Sonnenbrille.

Lustige Party gestern. Wann sind Sie nach Hause gekommen?
Wilbert Das: Erst um halb fünf. Ich weiß aber nicht mehr, wie.

Fanden Sie auch, dass die Leute lässig gekleidet waren?
Das: Ja, die Outfits werden immer angenehmer zu tragen. Als ich in dem Alter war wie die meisten Leute auf der Party, studierte ich an der Kunstakademie in Arnheim. Wir haben uns damals total in Schale geworfen.

Also keine Jeans und T-Shirts?
Das: Nein, wir waren viel extravaganter. Heute wollen alle nur mehr das Simpelste, aber das in der besten Art und Weise. Menschen unterscheiden sich dadurch, welche Jeans und welches T-Shirt sie tragen.

Irgendwie langweilig, oder?
Das: Nein. Man sollte sich wohl fühlen in dem, was man trägt.

Manche sprechen von einer Art Uniformierung, die wir gerade erleben.
Das: Ich liebe Paradiesvögel, ich liebe Designer wie Galliano. Aber es sind nicht viele Menschen, die das an sich mögen. Sie sind eben Jeans- und T-Shirt-Typen. Und davon gibt es viele. Das ist der Grund, warum Jeans-Hersteller heute so stark wachsen wie nie zuvor.

Fehlen die Anregungen von außen, all die verschiedenen Jugendkulturen, wie es sie in den Achtzigern gab?
Das: In den 80ern waren die Straßen wirklich viel interessanter als heute, die Jugendkulturen beeinflussten die Mode wahnsinnig stark.

Waren Sie einmal Teil einer Jugendkultur?
Das: Ich war weder Punk noch Hippie, bediente mich aber beider Stile. Als ich 15 war, trug ich ständig Leder - kombiniert mit irgendwelchen Hippieohrringen. Eine tolle Zeit, damals fuhr man nach Tokio, und man sah wirklich etwas Neues. Heute sehen Menschen in L.A., Tokio, Paris, London und Mailand gleich aus.

Die Globalisierung hat zu einer Globalisierung der Mode geführt?
Das: Ich glaube, ja. Das ist nichts, was ich mag. Aber was soll man dagegen machen?

Als Designer stellen Sie aber selbst vorwiegend Jeans und T-Shirts her.
Das: Ich nehme Diesel aus dieser Entwicklung nicht aus, wir sind aber nicht deren Grund, sondern ihr Resultat. Die Globalisierung von Mode hat mit den einseitigen Informationsflüssen zu tun. Jeder sieht dieselben Videoclips, blättert dieselben Magazine durch.

Kann man durch Mode rebellieren?
Das: Ich hoffe, ja. Nach dem September 2001, als der Irakkrieg begann, war ich überzeugt, dass eine neue Hippiebewegung, eine neue Friedensbewegung entstehen wird. Aber ich habe mich getäuscht. Die Mode bewies kaum Widerstand.

Befindet sie sich zu stark in den Händen der Labels?
Das: Das war schon einmal schlimmer. Vor zehn Jahren prangte auf jedem Sweater und jedem Shirt ein Riesenlogo. Marken tauchen mittlerweile viel subtiler auf.

Hat dieser Rückgang der sichtbaren Logos mit der Konjunktur von Brand-Bashing zu tun, mit Büchern wie "No logo" von Naomi Klein zum Beispiel?
Das: Nein, es ist viel einfacher: Die Menschen hatten einfach die Nase voll von den ganzen Marken-Aufschriften. In der Mode ist es immer so: Zu viel vom einen provoziert eine Gegenreaktion. Das heißt aber nicht, dass die Marken plötzlich abgelehnt wurden. Sie durften nur nicht mehr so sichtbar sein. Trotzdem muss auch heute jeder wissen, welche Marke der andere trägt. Ich sehe sofort, dass Sie für das T-Shirt, das Sie da tragen, nicht wenig bezahlt haben. Obwohl es so viele Löcher hat. Und es ist wichtig, dass Sie wissen, dass ich das weiß.

Schon verrückt, all diese Risse in unseren Klamotten, die Löcher und abgewetzten Stellen. Und dass wir dafür auch noch bezahlen.
Das: Ja, schauen Sie auf meine Jeans. Als ob ich sie seit mindestens 20 Jahren tragen würde. Meine Theorie ist die: Es ist für uns ein Luxus so auszusehen wie jemand aus einer brasilianischen Favela oder wie ein Bauarbeiter. Wer hat heute schon noch einen körperlich anstrengenden Job? Trotzdem haben wir die Sehnsucht, so auszusehen. Ich wollte das jedenfalls immer. Der ganze Muskelkult schlägt in die gleiche Kerbe. Wir haben bereits alles, jetzt leisten wir uns den Luxus, zerrissene Sachen zu tragen.

Diesel ist demnach eine Marke für jene, denen es zu gut geht?
Das: So ist es. So wie alle andere Marken auch.

Und was kommt nach den zerrissenen Klamotten?
Das: Das hat man gestern auf der Party bereits vereinzelt gesehen: Manche Leute werfen sich wieder in Schale, vom Zeh bis zum Scheitel, dann fällt man auf. Eine Art Vierzigerjahre-Stil, aber sehr trendy interpretiert.

Was bedeutet das?
Das: Sie sind zu fixiert auf Botschaften. Mode funktioniert viel einfacher. Aktion, Reaktion, und dann gibt es halt auch immer jene, die auffallen wollen. Glücklicherweise.
(Der Standard/rondo/02/09/2005)

  • Ohne Wilbert Das würde Diesel heute wohl etwas anders ausschauen. Kein Kultlabel, das den Stil einer ganzen Szene bestimmt, kein Trendsetter einer ganzen Jugendkultur - sondern vielleicht immer noch eine italienische Modemarke unter vielen. Der 1963 geborene Holländer ist verantwortlich für den gesamten Kreativbereich des von Kenzo Rosso geführten Unternehmens, vom Modedesign bis zur Werbung, von den Fashionshows bis zu den Katalogen. Er studierte Modedesign in Arnheim und ist seit 1988 bei Diesel.
    foto: diesel

    Ohne Wilbert Das würde Diesel heute wohl etwas anders ausschauen. Kein Kultlabel, das den Stil einer ganzen Szene bestimmt, kein Trendsetter einer ganzen Jugendkultur - sondern vielleicht immer noch eine italienische Modemarke unter vielen. Der 1963 geborene Holländer ist verantwortlich für den gesamten Kreativbereich des von Kenzo Rosso geführten Unternehmens, vom Modedesign bis zur Werbung, von den Fashionshows bis zu den Katalogen. Er studierte Modedesign in Arnheim und ist seit 1988 bei Diesel.

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