Angst ist ein miserabler Kolumnist!

27. Oktober 2005, 14:51
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Seit die K-Zeitung fragt, ob die Deutschen schuld an der Jobmisere sind, seh ich mich völlig ins Eck gedrückt ...

Mit klammen Fingern starre ich auf den Laptop - Angst ist ein miserabler Kolumnist! Seit die K-Zeitung fragt, ob die Deutschen schuld an der Jobmisere sind, seh ich mich völlig ins Eck gedrückt - erstens, weil ich Deutsche bin, und zweitens, weil ich schuld bin an der Jobmisere. Wenn ich nicht gerade haltlose Kolumnen schreibe, die zum Ziel haben, die Leser so zu erotisieren, sodass sie jegliche Bleistifte fallen und ihre Fingerchen woandershin wandern lassen, wenn ich also nicht grad die Arbeitsmoral der Bevölkerung untergrabe, arbeite ich zufällig auch als Werbetexter. Und wenn heutzutage ein Laden nicht läuft, ist es die Schuld des Werbetexters. War der neue Schnitzelhaus-Slogan wirklich so gut, M.? Oder werden sich die Leute mit Grausen abwenden? Wird ein Arbeitsplatz nach dem anderen verloren gehen?

Werbetexter haben schrecklich viel Verantwortung. Schon allein die Entscheidung, ob auf dem Deckenhänger nun "Mondschein- Rabatt" oder "Scheinrabatt" steht, kann über Wohl oder Untergang eines Unternehmens entscheiden. Als die Deutschen noch ganz gute Geschäfte gemacht haben, waren hier zu Lande auch deutsche Werbetexter begehrt.

Sie wurden mittels Kaffeehäusern, Cremeschnitten und Männern ohne Eigenschaften ins Land gelockt und gewöhnten sich rasch ein. Es ist ja auch sehr schön hier und nicht ganz so zermürbend wie, sagen wir mal, in Hamburg. In Hamburg sagen die Huren immer, wenn die Kolleginnen früh um fünf aus der Agentur nach Hause wanken, "Oh, euren Job möchte ich wirklich nicht machen! Mädels, habt's ihr nix Ordentliches gelernt?" Die antworten dann "Wir sind Linguistinnen, wir können nur texten!" "Lingu-was?" "Linguistinnen. Von Lingua, die Zunge." "Aber wir sind auch zungenfertig, durchaus", lächeln die Huren, "und wir gehen nicht so auf dem Zahnfleisch wie ihr!"

Aber das Zünglein an der Wirtschaftswaage kann sich auch neigen, und mittlerweile arbeite ich auch wieder öfter in Deutschland. Seit es Österreich wirtschaftlich viel besser geht als Deutschland, sagen alle, ich bin schuld. Als eine der letzten Deutschen, die noch Business-Class AUA fliegt und nicht Air Billig, werde ich manchmal nach Deutschland gelockt, aber solange es in Berlin keine Cremeschnitten gibt, natürlich nur tageweise. Ich sitze relaxt in einem Meeting, sage, in Wien würden wir das so & so machen, überreiche eine Ehrfurcht einflößende Honorarnote, und den Rest des Tages klappere ich dann mit gigantischen Hermès-Sackerln Sara Wieners In-Restaurants ab, damit alle sehen, dass ich hier war und es deshalb mit Deutschland bald aufwärts geht. Aber ein, zwei Jahre brauche ich hier schon noch Asyl, sonst verlieren die Leute da drüben jede Hoffnung. (Hoffentlich war das jetzt amüsant, sonst geht eine ganze Volkswirtschaft den Bach runter.)
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/2/9/2005)

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