Am Camp des Combinats

10. Oktober 2005, 21:32
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Manhattanesk: Das "theatercombinat" betreibt Raumforschung in der Donaucity

Wien - Das erfreulicherweise auf die Butterseite der Wiener Theaterreform gefallene Kollektiv theatercombinat ist seit seiner Gründung vor neun Jahren außerhalb jeder Institution und Konvention tätig. Mit dem aktuellen Projekt Palais Donaustadt besetzen und bespielen Claudia Bosse und ihre Gruppe ab morgen, Freitag, einen Monat lang eine freie Restfläche am Gelände der Donaucity.

Das theatercombinat hat immer wieder temporäre Räume für ortsspezifische Performances erobert und damit Wahrnehmungsgrenzen geweitet oder überschritten, wenn etwa im Schlachthof von St. Marx bei Eiseskälte einer sechsundreißigstündigen Aischylos/Brecht-Verquickung zu lauschen war.

Die letzte Produktion (zu Michel Foucault/Heiner Müller) war in den leer stehenden Nestroy-Sälen der Leopoldstadt angesiedelt und pro Vorstellung für jeweils exakt drei Zuschauer gedacht.

Hinter der scheinbaren Maßlosigkeit der "Combinatler" steckt stets pure Theorie, mehr oder weniger "gnadenlos" angewandt. Dabei aber weniger "gnadenlos" als die oft leere Rekapitulation diverser Sprechtheaterkonserven der Guckkastenbühnen.

Man befragt und kritisiert aus einem veränderten Verständnis der Theaterpraxis heraus jeweils Raum- und Öffentlichkeitskonzepte des Kunstbetriebs. Im aktuellen Fall auf einem 10.500 Quadratmeter großen Areal zwischen Tech Gate und Donauufer unter der monumentalen Glaskulisse der Donaucity, das Manhattan-Lookalike.

Brennpunkte der Stadt

An diesen, Palais Donaustadt genannten Ort lädt das theatercombinat Gäste zur interdisziplinären Raumforschung (Musik, Architektur, Film) und greift damit die Idee der im Zuge der Theaterreform zu installierenden Koproduktionshäuser ganz anders auf. "Wir möchten temporäre Praktiken an unterschiedlichen Brennpunkten der Stadt einführen und so auch die Stadtentwicklung analysieren", so Bosse. Der im Gefüge definierter und funktionalisierter Stadtflächen noch als "sinnlos" attribuierte Ort (im nächsten Jahr wird dort ein zweihundert Meter hoher schwarzer Turm des französischen Architekten Dominique Perrault entstehen) soll einer Definition Henri Lefébvres zufolge ("Raum wird hergestellt durch spezifische soziale Prozesse") als Austragungsort eben solcher sozialen und theatralischer Praktiken behauptet werden.

Eröffnet wird morgen, um 18 Uhr, mit ballet palais, einer textlosen Choreografie Bosses. Weiters steht ein archiv im palais offen, in dem die kommentierte Geschichte des Ortes von der Donaubegradigung bis zur Aushebung der Exdeponie einsehbar ist. picknick am wegesrand ist als musikalisches "work in progress" konzipiert, und film im palais zeigt Ergebnisse kinematografischer Raumaneignung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2005)

Von
Margarete Affenzeller
  • An einem von funktionalen Stadtflächen gesäumten, nunmehr weiß gekalkten Gelände in der Donaucity errichtet das "theatercombinat" einen temporären Aktionsraum.
    foto: theatercombinat

    An einem von funktionalen Stadtflächen gesäumten, nunmehr weiß gekalkten Gelände in der Donaucity errichtet das "theatercombinat" einen temporären Aktionsraum.

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