Offenheit und Weite

13. Mai 2005, 14:04
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Holland zu bereisen löst Gefühle der Freiheit und Offenheit aus. Die flache Landschaft und das Meer kennen nur den Horizont als vorläufige Grenze

Satte, grüne Wiesen, auf denen Schafe und Rinder weiden. Zäune gibt es nicht, weil die schmalen Wasserkanäle Hindernisse sind. Straßen und Autobahnen sind großzügigst ausgebaut, sie erinnern an amerikanische Highways. Parallel dazu verlaufen überall Radwege, die von den Menschen eifrigst genutzt werden.

So präsentieren sich auf den ersten Blick die Niederlande. Gerade als Alpenländer genießt man diese Weite, die aber nicht so endlos erscheint, dass sie Gefühle der Einsamkeit auslöst. Ganz im Gegenteil, die Weite und Offenheit schenken eine andere Art der Beheimatung.

Vom Flughafen Amsterdam sind wir unterwegs nach Südholland, das wegen seiner relativen Unbekanntheit als "Geheimnis" gilt. Erste Station ist Dordrecht, die älteste Stadt der Niederlande. Der alte Kern der Stadt ist vollständig erhalten, Backsteinhaus reiht sich an Backsteinhaus. Kanäle und Grachten durchziehen die Stadt, viele Boote - der Traum eines jeden Niederländers - haben hier ihre Standplätze. Die Stadt muss einmal reich gewesen sein, das sticht sofort ins Auge.

Lea Hendriks, unsere quirlige Führerin, klärt uns auf. Dordrecht entstand im 12. Jahrhundert. Die Grafen von Holland verliehen ihr 1220 mehrere Stadtrechte, wodurch es sich zum wichtigsten Handelszentrum Hollands entwickelte. 1299 erhielt es das "Stapelrecht". Fast alle Waren, die auf den größeren Flüssen ab- und heran transportiert wurden, mussten hier gelöscht und gelagert sowie anschließend verkauft und umgelagert werden. Wein und Holz waren die wichtigsten Güter. Das Bauen von Wohnhäusern und Schiffen erforderte viel Holz, das auf dem Rhein aus den waldreichen Gebieten Deutschlands heran transportiert wurde. Die geschlagenen Stämme wurden zu kleinen Flößen zusammengebunden und unter anderem in Mannheim und Mainz zu den riesigen "Holländerflößen" vereint, die auf den großen Flüssen nach Dordrecht gelangten. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts unterlag Dordrecht Amsterdam und später Rotterdam als Hafenstadt. Rotterdam ist heute noch neben Hongkong der weltweit größte Hafen.

Ein weiterer Höhepunkt Südhollands ist Gouda. Die 70.000-Einwohner-Stadt ist in ganz Europa für ihren Käse bekannt, der in 5- bis 10 kg schweren Laiben hergestellt wird. Diese Spezialität wird in speziellen Geschäften verkauft, in denen oft bis zu 100 verschiedene Sorten aus aller Welt feilgeboten werden. Um die Bauern vor Übervorteilung zu schützen, mussten in früheren Zeiten die Käselaibe zum Abwiegen auf den Stadtplatz von Gouda gebracht werden. Erst mit der entsprechenden Bestätigung durften sie an die Händler verkauft werden.

Nahe dem wunderschönen dreieckigen Stadtplatz, der im spätgotischen Rathaus in der Mitte seine Vollendung findet, liegt die Sankt Jans-Kirche. Sie ist mit 123 Metern Länge die längste Kirche der Niederlande. Sie war ursprünglich eine katholische Kathedrale, doch die Stadt Gouda entschied sich für die Unabhängigkeit und gegen den erzkatholischen Habsburger Philipp II. (Sohn von Karl V.). 1573 kam die Kirche in die Hände der Protestanten, die vom Prinzen von Oranjen angeführt wurden. Die Kirche ist berühmt für ihre großartigen, farbenprächtigen Glasfenster.

Die Religion spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung. Im 16. Jahrhundert gewann der Calvinismus unter den Kaufleuten immer mehr Anhänger. Die Unterdrückung durch die katholischen Habsburger löste 1568 einen Bürger- und Religionskrieg aus, der in die Geschichte als 80-jähriger spanisch-niederländischer Krieg einging. Die sieben protestantischen Nordprovinzen schlossen sich 1579 zur Utrechter Union zusammen, aus der später die Republik der Vereinigten Niederlande hervorging.

Das strenge Sittengesetz und die Prädestinationslehre Calvins legten den Grundstein für den so überaus erfolgreichen holländischen Handelsgeist: Ein frommer Lebenswandel wird mit Freiheit und Wohlstand belohnt, Abfall von Gott zieht Unterdrückung und Elend nach sich.

Dieses gesellschaftliche Klima bürgerlicher Selbstverantwortung und Freiheit war die zentrale Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung. Im 17. Jahrhundert wuchs Holland zur führenden europäischen Seemacht heran. Ihre Handelshäuser bauten ein weltweites Netz von Niederlassungen auf und eroberten ein riesiges Kolonialreich. Aus dieser Zeit stammt auch der Großteil der insgesamt 10.000 Windmühlen, von denen heute noch 950 existieren.

Die Erfahrungen aus der Geschichte und der Umgang mit den vielen verschiedenen Kulturen und Religionen haben jenen Geist der Freiheit und Offenheit geprägt, der Holland neben seinen landschaftlichen Reizen so attraktiv macht. (Der Standard, Printausgabe)

Von Josef Ertl
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