In Kobolds Küche

20. Oktober 2005, 16:10
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Kaum eine Wanderung auf Island führt nicht an einem oder sogar mehreren Wasserfällen vorbei...

...und mit etwas Glück findet der Trekkingtourist in einer der aktiven Vulkanzonen auch ein wohl temperiertes Bächlein zum Baden. Um stinkende Solfataren und zischelnde Fumarolen sollte man allerdings einen großen Bogen machen.

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Die Einheimischen wissen es natürlich besser. Sie sitzen 30 Meter weiter bergab gemütlich in dem Bächlein, während der Trekkinggast flussaufwärts verzweifelt versucht, die Contenance zu behalten. Wie schaffen die das bloß, die Isländer, bei gut 50 Grad heißem Wasser so fröhlich entspannt in der Freiluftbadewanne zu planschen, während unsereiner nicht einmal den großen Zeh in das dampfende Wasser kriegt?

Erst als die badende Reitergruppe wenig später wieder auf ihre Islandpferde steigt, löst sich das Rätsel: Kommt nur hierher, raten die Erfrischten mit erhitzten Gesichtern, nur an dieser Stelle, wohlweislich unter dem Zusammenfluss eines heißen und eines kalten Baches, wird ein wohltemperiertes Bad zum krönenden Abschluss einer Bergwanderung durch das geothermale Hengillgebiet im Süden Islands.

Unweit des Örtchens Hveragerdi, was auch nicht zufällig "Garten der heißen Quellen" bedeutet, beginnt die Wanderung durch saftige Hochweiden, auf denen sich die Schafe den ganzen Sommer über unbehütet fett fressen dürfen. Immer wieder also stößt man auf die Muttertiere, die meist mit zwei auch schon dicken Lämmchen auf den wildesten Felsvorsprüngen herumklettern. Bald steigt einem Schwefelgeruch in die Nase und nach der nächsten Biegung kommen sie auch direkt neben dem Pfad in Sicht, die stinkenden Solfataren und gefährlich zischelnde Fumarolen, heimtückische Dampfquellen, die man nur in Hochtemperaturgebieten der aktiven Vulkanzonen findet - und genau eine solche ist das Hengillmassiv.

Island liegt auf der geologischen Naht zwischen Amerika und Europa, durch die Plattentektonik, das Auseinanderdriften der Kontinentalplatten, kommt es zu einer Dehnungszone mit vulkanischen Folgen: In insgesamt drei aktiven Zonen dringt in Island immer wieder Magma empor. Im Südwesten erstreckt sich eine solche Zone von der Halbinsel Reykjanes bis Zentralisland, darin liegt auch das Hengillgebiet. Eine weitere reicht von den Westmännerinseln bis nach Norden und die dritte ist die Halbinsel Snaefellnes nordwestlich von Reykjavík.

Diese Halbinsel wird zurecht jenen empfohlen, die nicht die Zeit haben, die ganze Insel zu umrunden. Als "Island im Kleinen" hat sie im Ansatz alles zu bieten, was die Insel nahe dem Polarkreis landschaftlich so abwechslungsreich und attraktiv macht: Die an Irland gemahnenden Weiden und Moore, die mit fahlgrünen Moosen überwachsenen Lavafelder, die schroffen Klippen der Steilküste und nicht zuletzt den Gletscher Snaefellsjökull, der an der Westspitze der Halbinsel lungert.

Gruselkrater

Der 1446 Meter hohe Stratovulkan hat es Bergsteigern, aber auch Okkultisten und Schriftstellern immer schon angetan: Jules Verne machte ihn 1864 in seinem Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde" gar zum sagenumwobenen Einstiegsort für eben diese Unternehmung. Heutzutage kann man den alten Gruselkrater auch ganz profan mit dem Motorschlitten befahren, vom Fischerdorf Arnarstapi aus werden die Touren im Sommer auch in den "weißen Nächten" angeboten - dunkel wird es im Juni, Juli und August ja praktisch nie. Anarstapi kann mit seinen bunten, der Witterung wegen oft mit Wellblech verkleideten Häuschen auch gleich als Prototyp für die isländische Ortschaft herhalten: Tankstelle mit Selfservicerestaurant, das in der Regel Hamburger mit Fritten anbietet plus wahlweise sieben bis 13 Häuser. Aus kulinarischem oder architektonischem Interesse sollte man Island also eher nicht bereisen. Die einzige Ausnahme bildet da die Hauptstadt Reykjavík, ein selbstbewusstes Graz, das gar nicht erst Kulturhauptstadt werden muss um erstaunlich urban und hip zu sein. Rund 60 Prozent der nur 290.000 Isländer leben schon in Reykjavík, Tendenz steigend.

Dass die isländische Jugend in Ermangelung von heimischen Einrichtungen zum Studieren ins Ausland gehen muss, dann aber dank großzügiger Immobilienförderungen, die nur in Island selbst angelegt werden dürfen, wieder heimkehrt, macht sich in einem hohen Grad an Weltoffenheit und Fremdsprachenkenntnissen angenehm bemerkbar.

Islands Jugend war es auch, die die seit Jahren erfolgreichste touristische isländische Attraktion kreierte: Aus dem verbotenen Baden im Auffangbecken des geothermischen Kraftwerkes nahe dem Flughafen Keflavík wurde das Badeparadies "Blaue Lagune", das nun jährlich mehr als 300.000 Gäste anzieht. (Der Standard, Printausgabe 27./28.8.2005)

Von Tanja Paar
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