Der Sound der "kleinen Sprache"

30. Oktober 2006, 14:57
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Einige der "Unglaub­würdigen Reisen" und "Schattenspiele", die Ilse Aichinger für den STANDARD schrieb, erschienen 2005 in Buchform: Persönliche Erinnerungen von Claus Philipp - Nachlese

Eine zugegebenermaßen etwas erratische Assoziation, die ich mit Ilse Aichinger verbinde: dumme Deutschprofessoren. Es war bei einem Abendessen, Erdäpfelgulasch, bei dem meine Tochter ihr Leid mit gelinde gesagt merkwürdigen Bewertungskriterien bei Schularbeiten geklagt hatte – da erzählte Aichinger folgen de Geschichte: Sie selbst habe einmal für ihre Tochter Mirjam versucht, einen Deutschaufsatz zu schreiben. Mein Wohnzimmer habe der geheißen, und, so Aichinger, "es war ein viereckiges Wohnzimmer, ich habe wirklich lange über dieses Zimmer nachgedacht" – mit dem Effekt, dass der Aufsatz mit einem schlechten Vierer benotet wurde. Darunter der Vermerk: "Da hast du dich aber nicht angestrengt." Aichinger dazu, tough wie Lauren Bacall: "Seltsam, ich hatte acht Stunden dafür gebraucht."

Das zweite, woran ich mich – immer wenn ich an Ilse Aichinger und an Richard Reichensperger, ihren Lebensgefährten, denke – festhalten kann: Einer meiner Lieblingstexte, erschienen im Erzählband Eliza Eliza, mit dem Titel Meine Sprache und ich. "Meine Sprache ist eine, die zu Fremdwörtern neigt. Ich suche sie mir aus, ich hole sie von weit her. Es ist aber eine kleine Sprache. Sie reicht nicht weit. Rund um, rund um mich herum, immer rund um und so fort."

Ich stelle mir, wenn ich das lese, Ilse Aichinger vor, wie sie an einem kleinen Kaffeehaustisch im Imperial oder im Jelinek oder im Korb oder im Demel sitzt, und auf irgendwelche Zettel, Rückseiten von Kreuzworträtselheften, Fremdenverkehrsbroschüren, Kochrezepten in ihrer unverwechselbaren Schrift ein endloses Journal des Verschwindens weiter und weiter schreibt. Wie sie dabei die Augen zusammenkneift, als wäre ihr selbst nicht ganz geheuer, was ihre kleine Sprache da wieder aufführt. Und manchmal kommt Richard vorbei, holt ein paar dieser Zeilen ab, transkribiert und redigiert sie bei uns in der Redaktion, und wir lesen wieder unverwechselbare Aichinger-Sätze wie: "Keiner holt freiwillig Luft oder wählt den Ort für die erste Chance nicht gleich zu ersticken."

Zuerst war das Viennale-Tagebuch, dann das Journal des Verschwindens. Es folgten Unglaubwürdige Reisen und schließlich die Schattenspiele. Donnerstag für Donnerstag saß Richard mir gegenüber und hat, wie man so blöd sagt, "Text eingegeben". Freitag für Freitag erschien, ab dem Herbst 2000, über gut vier Jahre hinweg auf den Standard-Kulturseiten nahe liegend Entlegenes: autobiografische Notizen, Stadtansichten, aufbildbeschreibungen, kurz: Was immer man sich wünschen mochte. Man hatte es vorher nur nicht gewusst. Und Ilse Aichinger sagte dazu: "Ich arbeite jetzt für eine Tageszeitung." Oder einmal, in einem Gespräch mit Richard und mir: Das Schreiben für den Standardhätte sie von jahrzehntelanger Langeweile erlöst. "Das ist ein spätes Glück. Erst jetzt habe ich das Gefühl, dass das doch mein Beruf ist."

Those were the days, my friend. Natürlich haben wir nach solchen One-Linern gelacht wie über dumme Deutschlehrer. Gelacht haben wir auch, als Richard und ich einmal für Aichinger Stan Laurel kaufen gingen, also einen lebens großen Papp-Stan-Laurel. Richard trug den unterm Arm wie einen, den man wortwörtlich abgeschleppt hat. Und seither stand Stan Laurel in Ilse Aichingers Schlafzimmer, wo er, wie sie einmal schrieb, "in der Früh oft so aussieht, als hätte er sich ortison gespritzt." Richard wiederum ist am 22. April des vergangenen Jahres gestorben. Auf einem Foto sehe ich Ilse Aichinger, hinter ihr Stan Laurel, neben ihr ein Foto von Richard. Sie trägt einen Schal, den ihr Richard in Petersburg gekauft hat. Ein wenig Dreieinigkeit und Wärme in Tagen, in denen man nicht selten denken mochte: Jetzt weiß man, was das heißt – von nun an ging's bergab.

Aber da war, oder nein: da ist immer noch, immer wieder Aichingers Sprache, diese begnadet "kleine" Sprache. Als Richard in der Intensivstation lag, schrieb sie für ihn, für uns ein weiteres Schattenspiel: "Für den Schatten der heute auf dem Spiel steht, waren die Regeln immer streng, und er vergab sich nichts, ließ sich nicht schleifen. Er sah sein Leben als Geschenk, vor allem ,seine‘ Zeitung – wie er sie nannte –, und blieb doch in jeder seiner Welten für sich und sehr einsam, ohne jede Larmoyanz." Als die Abendausgabe des Standard erschien, fuhr Aichinger damit ins AKH, legte das Schattenspiel auf das Fensterbrett neben Richards Bett, wie einen kleinen Stein, mit dem man Dämonen fern halten kann.

Seit jeher liebt Ilse Aichinger Gespenstergeschichten – und vielleicht ist das auch eine wesentliche Facette ihres Schreibens, "rund um, rund um mich herum", über die Ränder kleiner Kaffeehaustische hinweg: Geisterbeschwörung. Und gleichzeitig Manifestation einer Erkenntnis, die Ilse Aichinger bereits 1973, seit jeher vom Verschwinden und Verstummen (aber wie!) angetan, notierte: "Die Unfähigkeit zu leben bis zum Ende ausspielen", liest man in einer Sammlung von kurzen und kürzesten Aufzeichnungen, die gleichsam den harten, schwebenden Kern von Kleist, Moos, Fasane (1987) bilden. Jeder dieser Journaleinträge hätte als unsichtbares Motto über und hinter den Verschwindens-, Reise-, Kino- und Schattentexten für den Standard stehen können: "Ob ich euch nicht wiedersehe oder ob ich euch wiedersehe,ich sehe euch wieder."

Dieser Tage ist nun, herausgegeben von der Germanistin Simone Fässler und dem Verleger Franz Hammerbacher, eine kleine Aus wahl von Unglaubwürdigen Reisen (und Schattenspielen, darunter die schmerzhaftesten, und das heißt bei Aichinger nicht selten: die leichtesten) erschienen. Da sieht man, liest man wieder, wie vertrackt und schlicht zugleich Ilse Aichinger, quasi in Augenhöhe mit dem alltäglichen Desaster, ihre "kleine Sprache" in die Hölle schickt: ",Fort‘ heißt fort. Kein Weg zurück.(...) Ob ich im Mondsee ertrinke – was in Zeitabständen immer wieder ganzen Familien passiert–, ein Schneebrett lostrete oder rund um Verdunliegen bleibe: ,Fort‘ braucht keine Namen, es muss sich nicht schmücken, nicht feierlich aus der Taufe gehoben werden, keine Freuden- oder Schmerzenstränen auslösen: Es steht für sich."

So stand das dann auch in der Zeitung, zwischen Rezensionen, Interviews, Meldungen, wichtigen und weniger bedeutsamen Ereignissen – und kommunizierte auch mit diesen anderen "Textsorten" – durchaus verwandt mit dem Effekt, dass etwa Aichingers Handschriften, die Richard immer in die Redaktion mitbrachte, oft die "Unterlagen", auf denen sie verfasst waren (einmal war es ein kitschiges Toskana-Magazin) verzaubert zu haben schienen. Aber nicht auf eine himmlische Weise verzaubert, sondern eher shabby, klein eben. Wie ein alter Bluesmusiker, der noch aus der kaputtesten Gitarre die unvergleichlichste "Stimme" herausholt.

Im Buch sind übrigens einige dieser – Richard hätte gesagt: wilden – Handschriften abgebildet: Irgendwann könnte man mit diesem irren Konvolut fleckiger, zerknitterter Zettel, Notizhefte, "Wische" wohl eine Kunstausstellung der besonderen Art kompilieren. Und tatsächlich ist diese unvergleichliche Handschrift vom Aichinger-Sound nicht wegzudenken. Dass man das bis in die Zeilen und Spalten der Zeitung hinein gespürt hat, ist nur ein weiteres Anzeichen dieser fragilen Stärke.

Das bringt mich zum dritten Element, das ich mit Ilse Aichinger verbinde: Flattersatz. Dieser vielleicht nicht jedem Leser vertraute Begriff bezeichnet nichts weniger als – im Gegensatz zum Blocksatz – "offenere" Spalten und Seitenränder. In Büchern assoziiere ich das immer mit "weniger staatstragend". Wie sensationell gut sich Aichingers Texte mit dem Flattersatz ver tragen, hat einst der Grafiker Otl Aicher in der von Richard edierten Werkausgabe vorexerziert: inklusive ganz viel "Luft" zwischen Text und den jeweils oberen Seitenrand.

Auch in Film und Verhängnis (der Buchform des Journal des Verschwindens) hat man diesem durch und durch stimmigen Schriftbild gehuldigt, leider schon mit etwas weniger "Luft" nach oben. Und was ich jetzt ein wenig bedauere: Die Unglaubwürdigen Reisen kommen tatsächlich in konventionellem Blocksatz daher. Das verleiht ihnen vielleicht um die Spur zu viel Gewicht. Irgendwann sollte man vielleicht überhaupt alle diese Kolumnen, Glossen und Notate quasi in einem einzigen großen Text, als fortlaufendes Journal, wiedergeben, inklusive all jener "Wiederholungen", die man in einem seriösen, kompakten Büchlein eher nicht zulässt.

So, wie Journalisten eine gewisse Verwandtschaft zu Tagebuchschreibern haben, unter stärker normierten Bedingungen – genau so hat ja wohl auch Aichinger diese Reisen und Schattenspiele zunehmend als eine Art von fortschreitender Bewegung begriffen, vergleichbar mit Robert Walsers Notaten Aus dem Bleistiftgebiet. Wie schrieb sie zum Auftakt der Unglaub würdigen Reisen: "Deshalb ist es mir lieber, immer die selben Wege zu gehen oder dieselben Strecken zu fahren. Die Qualität der Entdeckungen wächst, bringt Ruhe und neue Aufbruchsmöglichkeiten."

Wie es kam, dass sie schließlich vom STANDARD, "Richards Zeitung" weggegangen ist? Das ist eine eigene peinigende, wilde Geschichte. Wie ein Trost bleibt uns vorläufig einmal dieses Buch, wie eine Aufnahme von rauen, leisen Akkorden aus Tagen, in denen man lachend Stan Laurel unter den Arm nehmen konnte. (DER STANDARD/Album, Printausgabe, 27./28.8.2005)

Ilse Aichinger, Unglaubwürdige Reisen. Herausgegeben von Simone Fässler und Franz Hammerbacher. € 17,90/188 Seiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005.

Nachlese

Serie "Schattenspiele"

Serie "Unglaubwürdige Reisen" und "Journal des Verschwindens"

  • "Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf." - Ilse Aichinger begab sich also lieber, meist von Kaffeehaustischen aus, auf die Ab- und Umwege von "Unglaubwürdigen Reisen".
    foto: standard/regine hendrich

    "Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf." - Ilse Aichinger begab sich also lieber, meist von Kaffeehaustischen aus, auf die Ab- und Umwege von "Unglaubwürdigen Reisen".

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