Rücken an der Wand

22. März 2006, 16:08
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Die Volksschule ist die wichtigste Bildungs- institution, doch statt in Lehre und LehrerInnen zu investieren, wird sie krank gespart

Jeder, der kurz in seiner eigenen schulischen Vergangenheit kramt, kommt unweigerlich zu folgendem Schluss: Die Volksschulzeit ist die mit Abstand wichtigste Phase der Ausbildung. In diesen vier elementaren Kinderjahren, in denen kleine Menschen so schnell begreifen, auffassen und lernen, wie nie wieder in ihrem gesamten Leben, werden die entscheidenden Grundfesten gelegt, auf die jede spätere Ausbildung aufbaut.

Volksschulkinder lernen nicht nur das Lesen, Schreiben, Rechnen, sie lernen das Lernen an sich, und sie lernen darüber hinaus auch noch wie man sich sozial in Gruppen bewegt, miteinander Probleme löst, wie man zu einem mündigen Menschen heranwächst. Die wichtigste Bezugsperson für Kinder zwischen sechs und zehn ist, neben der Familie, die Volksschullehrerin – denn rund 98 Prozent des Volksschullehrpersonals sind Frauen. Wenn also Ausbildung und soziale Kompetenz, wie immer wieder betont wird, ausschlaggebende Faktoren für die volks- und wirtschaftliche Potenz einer Nation sind, so ist der allerletzte Bereich, in dem Einsparungen auch nur angedacht wer den sollten, die Institution Volksschule.

Doch genau das Gegenteil exerziert Österreich seit einiger Zeit vor. Nach dem letzten Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern stehen der Pflichtschule bundesweit rund 220 Millionen Euro weniger zur Verfügung. Der Chef des Dachverbands der Pflichtschulelternvereine, Kurt Nekula, kennt die entsprechende Stimmung in der Lehrerschaft: "Die Leute in der Praxis sind entsetzt darüber, was der Schule in den vergangenen Jahren abhanden gekommen ist. Die eigenen Beamten haben vor dem Finanzausgleichsgesetz gewarnt, weil die Auswirkungen überhaupt nicht abschätzbar waren."

Vereinfacht gesagt: Die Anzahl der LehrerInnen wird nach der (sinkenden) Schülerzahl berechnet, und das zeigt gerade in dünner besiedelten Landstrichen katastrophale Wirkung. Denn diese schlichte Rechnung funktioniert nur dann, wenn Schulen zugesperrt, Klassen zusammengelegt oder zwei Schulstufen in einem Klassenverband geführt werden. Fazit: Lehrerposten werden eingespart und Dienstreserven, die bei Krankheit oder Karenz einspringen, auf ein Minimum reduziert, was, wie Lehrer berichten, an kleineren Schulen regelmäßig zu Stundenausfällen führt. Der Altersschnitt des Lehrpersonals bewegt sich jetzt schon zwischen 45 bis 50 Jahren, er wird weiter steigen. Für eine vernünftige Anzahl von Stützlehrern und Sonderpädagogen, die so dringend benötigt werden wie nie zuvor, fehlt das Geld, obwohl von gezielten Fördermaßnahmen neuerdings viel geredet wird.

Von der "Schule neu", die Bundesministerin Elisabeth Gehrer verkündet, kann angesichts übervoller Klassen keine Rede sein. Nekula: "Wir hören von Bezirksschulinspektoren, dass sie dezidiert den Auftrag haben, die Klassen auf 30 Kinder aufzufüllen." Zustände, die an die pädagogischen Standards der 60er-Jahre erinnern. Kreatives, lustvolles Unterrichten, geschweige denn die vom Ministerium propagierten Schwerpunktsetzungen müssen dabei unweigerlich auf der Strecke bleiben, denn auch das Verhalten der Kinder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert, was in allen Kalkulationen der Bildungsinstanzen allerdings kein Faktor zu sein scheint. "Auch in kleineren Klassen geht mittlerweile ein Drittel der Zeit in Erziehungsarbeit auf, diese Tatsache hat in einem Maß zugenommen, von dem sich Außenstehende absolut keine Vorstellung machen", berichtet eine Lehrerin, und sie spricht stellvertretend für ihre gesamte Zunft. Die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder hat enorm zugenommen. Jürgen Pany von der NÖ-Landessektion Pflichtschullehrer: "Nur ein Kind mit massiven Problemen macht einen ordentlichen Unterricht unmöglich. Früher konnte man solche Kinder in Kleingruppen gezielt fördern, doch dieser Bereich wurde weggekürzt, wir Lehrer bleiben völlig auf der Strecke."

Um den Einsatz des Lehrpersonals zu optimieren hat das Land Niederösterreich nun ein neues Pflichtschulgesetz vorgelegt, das, wie gemunkelt wird, bundesweit Vorbildwirkung zeigen soll, das aber durchaus auf geteilte Freude innerhalb der Lehrerschaft stößt, die vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Das Land wird in fünf Bildungsregionen aufgeteilt, die von je einem Bildungsmanager geführt werden, die künftig über die bis dato festgeschriebenen Bezirksgrenzen hinaus die Personalressourcen verwalten werden. Detail am Rande: Drei der fünf haben am Konzept selbst mitgearbeitet und somit ihre eigenen Posten geschaffen, die im Übrigen nicht ausgeschrieben sondern direkt vom Landesschulratspräsidenten Adolf Stricker bestellt wurden. Alle fünf sind Männer, was Stricker folgendermaßen begründet: "Wir haben aus dem Topf der erfahrensten Schulaufsichtsbeamten geschöpft." Anscheinend gab es unter den 98 Prozent weiblichen Personals keine Entsprechung. Stricker: "Wir haben einige Frauen in der Schulaufsicht, die aber nicht über diese Erfahrung verfügen."

Große Teile der niederösterreichischen Lehrerschaft fühlt sich nun mehr oder weniger überfahren, vor allem, weil das Gesetz auch Passagen enthält, die den Unterricht direkt betreffen. Frühere "Muss"-Bestimmungen wurden zu "Kann"-Bestimmungen umgewandelt. Beispiel: Betreuungsintensive Fächer wie etwa Schwimm- oder Werkunterricht mussten bis dato in Gruppen von maximal 20 Kindern abgehalten werden. Ab sofort können diese Gruppen auf 29 Kinder aufgestockt werden, was nicht nur den Unterricht massiv belastet, sondern auch das Gefahrenpotenzial erhöht. Pany: "Freigegenstände wie Kochen werden mit mehr als 20 Kindern sinnlos, die Unterrichtsqualität wird vermindert, es wäre von den Verantwortlichen ehrlicher zu sagen, wir brauchen das nicht mehr." Auch der Abteilungsunterricht – sprich, zwei Schulstufen in einer Klasse, unterrichtet von einer Lehrerin – wird künftig mit bis zu 29 Kindern erfolgen, was, wie erfahrene Lehrkräfte geschlossen berichten, so gut wie unmöglich ist.

Im Lichte der sinkenden Schülerzahlen werden nicht nur kleine Schulen auf dem Land geschlossen, sondern auch Leitungsposten infrage gestellt oder nicht mehr nachbesetzt. Das Ziel, dem auch Landesschulpräsident Stricker "einiges abgewinnen kann", lautet: Ein Schulleiter wird künftig gleich für mehrere Schulen zuständig sein. Für Pany – und nicht nur für ihn – sind solche Sparmaßnahmen schlichtweg "eine Katastrophe, denn eine Schule ohne Leiter ist tot". Schnelle Entscheidungen können nicht mehr getroffen werden, eine Schwerpunktsetzung wird unmöglich, die Situation gleicht einem Konzern, der seinen Tochterunternehmen keine Geschäftsführer zur Verfügung stellt. Stricker kündigt eine "Informationswelle" an, die nun die Sinnhaftigkeit des neuen Pflichtschulgesetzes erläutern soll. Vor allem was die Schülerhöchstzahlen in den einzelnen Klassen anlangt, ist ihm nicht nur seitens der Lehrer, sondern auch der Eltern höchste Aufmerksamkeit gewiss. Denn letztlich wurde hier lediglich ein Missstand in die Legalität gehoben. Stricker: "Bei 31 Schülern in einer Klasse war die Rechtssituation kritisch, man konnte bisher zwar immer abweichen, doch jetzt wurde das auf eine rechtliche Basis gestellt."

Kein klar denkender Mensch wird sich sinnvollen Sparmaßnahmen verschließen, auch nicht die Lehrerschaft. Doch innerhalb der letzten fünf Jahre wurden an den 639 niederösterreichischen Volksschulen immerhin knapp 400 Dienstposten eingespart, was etwa 7 Prozent entspricht. Angesichts allgemein steigender Leistungsanforderungen in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen, der wachsenden Verhaltensprobleme sehr vieler Taferlklassler und des Umstandes, dass Österreich eines der reichsten Länder der Welt ist, könnten die Einsparungen in diesem elementaren Bereich als beginnender volkswirtschaftlicher Selbstmord bezeichnet werden. Doch Volksschüler dürfen nicht wählen. Noch nicht. (DER STANDARD/Album, Printausgabe, 27./28.8.2005)

Von Ute Woltron

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