Die Cyborgs erobern Arkadien

23. Mai 2006, 12:19
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"Hybrid - living in paradox" bei der Ars Electronica: Die Welt als komplexes Geflecht von Koalitionen und Allianzen

Mit "Hybrid - living in paradox" widmet sich die Ars Electronica 2005 vom 31. 8. bis 6. 9. der aktuellen Weltlage als einem komplexen Geflecht ebenso widersprüchlicher wie wirkungsvoller Verbindungen. Die Koalitionen und Allianzen reichen von einfachen Sampling-Strategien über globale Amalgame aus Kulturen und Ökonomien bis hin zum Verschmelzen unserer Körper mit bionischen Prothesen.


Linz - Idyllisch ist das nicht: Dauernd diese Angst, assimiliert zu werden. Alles, was man von sich gibt, wird sofort remixed, die Neuroimplantate sind gescheit genug, die Kontrolle zu übernehmen, und zu den wenigen noch offenen Fragen zählt jene, ob denn auch der Verlust einer bionischen Prothese Phantomschmerzen verursachen würde. Die gute alte Kultur ist zu einer einzigen Legierung verkommen, zu einer Suppe mit unstillbarem Hunger nach immer mehr, immer besseren, ja tolleren Einlagen.

Umgekehrt: Immer nur zwischen Götter und Hirten in Arkadien lustwandeln müssen ist auch fad. Allein schon diese dauernde Harmonie, die ewig gleiche Anmut und Grazie. Und vor allem: dauernd diese widerliche Unschuld in der Hirtenschnulze.

Dann lieber doch Cyborgs basteln, das mühsam erarbeitete Wissen irgendwelcher Experten lustvoll missbrauchen, fröhlich die Copyrights Dritter negieren, und voller Elan das täglich neue Basteln. Und wenn der MP3-Player darob zu klein gerät für die derben Finger - egal, wir bauen uns neue. Die alten waren eh' schon abgenutzt und irgendwie auch unhübsch. Oder wir koppeln die Musikmaschine einfach ans zentrale Nervensystem und verstecken sie in einer Ohrfalte.

Alles ist hybrid geworden. Höchste Zeit für ein Festival. Die Ars Electronica 2005 steht ganz im Zeichen von Hybrid - living in a paradox. Die großen Würfe sind alle in die Jahre gekommen, neue nicht in Sicht. Das Internet wurde in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingeführt, schnurlos wird auch schon wieder so lange telefoniert, dass ganze Generationen nichts mehr mit einem Kabel anzufangen wissen, und die rasant voranschreitende Verkleinerung von Unterhaltungselektronik stößt an lästige biologische Grenzen. Bleibt nur, aus den unterschiedlichsten Technologien und Prozessen jeweils wieder neue ganze zu formen, aus der Kombination verschiedenster eigenständiger Lösungen Endgeräte mit aktuell als praktisch definierten Eigenschaften zu basteln. Oder solche mit Eigenschaften, die sich gegenüber jedweder praktischen Anwendbarkeit widerborstig gebärden. Hybrid - living in a paradox meint auch, dass alles implodiert: materielle, technologische und psychologische Grenzen. Quasi täglich stürzen ganze Kulturen ineinander, wenn es etwa darum geht, gemischte Lösungen aus den jeweiligen Findungen von Kompetenz-Pools aus der ganzen Welt zu erstellen.

"Letztlich", sagt Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, "ist die digitale Medienkunst selbst ein Hybrid aus den Verbindungen von Kunst und Technologie. Sie akkumuliert das gesamte Spektrum an Ausdrucksformen und erfordert ein außergewöhnliches Crossover von Wissen und Kompetenzen."

Und also ist die diesjährige Ars Electronica auch ein Vieles. Da treffen hybride Kreaturen und paradoxe Maschinen aufeinander, messen sich zweckgebundene Roboter mit "nur" poetischen Apparaten, da leitet Derrick de Kerckhove, Leiter des Marshall-McLuhan-Programms der Universität Toronto, ein Symposion mit der zentralen Fragestellung, ob ein "wachsendes Bewusstsein für den Hybridzustand ein permanentes Merkmal einer globalisierten Kultur oder lediglich eine Übergangsphase zwischen dem Zeitalter der Hardware zum Zeitalter der Software" darstellt.

Und natürlich gibt es flächendeckend Nica-Preisgekröntes in den bewährten Kategorien. Und einen kleinen Vorgeschmack auf die Zukunft der Kulturhauptstadt im Werden: die ersten der 200 kostenlosen Hotspots, die Linz bis 2008 installieren will. Gefeiert wird selbstverständlich auch: mit DJ-Acts, und einer Lichtinstallation in einer Montagehalle der Österreichischen Bundesbahnen. Die begleitende Performance von Maurice Benayoun und Jean-Baptiste Barrière nennt sich passend Emotional Traffic.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.8.2005)

Von Markus Mittringer
  • 180 Tonnen Sand machen es möglich: Für einige Tage übersiedeln die "Strandtiere" des Theo Jansen von Delft auf den Linzer Hauptplatz. Der Niederländer baut computergestützt voll "funktionsfähige" Lebewesen aus Plastikrohren, Kabelbindern und Nylonfäden.
    foto: laurens van der klis

    180 Tonnen Sand machen es möglich: Für einige Tage übersiedeln die "Strandtiere" des Theo Jansen von Delft auf den Linzer Hauptplatz. Der Niederländer baut computergestützt voll "funktionsfähige" Lebewesen aus Plastikrohren, Kabelbindern und Nylonfäden.

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