Sex ist immer nur der Köder

27. Oktober 2005, 14:46
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Auch diesmal ist es in der Kolumne wie im richtigen Leben: Sex ist immer nur der Köder

Fast könnte ich jetzt in einem Internetcafé in Belgrad sitzen und eine amüsante Farce über die Baumärkte Belgrads schreiben ... Fast. Hätte ich kluges Kind nicht einen Leserwettbewerb ausgeschrieben, hätte ich in die Ferien fahren müssen, wohlgemerkt nach Belgrad, und dort mühsam Feldforschung betreiben müssen. So aber konnte ich gemütlich zu Hause bleiben und Sekundärmaterial studieren. Also noch einmal allerherzlichsten Dank an alle Schreibenden - ich war so gerührt, dass das Plansoll "55" um elf Prozent überschritten wurde.

Wegen des Gewinners - wir konnten uns nicht zu der Brutalität einer Entscheidung durchringen, deshalb haben wir alles sicherheitshalber nach Klagenfurt zur Bachmann-Jury geschickt, damit die den dirty job macht. In der Begründung der Jury steht (ich zitiere): "Somit geht der Preis an den Autor, der frische Distanz zum Thema bewiesen hat. Moral wurde angetippt, auch wurde der Zeitgeist und seine Unsitten nicht vernachlässigt, und der Baumarkt elegantest integriert ... "

Also, es war der Baumarkt. Auch diesmal ist es in der Kolumne wie im richtigen Leben: Sex ist immer nur der Köder. Der Haken ist der Baumarkt. Denn seit Jahren frage ich mich, welcher Zauber den Baumärkten innewohnt und warum Menschen dort hingehen. Von außen und innen sehen Baumärkte aus wie Favelas, Wellblechhütten voller Materialien, die simulieren, dass sie Materialien sind. Ihre Ordnungslogik ist undurchdringbar, sie sind Labyrinthe der menschlichen Unmöbliertheit, in denen allen Gegenständen Müh und Plage anhaftet.

Aber mit Baumärkten sind schon Leute reich geworden, also muss es wohl etwas darin geben, was fasziniert - und deshalb der Leserwettbewerb. Laut Auswertung benutzen 78 Prozent der Autoren den Baumarkt dazu, um von Frauen angesprochen zu werden. Es stimmt. Ich hab selbst schon Männer im Baumarkt angesprochen. Sind Baumärkte riesige, grindige Balzplätze? Klar. Und das ist gut so, denn wo kann man noch Männer ansprechen, sie um Beistand und Hilfe bitten, ohne dass man sofortigem akutem Nymphomanie-Verdacht ausgesetzt ist? Eigentlich nur in einem Baumarkt. Ausgesetzt in einem feindlichen Baumarkt wird jede Frau zur Heldin eines John-Wayne-Films, eine Pionierin, die sich auf unbekanntes Terrain wagt und sich mutig zu einem selbstklebenden Leuchtkörper durchkämpft. Und wo eine Heldin, da kommt bestimmt auch ein Held, der hilft. In Baumärkten helfen Männer Frauen. Und Frauen lassen es zu ... So ein romantisches Gesülze klingt eigentlich wie frisch aus einem Internetcafé in Belgrad, und zur Belohnung hat mich A. dann auch zu Sliwowitz ins Beograd eingeladen.

Wegen Regen sind wir aber nur bis zum Schikaneder gekommen und dort in eine merkwürdige Gesellschaft geraten - aber die Linguistenkolumne gibt's erst nächstes Mal.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/26/08/2005)

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