Staatsanwälte als Freier beschäftigen die Politik

15. Dezember 2005, 15:51
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Anfrage im Parlament geplant - Justizressort muss prüfen

Wien - Dass sogar Staatsanwälte junge Prostituierte bei einem Wiener Frauenhändler bestellt haben sollen, wird auch das Parlament beschäftigen. Die SP-Abgeordnete Bettina Stadlbauer will eine Anfrage an Justizministerin Karin Gastinger (BZÖ) und Innenministerin Liese Prokop (VP) stellen.

Auslöser ist ein Bericht der Wiener Stadtzeitung Falter, in dem Auszüge aus den Protokollen einer polizeilichen Telefonüberwachung abgedruckt sind. Die Beamten hörten bei den Gesprächen einer "Begleitagentur" mit ihren teils äußerst prominenten Kunden mit. Deren Wünsche: junge Frauen oder Minderjährige. Ein Mitarbeiter schilderte demnach am Telefon: "Die Anwälte ficken! Die Anwälte und die Staatsanwälte!"

Kurze Haftstrafen

Der Betreiber der Agentur und seine Komplizen wurden im Vorjahr verhaftet und zu kurzen Haftstrafen verurteilt. Die Freier mussten beim Prozess nicht aussagen, was Stadlbauer erzürnt. Im Justizministerium ist man alarmiert. "Wir schauen uns das intern sehr genau an, ob diese Behauptungen verifizierbar sind", erklärt Christoph Pöchinger, Sprecher von Ministerin Gastinger. Sollte tatsächlich ein Ankläger Kunde gewesen sein, habe das für diesen sicher disziplinarrechtliche Konsequenzen.

Strafrechtlich ist der bezahlte Sex für den Kunden aber nur relevant, wenn es sich um eine Minderjährige handelt. Die Vermittler dagegen können wegen Zuhälterei, Menschenhandels und auch Nötigung belangt werden.

Wobei die Exekutive gerade im Zusammenhang mit Escort-Agenturen immer wieder auf Schwierigkeiten stößt. "Ermittlungserfolge funktionieren fast nur über Aussagen der Mädchen", gesteht Ernst Geiger von der Wiener Kriminaldirektion 1 ein. Bei Betreibern von Begleitagenturen "erwischen wir nur die Dummen", nämlich jene, die die Frauen zu stark unter Druck setzen.

Bei der Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels (IBF) des Vereins Lefö kennt man die diffizileren Methoden der Druckausübung. "Sehr, sehr viele unserer Klientinnen sagen, dass ihre Eltern nichts von ihrer Arbeit erfahren dürfen", erzählt IBF-Leiterin Evelyn Probst. Genau diese Drohung werde von den Frauenhändlern dann benutzt. Rund ein Drittel der 167 Kontakte im Vorjahr wurden von der Polizei in die IBF gebracht, der Rest komme über andere Wege zustande. Nicht nur Prostituierte selbst, sondern auch Freier würden sich melden. (Michael Möseneder/Der Standard, Printausgabe 25.08.2005)

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