Zusammenhang zwischen einzelnen Wetter-Ereignissen und Erderwärmung?

5. Dezember 2005, 14:32
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Wissenschafter gegen Simplifizierung - manches an Wetterkapriolen passt jedoch zu Modellen des Klimawandels

Wien - Auf einzelne Wetterereignisse angesprochen, reagieren Klimaforscher stets mit großer Vorsicht. Da machen auch die jüngsten Regenfälle und Überschwemmungen keine Ausnahme. Dennoch: für Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien passen die auf der Erderwärmung basierenden Modelle und Prognosen mit den Wetterkapriolen der vergangenen Jahre bestens zusammen.

Kein seriöser Wissenschafter wird behaupten, dass ein konkretes Ereignis, wie das jüngste Hochwasser, ein Ergebnis des Klimawandels ist. "Ein hartnäckiges Italien-Tief war vor 20 Jahren das gleiche Problem wie heute", so Formayer. Sehr wohl könne man aber feststellen, dass die Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit für derartige Extremereignisse erhöhe.

Mehr Energie und Feuchtigkeit

Die Erklärungen für diesen Zusammenhang ist auch für Nicht-Meteorologen einleuchtend: Höhere Temperaturen bedeuten höhere Energien und mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre und das wiederum bringt - global gesehen - mehr Niederschläge und generell mehr Extremereignisse. "Die relativ häufigen Überschwemmungen, 1999, 2002 und 2005, passen jedenfalls in die Modelle", so der Experte.

Speziell für Tirol und Vorarlberg kam diesmal hinzu, dass die Regenfälle zu einer Zeit auftraten, als es sehr warm und die Schneefallgrenze entsprechend hoch war. "Die Niederschläge sind bis auf 3.000 Meter als Regen gefallen, was die Situation weiter verschärft hat", so Formayer. Schneefälle in den Bergen hätten wenigstens ein paar Tage Aufschub gewährt.

Veränderungen mit überdurchschnittlicher Geschwindigkeit

Generell geht der Klimawandel nach einer Studie der Boku-Klimaforscher in Österreich vergleichsweise rascher und dramatischer vor sich als der globale Durchschnitt. Um 1,6 bis 1,8 haben sich die Temperaturen im Mittel in den vergangenen 150 Jahren hier zu Lande erhöht, weltweit waren es nur 0,6 Grad. Die Zunahme der extremen Wetterereignisse lässt sich etwa durch die Betrachtung der heißen Sommertage mit Temperaturen über 30 Grad nachvollziehen. Gab es um 1950 durchschnittlich sechs bis zehn solcher Tropentage pro Jahr, sind es heute 15 bis 20.

Außer Zweifel steht auch, dass die Alpen vom Klimawandel besonders betroffen sind. Kommt es zur prognostizierten Temperaturerhöhung von weltweit drei bis vier Grad, werden rund 90 Prozent der alpinen Gletscher verschwunden sein. Die Schneegrenze und damit auch die verschiedenen Vegetationszonen werden um 150 Meter pro Grad nach oben wandern. Zusammenhang ja, Vereinfachung aber unzulässig

"Das jüngste Hochwasser ist das Ergebnis des Klimawandels" - solche und ähnliche Behauptungen wollen Wissenschafter des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Universität Wien nicht unkommentiert stehen lassen. Auch wenn die Experten ebenfalls einen Zusammenhang sehen, so ist für sie die Sache doch nicht so einfach. "Hochwasserereignisse sollten im Sommer insgesamt eher seltener werden, jedoch dürfte ihre Intensität zunehmen", so das Ergebnis einer Analyse.

Die heftigen Regenfälle mit Überschwemmungen als Beweis für den Klimawandel anzusehen, ist für Institutsvorstand Reinhold Steinacker unnötig. "Die Klimaänderung, die durch die Zunahme des Kohlendioxid-Gehalts und anderer Spurenstoffe der Atmosphäre nachweislich stattfindet, ist ebenso wie die Zunahme des mittleren globalen und noch stärker des Europäischen Temperaturniveaus längst manifest", so der Wissenschafter.

Zusammenspiel von Faktoren

Die Behauptung, dass durch die Klimaerwärmung laut Modellen auch die Anzahl der Hochwasserereignisse steigen wird, ist dagegen nach Ansicht des Forschers nicht haltbar. Alleine der durch die steigenden Temperaturen bedingte höhere Wassergehalt in der Atmosphäre sei noch kein Anlass für Niederschläge. "Sonst müsste es ja im Sommer am Mittelmeer permanent stark regnen", argumentierte Steinacker.

Damit es in der warmen, feuchten Atmosphäre zu Niederschlägen kommt, bedarf es dem Zusammentreffen mit kalten Luftschichten. Im aktuellen Falle war es eine Ausbuchtung - ein so genannter Trog - von polarer Luft, die sich bis ins Mittelmeergebiet erstreckte. Das besondere war, dass der Trog sich von der polaren Front selbstständig machte, er "tropfte ab". Damit verlor der Wirbel sozusagen den Kontakt zur Kälte. Das Ergebnis: Die Niederschläge fielen auch in großen, alpinen Höhen als Regen, was die Hochwassersituation zusätzlich verschärfte.

Prognose: Seltener, aber heftiger

Generell beobachten die Meteorologen in den vergangenen Jahrzehnten gehäuft solche Abtropfvorgänge von Kaltlufttrögen, mit entsprechenden Folgen. So gab es im Zeitraum 1946 bis 1975 nur zwei solcher "Killer-Systeme". Von 1976 bis 2005 gab es fünf, darunter das Hochwasser 2002 und das heurige.

Die Experten kommen zu dem Schluss, dass großflächige, alpine Hochwasserereignisse im Sommer insgesamt eher seltener werden, jedoch dürfte ihre Intensität zunehmen. Auch dürften in Zukunft Gebiete betroffen sein, in denen es in der Vergangenheit kaum extreme Niederschlagsereignisse gab. (APA)

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