"Cop out" in der Downing Street

28. Dezember 2005, 13:41
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Scotland-Yard-Chef erklärt Umstände des Todes von Menezes nur widerwillig - Überwachungskameras hätten Tathergang filmen können, waren aber angeblich defekt

"Cop out!" steht auf dem Plakat, mit dem Anna Parker in der Downing Street demonstriert. Ein Wortspiel, wie Briten es mögen. Cop out, erklärt die junge Londonerin, bedeute im Slang, billige Ausflüchte zu finden. Andererseits heißt es "Bulle raus!".

Gemeint ist Sir Ian Blair, der Chef von Scotland Yard, der mehr und mehr unter Druck gerät. Nur widerstrebend und bruchstückhaft erklärt er die Kette von Fehlern, die zum Tod von Jean Charles de Menezes führte. Am 22. Juli wurde der unschuldige Brasilianer im U-Bahnhof Stockwell von Polizisten getötet, durch elf Schüsse, sieben davon in den Kopf. "Täglich entdecken wir neue Lügen", klagt Alessandro Pereira, ein Cousin des 27-jährigen Elektrikers.

Sympathisanten

Pereira wird von Reportern fast erdrückt, als er das sagt. An die 100 Sympathisanten, die dort, wo die Gitterstäbe den Amtssitz des britischen Premiers absperren, im Nieselregen ausharren, jubeln ihm zu. In Downing Street Nr. 10 hat er Montag einen Brief abgegeben, in dem er im Namen der Hinterbliebenen eine öffentliche Untersuchung verlangt. Die Beamten, die für den Mord an Jean verantwortlich seien, fordert er, müssten ihre gerechte Strafe erhalten.

Der Eindruck drängt sich auf, dass Polizeipräsident Blair den wahren Ablauf zu vertuschen versucht. Das größte Rätsel ist, wieso die Überwachungskameras, die so schnell zur Ermittlung der Rucksackbomber vom 7. und 21.Juli führten, in dem Moment versagten, als es galt, eine fatale Panne im Antiterrorkampf zu dokumentieren.

Kameraausfälle

Allein acht solcher Kameras hätten de Menezes und seine Verfolger im Bahnhof Stockwell filmen können. Ihre Bilder hätten Klarheit in widersprüchliche Zeugenaussagen nach dem Desaster bringen können. Die einen hatten zu Protokoll gegeben, der Verdächtige, in dicker Jacke, sei auf der Flucht über die Ticketsperre gesprungen. Andere bezeugten, dass der Brasilianer keineswegs sprang, sondern sich in der Bahnhofshalle noch eine kostenlose Metro vom Zeitungsstapel nahm, die Rolltreppe hinablief und erst zu rennen begann, als er hörte, dass ein Zug in den Tunnel einfuhr. Wieso aber fielen alle Kameras zur selben Zeit aus?

Während die Polizei von einem Defekt spricht, beteuert der Betreiber Tube Line, niemand habe seinerzeit ein Problem gemeldet. Zwei brasilianische Ermittler, die in London recherchieren, pochen genau in diesem Punkt auf klare Auskünfte. Im Kabinett Tony Blairs, das sich zumindest pro forma vor den bedrängten Polizeichef stellt, werden kritische Stimmen laut. Vizepremier John Prescott warf Ian Blair Taktlosigkeit vor. Und es klang so, als würde dessen Stuhl langsam wackeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2005)

Frank Herrmann aus London
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Demonstranten fordern den Rücktritt von Polizeichef Ian Blair.

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