Nachlese: Opiumwirtschaft florierte inmitten von Wahlvorbereitungen

20. November 2005, 19:53
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Schwunghafter Drogenanbau und -handel vor Urnengang - Mit Infografik

Wien - Mit wachsender Besorgnis blicken internationale Beobachter den Parlamentswahlen in Afghanistan entgegen. Fast vier Jahre nach der US-Militäraktion sind die Taliban erstarkt und setzen immer wieder blutige Zeichen. Ausländische humanitäre Helfer und Friedenssoldaten sind mit wachsenden Gefahren konfrontiert. Vor diesem Hintergrund ist das Land am Hindukusch trotz aller UNO-Bemühungen wieder zu einem florierenden Drogenmarkt geworden. Stammesfürsten alias Drogenbarone mischen in der Politik kräftig mit.

Drogenanbau und Opiumhandel blühen wieder in Afghanistan. Wenn man den in Nachrichtenmagazinen genannten Zahlen Glauben schenken darf, dann liefern die afghanischen Mohnfelder heute wieder fast 90 Prozent des weltweit produzierten Rohopiums. Die Einnahmen aus dem Mohnhandel belaufen sich nach einem "Spiegel"-Bericht auf 2,8 Mrd. Dollar (2,30 Mrd. Euro) - dies entspreche 60 Prozent der afghanischen Wirtschaftsleistung.

Seit der Vertreibung der fundamentalistischen Taliban von der Macht nahm die Produktion stetig zu, stieg seit 2004 um fast 17 Prozent auf 4.200 Tonnen an. Die Mohn-Anbaufläche wurde laut "Spiegel" um 64 Prozent auf 131.000 Hektar ausgeweitet. Auch die Taliban waren offenbar keine "Kostverächter". Der Afghanistan-Experte Sarajuddin Rasuly widerspricht der UNO-Darstellung eines Opium-Verbots unter den Taliban: Deren Jugendliche rauchten Haschisch, und die mafiöse Kooperation zwischen Taliban und Nordallianz habe im Krieg gut funktioniert, sagte Rasuly kürzlich im "profil"-Interview.

Wer in den Straßen Wiens Drogendealer wahrnimmt, denkt wohl kaum daran, wie viel Rauschgift aus Afghanistan nach Westeuropa kommt. "Verteilungszentrale" der "heißen Ware" aus Zentralasien sind vor allem die drogen-liberalen Niederlande. Laut "Spiegel"-Bericht werden Rohopium und Heroin von Afghanistan in die Türkei geschafft, wo Kurden-Clans den Drogenhandel kontrollieren. Über Bulgarien und die Balkan-Route schaffen Kuriere den "Stoff" in Fahrzeugen durch "Schengen-Land" nach Holland. Auf dem Seeweg ist Italien eine Anlaufstelle.

Das Gebiet um Kunduz, Stationierungsgebiet der österreichischen Soldaten zur Wahlvorbereitung, spielt für die "Drogenwirtschaft" eine wichtige Rolle. Kunduz sei keine traditionelle Opium-Gegend, liege aber an der zentralen Schmuggelroute nach Zentralasien. Dort kooperieren "Behörden, Kommandanten, Polizeichefs, die sich gegenseitig schützen", so der Politologe Rasuly, ein Afghano-Österreicher, der selbst aus Kunduz stammt, zum "profil". 2002-04 war der Anbau von Drogen am Höhepunkt, heute genierten sich die Bauern dafür, täten es aber aus ökonomischen Gründen geheim.

Zwischen Kunduz und Faizabad breitet sich heute eines der größten Opium-Anbaugebiete der Welt aus. Das Rohopium ist der Grundstoff für Heroin. Das deutsche Wiederaufbauteam von Kunduz, dem die 93 Bundesheer-Soldaten zugeordnet sind, ist in eben dieser Region tätig - abgesehen von der Hauptstadt Kabul, dem Sitz der internationalen ISAF-Truppe. Rund 300 Bundeswehr-Soldaten sind in Kunduz stationiert, 200 in Faizabad.

Für die Drogenbekämpfung haben die ausländischen Friedenssoldaten kein Mandat. Sie können sich auf ihren Patrouillenfahrten ausmalen, wo die Ernte aus den blühenden Mohnfeldern einmal landet ... Es wäre auch nicht ratsam, sich gerade im Vorfeld der Wahlen mit den Chefs der Drogengeschäfts, die oft über mächtige Clans herrschen und sich Tausende Milizionäre halten, anzulegen.

Der Kampf gegen die Droge ist Sache der afghanischen Behörden. Unterstützt wird die afghanische Regierung bei dieser Sisyphus-Aufgabe durch zivile UNO-Experten und durch US-Eliteeinheiten. Eine im Vorjahr gegründete afghanische Drogenfahnder-Einheit zerstörte 2004 70 Rauschgiftlabors und beschlagnahmte 80 Tonnen Opiate.

Die Friedenssoldaten sollen für einen ruhigen Ablauf der Wahl im September sorgen, für die sich zwölf Millionen Afghanen registrieren ließen. Rund 6000 Kandidaten bewerben sich um einen Sitz im Parlament - und vor dem Hintergrund des ethnisch und ökonomisch komplexen Machtgefüges lassen sich Kandidaten mit weißer und schmutziger West oft kaum unterscheiden. Die ausländischen Truppen wurden massiv aufgestockt, die NATO-Schutztruppe ISAF um 2000 auf rund 10.500 Mann.

Doch wie weit die Drogenbosse die künftige Volksvertretung eines Afghanistan, das nach (naiv?)-westlicher Idealvorstellung demokratisch werden soll, infiltrieren können, werden beim Urnengang die Afghanen selbst entscheiden. Wie weit sich Wähler von Drogenbaronen unter Druck setzen lassen werden, ist ungewiss. Dass der Westen verwundbar ist, wissen die Afghanen jedenfalls seit dem Irak-Krieg - und sie bekommen es mit Geiselnahmen und Hubschrauber-Abschüssen durch Rebellen im eigenen Land regelmäßig vorgeführt. (APA)

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    Drogenanbau und Opiumhandel blühen wieder in Afghanistan.

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