Ween: "Shinola vol. I"

    4. Oktober 2005, 12:02
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    So gut kann Ausschuss­ware sein: Der neueste Streich Pennsylvanias schrägster Köpfe

    Die ersten drei Buchstaben von "Shinola" sind nicht zufällig ident mit jenen der englischen Übersetzung von Scheiße. Shinola ist älteren amerikanischen Generationen als Schuhcreme bekannt, die in Farbe und Konsistenz den Endausscheidungsprodukten ausgewogen ernährter menschlicher Körper aufs Auge gleicht. Und zur Ausscheidung waren auch jene zwölf Tracks bestimmt, die sich nun doch auf dem neuesten Album der Alias-Gebrüder Gene und Dean Ween (Aaron Freeman und Mickey Melchiondo) eingefunden haben. Anders gesagt: Alle, die Ween schon immer Scheiße fanden, bekommen jetzt das, was sie erwarten.

    Nicht mehr explizit

    Über die Entstehungsgeschichte der einzelnen Songs verraten Ween wenig. Man weiß, dass sie sich über die Jahre angesammelt hatten. Eine lineare Entwicklung lässt sich bei den Pennsylvaniern aber ohnehin nicht ausmachen. Als Gene und Dean sich zum ersten Mal als musikalische Formation begriffen, waren sie gerade am Höhepunkt ihrer Frühpubertät. Und man könnte sagen, dass jene Themen, die den durchschnittlichen 14-jährigen west-urbanen Menschen so quälen, Weens Texten ohnehin nie wirklich abhanden gekommen sind. Trotzdem: Shinola ist eines ihrer wenigen Alben, das es nicht zum "Explicit Lyrics"-Prädikat geschafft hat. Da konnte sie auch das charmante "Big Fat Fuck" nicht mehr rausreißen.

    Im Vergleich zu ihrem letzten Studio-Album Quebec (2003) ist Shinola – abgesehen von den frühen 90er-Remineszenzen "Boys Club" und "Monique the Freak" - weniger easy listening geraten. Wirklich schwere Kost servieren die Ween-Brüder aber auch nie. Sie bewegen sich gekonnt zwischen kommerzigem Schunkeln und melancholischer Nebelmusik, ohne jemals von den Höhen der Ironie auf den Boden der Realität abzudriften. "How high can you fly?" fragt die computergebrochene Stimme jenes Gene Ween, der die letzte US-Tournee vorzeitig abbrechen musste, um sich auf Drogenentzug zu begeben.

    Commander of Time

    Vergleichen werden Ween und Konsorten nie gerecht. Als es anfangs hieß, sie wären in den Fußspuren des Prince und der Beatles unterwegs, überraschten sie mit dem reinen Country-Album "12 Golden Country Greats" (1996). Auf "Shinola" widersprechen sie mit gläubig-religiösen Anklängen ihrem Bad Boy-Image: "I'm the commander of time in my vessel of God", singt Gene Ween, der mit "Israel" weniger dem gleichnamigen Staat, sondern der gesamten jüdischen Glaubensfamilie huldigt - aber, wie gesagt, nie ohne Ironie. Und da Ironie des Religiösen immer ein bisschen blasphemisch ist, sind Ween auf "Shinola" schließlich auch wieder irgendwie böse. Tastes good on the bun. (mas)

    Ween: "Shinola vol. I" (Schnitzel Records 2005)

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    Ween
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      foto: schnitzel records
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