Weltgeil, heimatlos, Mama ...

6. Oktober 2005, 16:55
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Wie sich Franzobel (alias Stefan Griebl) endgültig in die große Literatur schreibt, schraubt - Respekt!

Am 14. Februar 1958 kommt es in der Villa eines Zementfabrikdirektors im argentinischen Olavarría zu einem außerordentlichen Valentinstagsfest. Einer ordentlichen Orgie. Kein Stein bleibt da auf dem anderen, auf diesem dem Zufall geschuldeten "Fest der Steine". In geiler Verzückung purzeln österreichische Hitler-Mitläufer und Nazis (darunter Adolf Eichmann), ein südamerikanischer Kriminalkommissar, eine ehemalige deutsche Krankenschwester, eine Wiener Prostituierte, ein argentinischer Wahrsager, ein böhmischer Lidice-Überlebender und so manch andere kuriose Gestalt über- und ineinander. Doch die individuellen Höhepunkte werden - während der Einzelne schon erschlafft - noch getoppt, von einem kollektiven Orgasmus: der Hinrichtung, blutspritzenden Steinigung des Böhmen.

Das ist starker Tobak, und den ist man von ihm ja - "bei manchen sagt der Name alles" - gewohnt: Franzobel. Mit Fest der Steine hat der heute 38-jährige Bachmannpreisträger von 1995 seinen bisher seitenstärksten Roman vorgelegt, aber nicht nur in dieser Hinsicht ein herausragendes Werk, ein Opus eximium. Dieses beginnt (und bleibt es - kein Widerspruch zu seinem Gelingen - bis zuletzt) verwirrend, rätselhaft und grotesk, breitet sich aus wie ein pilziges Wurzelgeflecht, so dass im Kopf des Lesers die Postmoderne dreimal klingelt und vor allem die Charakterisierung einzelner Handlungsträger(innen) ziemlich schnell die berühmte Eingangssequenz des "Anti-Ödipus" von Deleuze / Guattari in Erinnerung ruft: "Es funktioniert überall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, ißt. Es scheißt, es fickt. Das Es . . .".

Postmodern mutet auch das Potpourri der zahlreichen Anspielungen und Rückgriffe auf Schriftsteller wie Ovid, Hölderlin, E.T.A. Hoffmann, Novalis, Kafka, Musil, Haek, Brecht, Graham Greene, Thomas Bernhard ("Nazinudelsuppe") und andere an, wobei der Roman insgesamt der humanistischen (Rabelais), späthumanistischen (Fischart) und barocken (Grimmelshausen) Erzähltradition nachspürt, eingeteilt in sieben Kapitel nach den sieben Todsünden.

Mit einer Ausnahme: Die "Trägheit" (desidia) ist der "Traurigkeit" gewichen, wieder so ein typischer Kunstgriff des listigen Romanciers Franzobel, diesem modernen Frühen Neuzeitler mit der Vorliebe für spielerische Phantasie, derb-grobianische (Sexual-)Komik, Parodie, Satire, Travestie und nicht zuletzt für den damit eng verbundenen Wort- und Sprachwitz, als dessen Großmeister Stefan Griebl ("bei manchen sagt der Name nichts") mittlerweile weit mehr als nur eine eingeschworene Fan-Gemeinde erreicht hat - da mag es auch gelegentlich kalauern oder des Guten zu viel sein.

Wenn uns etwa im unermüdlichen Namensspiel ein "Dr. Popoloch" vorgesetzt wird. Und auch dass Franzobels viel gelobte Sprachkraft zuweilen an einer Überdosis von "wie"-Vergleichen leidet, sei angemerkt. Weniger wäre auch in diesem Fall wieder einmal mehr gewesen, ebenso in Bezug auf den ein oder anderen erzählerischen Exkurs, der noch das letzte Detail erfassen will, aber dem Leser den ohnehin üppig beanspruchten langen Atem zu rauben droht - marginale Einwände angesichts der literarischen Gesamtleistung.

Doch worum dreht es sich nun eigentlich in diesem ungemein clever komponierten Buch, dessen Unterkapitel nicht selten wie bei TV-Serienfolgen professionell nahtlos und spannungsgeladen aneinander anknüpfen? Wovon also handelt diese funkensprühende Prosa, diese Mischung aus Kriminal-, Spionage-, Abenteuer-, Geschichts-, Fantasy-, Schelmen-, Gesellschafts- und Familienroman, bevölkert von Personen mit Tier-Zuschreibungen ("Gelse", "Eidechse", "Schäferhündin" etc.), von menschlichen Riesen und Zwergen, Hermaphroditen, Eunuchen, Sexualtriebtätern aller Art, Reliquien- und Kindesräubern, Mördern, Wahrsagern, Voodoo-Zauberern, (gestrandeten) Lichtgestalten wie dem Erzengel Gabriel, von genialischen Behinderten und schlicht Wahnsinnigen, Frommen, Teufelsanbetern und UFO-Gläubigen, Links- und Rechtsideologen, Besitzenden und Besitzlosen und so weiter und so fort? Schwierig! Am ehesten lassen sich Ort und Zeit bestimmen, im Kern oszillierend zwischen Wien und Argentinien, schwankend zwischen der so genannten Zwischenkriegszeit und dem unlängst eingeläuteten 21. Jahrhundert um das Jahr 2004.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der 1931 in Wien geborene Exzentriker, Hitlerverehrer und spätere Großgrundbesitzer Oswald Mephistopheles Wuthenau, ein von Obstipation geplagter, hünenhafter und fettwanstiger Anti-Protagonist, ebenso sympathisch wie Georges Duroy, Maupassants "Bel Ami". In den weiteren Hauptrollen: der Wiener Südamerika-Auswanderer und Industrielle, diarrhörische Franz Schwammenschneider; Madlen Hutzinger, Nutte aus Wien, später argentinische Umbanda-Magierin und in hohen Alter eine anerkannte Malerin in Österreich; der quasi mutterlose Loser Austin Seber, tittenbegeisterter Kriminalinspektor aus Buenos Aires; der seine jüdische Herkunft verdrängende Wilbur Billighurst (alias Chaim Reich), ursprünglich auch Österreicher, in Argentinien dann Repräsentant einer Nuklearfirma; Diego Ramelow, ein deutschstämmiger Russe aus Königsberg, bis zu seiner Kastration ein größenwahnsinniger Dauererigierter.

Daneben der kleinwüchsige Kattowitzer Jude und israelische Geheimdienstler Danny Milchman, der eigentliche, mysteriöse, allwissende Erzähler und . . . noch viele, viele andere aus dem weit mehr als fünfzigköpfigen Romanpersonal. Fast alle sind sie auf reale oder magische Weise miteinander verbunden, jagen Ideologien, Prophezeiungen, Karrierewünschen und Selbstverwirklichungsversuchen, ihren Trieben und Besessenheiten hinterher, quer durch mehr als ein halbes, Angst einflößendes Jahrhundert auf der Flucht vor dem Horror Vacui.

Und dabei ist kaum einer von ihnen so, wie er es glaubt oder wie es der Leser zunächst von ihm annehmen darf. Immer wieder kommt es zu höchst überraschenden Wendungen in der Identitäts- und Herkunftsfrage: moderne Heimatlose, Täter und Opfer, Täuscher und Getäuschte, mit dem schweren Gepäck der Geschichte, auch ihrer individuellen, auf dem Rücken, und kurz vor ihrem Ableben das Wort "Mama" auf den Lippen.

Mit dem Täter- /Opfer-Thema greift Franzobel freilich ein zentrales Thema der neueren österreichischen Literatur auf, aber er tut dies tabuloser, gleichzeitig bedächtiger als andere. Wir haben es somit auch mit einem genuinen Österreich-, im engeren Sinn von Hassliebe geprägten Wien-Buch zu tun, aber eben nicht nur: Der Blick wendet sich ja auch auf die argentinische Perón-Ära und ihre Nachwehen, streift Afrika und die hölzerne, piefketypische Deutsche Demokratische Republik, die dem Kommunistenfeind Wuthenau - köstlich! - die Bert-Brecht-Medaille verleiht.

Man muss sich viel Zeit nehmen für diesen Roman, eventuelle Einstiegsschwierigkeiten überwinden, um dafür umso mehr mit purem Lesevergnügen belohnt zu werden, denn, damit Fazit: Trotz seines derben (vielleicht aus feministischer Sicht nicht immer korrekten) Humors, seiner Verschrobenheit ein sensibles, intelligentes, gebildetes, welthungriges, ja weltgeiles und - alles in allem - modern philosophisches, sehr nachdenklich stimmendes Buch, in dem es an einer Stelle heißt: "Wir sind Sklaven der Nachrichten, plappern nur Schlagzeilen nach. Und weil immer alles vor unseren Augen ist, fehlt die Distanz zum Überschauen, zum Zusammenfügen. Weil uns ständig Krieg, Armut, Geschlechtsorgane, Obsessionen und Privatsphären vorgeführt werden, sehen wir nichts mehr, begreifen nur scheinbar". Und die Wahrheit? So rätselhaft wie der Diskus von Phaistos, der in Form einer Abbildung den Schlusspunkt unter diesen furiosen Roman setzt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.8.2005)

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Volker Kaukoreit ist Stellvertretender Leiter Öster- reichisches Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Von Volker Kaukoreit
  • FranzobelDas Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik € 24,90/645 Seiten  Zsolnay, 
Wien 2005.
    foto: buchcover zsolnay verlag

    Franzobel
    Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik
    € 24,90/645 Seiten
    Zsolnay, Wien 2005.

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