Offene Welt

21. Dezember 2005, 15:05
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Im Internet wird wahr, wovon Weltverbesserer seit Jahrhunderten träumen - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Aus freien Stücken arbeiten Menschen aus aller Herren Länder zusammen, um etwas zu schaffen, das allen gemeinsam gehört. Kein Zwang treibt sie an; was zählt, ist das gemeinsame Ziel und die Werte, die sie teilen: Ob Linux, Wikipedia, blogster oder amazon - das Internet mutiert zu einem Ort, an dem die Produktions- und Motivationstheorien der "alten Welt" außer Kraft gesetzt scheinen.

Kooperation statt Konkurrenz, kostenlose Angebote statt kalkulierter Rendite; Konsequenz: In vielen Branchen geraten die Grundprinzipien des Geschäftsmodells unter Druck; die Wertschöpfungsketten lösen sich auf, die Grenzen zwischen Kunden und Produzenten, zwischen Märkten und Organisationen verwischen sich. Wie kann man die Kooperationsrevolution nutzen?

  1. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile: Die Linux-Entwickler und Wikipedianer arbeiten nicht nach einem übergeordneten Plan, sondern modular. Jeder Beitrag ist nachvollziehbar und korrigierbar. Ohne "von oben" gesetzte Vorgaben entscheidet die Anerkennung der "peers" und ermöglicht sowohl eine - effiziente - Arbeitsteilung als auch das Aufrechterhalten einer "handwerklichen" Haltung, die sich im Detail vertieft und etwas "um seiner selbst willen" gut macht; ein Ideal, das in "normalen" Unternehmen immer weniger realisierbar ist.

    Anders bei Toyota: Mitarbeiter werden ermutigt, bei jedem Fehler fünfmal nach dem "Warum?" zu fragen; Besprechungsprotokolle sind prinzipiell öffentlich.

  2. Wissen vermehrt sich, indem man es teilt: Führungsfunktionen verlagern sich in Netzwerken auf die Organisation und Optimierung von Verbindungen; technische Plattformen zu schaffen ist eine Voraussetzung, das Teilen, die Weitergabe von Wissen und Werten die entscheidende Aufgabe.

    Führende Linux-Programmierer bearbeiten täglich bis zu 400 Anfragen - Kommunikation ist nicht nachgeordnete "Ablenkung", sondern Kern einer Führungsform. Die systematische Offenheit ermöglicht eine Vertrauenskultur in der Kooperation auch mit völlig Fremden; die "Tausend Augen" der Gemeinschaft sichern die Glaubwürdigkeit; fehlerhafte oder tendenziöse Wikipedia-Einträge bleiben selten längere Zeit unentdeckt.

  3. Mit Offenheit gewinnen: Die freien Internetkooperationen schaffen nicht nur Alternativen in der Produktion von Inhalten und Produkten; sie setzen auch neue Standards in der Kommunikation.

Die Wertschaffung verlagert sich: Ob in der Musikindustrie - Tauschbörsen kontra Majors -, in den Medien - Blogger versus Mainstream - oder in der Software - Linux kontra Microsoft. Das Informationsmonopol verlagert sich von Medien auf unabhängige Internetplattformen (wie Ciao) - bestes Beispiel sind die Nachrichten-"Blogs".

Auch IBMs offene Strategie im Umgang mit Open Source geht auf: "Als wir verkündet haben, dass wir eine Milliarde Dollar in Linux investieren, haben uns alle für verrückt gehalten", erinnert sich Michel Teyssedre.

Heute generiert das Unternehmen mehr als eine Milliarde US-Dollar mit Linux. Die offenen Netzwerke sind weder mit Gesetzen noch mit Gewalt aus der Welt zu schaffen - im Gegenteil: Ihr positives Potenzial gilt es zu nutzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.08.2005)

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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