Manche der Geiseln verbrachten über 20 Jahre in der südwestalgerischen Wüste
Rabat - In dem seit Jahrzehnten andauernden Konflikt um
die Unabhängigkeit von Westsahara hat die Rebellengruppe Polisario
durch die Freilassung der letzten 404 marokkanischen Gefangenen ein
Zeichen der Versöhnung gesetzt. Viele von ihnen hatten mehr als 20
Jahre in der südwestalgerischen Wüste um Tindouf verbracht.
US-Vermittlung
Die Westsahara-Befreiungsfront bestätigte Mitte August die
Freilassung, die nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten
Kreuz (IKRK) unter Vermittlung der USA zustande kam. Die
Freigelassenen sollten am Donnerstagabend in der marokkanischen Stadt
Agadir eintreffen. In Marokko, aber auch international wurde der
Schritt begrüßt. Die Polisario (Frente Popular para la Liberacion de
Saguia el Hamra y Rio de Oro) kämpft für die Befreiung der vor drei
Jahrzehnten von Marokko annektierten ehemaligen spanischen Kolonie
Westsahara.
Die Polisario habe mit Vertretern des IKRK und des sahrauischen
Roten Kreuzes eine Vereinbarung über die Freilassung der Gefangenen
unterzeichnet, bestätigte der "Botschafter" der Rebellengruppe in
Algier, Mohamed Beissat. Im Gegenzug müsse nun Marokko die in seinen
Gefängnissen einsitzenden sahrauischen Häftlinge freilassen. Nach
Angaben der Polisario hält Marokko derzeit rund 150 Kriegsgefangene
und 35 politische Gefangene fest. Auch das Schicksal von 500
Verschwundenen ist demnach ungeklärt. Die Polisario hatte seit Beginn
des Konflikts rund 1000 Marokkaner gefangen genommen, diese jedoch
seit 1987 in mehreren Schritten wieder freigelassen. Zuletzt war im
Januar 2005 eine Gruppe von Gefangenen freigekommen.
"Gerechtigkeit wurde genüge getan"
Die marokkanische Regierung begrüßte die Freilassung der
verbleibenden Gefangenen. "Der Gerechtigkeit wurde genüge getan",
sagte Regierungssprecher Nabil Benabdellah. Er dankte zudem den USA
für ihre Vermittlung. Die Freilassung der Gefangenen wurde vom
Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses beim US-Senat, Richard
Lugar, überwacht. Der republikanische Senator sollte am Freitag von
König Mohammed IV. in Tetuan empfangen werden.
Eine Sprecherin des Weißen Hauses bezeichnete die Freilassung als
Erfolg. Diese sei das Resultat "intensiver Bemühungen der USA,
Marokkos und Algeriens" gewesen, betonte sie. Das spanische
Außenministerium lobte den Schritt der Polisario als "Geste der
Menschlichkeit". Dadurch werde den Bemühungen um eine Lösung des
Konflikts um die Westsahara eine "neue Dynamik" verliehen, hieß es.
Auch die deutsche Bundesregierung sprach von einem "wichtigen
Schritt". Es gelte nun, die noch offenen Fragen bezüglich
sahrauischer politischer Gefangener oder Verschwundener in Marokko zu
klären, erklärte der Menschenrechtsbeauftragte des Berliner
Auswärtigen Amtes, Tom Koenigs.
Die marokkanische Regierung hatte das rohstoffreiche Wüstengebiet
nach Abzug der spanischen Kolonialmacht 1975 annektiert, worauf die
Polisario mit algerischer Unterstützung einen bewaffneten Aufstand
begann und einseitig die Unabhängigkeit der Westsahara erklärte. Die
Demokratische Republik Sahara (DARS) wird von über 80 Staaten
anerkannt. Seit einem 1991 geschlossenen Waffenstillstand bemüht sich
die UNO um eine friedliche Lösung des Konflikts. Nach UNO-Angaben
harren in der südwestalgerischen Wüste um Tindouf seit einem
Vierteljahrhundert rund 160.000 Flüchtlinge aus, die auf ihre
Heimkehr hoffen. Die UNO hat für 2008 ein Unabhängigkeitsreferendum
vorgeschlagen, doch ist unklar, ob bei dieser Abstimmung auch die
nach 1975 in die Westsahara eingewanderten Marokkaner wahlberechtigt
sein sollen. (APA)