Der Beton, aus dem die Träume sind

13. September 2007, 10:30
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Masala Movies, Maruti- Kleinwagen und Millionen Menschen, die am Wirtschaftswunder arbeiten: Weiter denn je liegt Mumbai heute im Westen

Daddy spendiert Mangoeis mit Knusperwaffel, und Mammi fliegt in Gummilatschen eben kurz nach Tokio. Zumindest steht das auf dem Blechbauch des dicken, kleinen Jumbojets, der sich am Chowpatty Beach quietschend im Kreise dreht.

Der neue Sari weht im Abendwind, hinter wackeligen Jahrmarktsbuden plätschert die sanfte Meeresbrandung gegen den lärmenden Marine Drive. "Andere Destination gefällig?",fragt da der Kundenkeiler. Kein Problem, die bunt gelackten Luftschiffgondeln stehen jedem offen, der fürs Boarding-Ticket fünf Rupien berappt.

Es ist spät geworden an Mumbais Back Bay. Schon kriecht die Flut zum Erdnussröster und seinem rotbefrackten Werbeäffchen. Ein letzter Schnappschuss muss trotzdem noch sein, auch wenn das Business unaufhaltsam vor die Linse drängt: Aufdringliche Luftballons flattern zunächst ins Bild, dann ist es ein zerlumpter Pferdetreiber, der sich ungefragt samt Leihgaul vor die Optik schiebt.

Endlich ist alles doch noch irgendwie im Kasten: drei bunt bemalte Holzschimmel. Kinder, die zu Vorführzwecken Seifenblasen platzen lassen. Ein riesengroßer Plastikelefantengott. Ferner wehende Palmen, die Verbeugung der Sehnsucht schlechthin. Verschwenderisch gleißend ragen dahinter die hellen Wolkenkratzer in den samtig lila Himmel.

"Queens Necklace" hatten die Briten die Uferkrümmung getauft. Doch jetzt tut ihr Glitzern so, als ob Mumbai Manhattan und die ölig verschmutzte Back Bay der Hudson River wären - typisch für den Zwiespalt aus Wunsch und Wirklichkeit, der Indiens schillerndsten Moloch bis heute prägt. Dabei ist alles ganz einfach: Mumbai ist Bombay, und beides ist der Beton, aus dem die Träume der Millionen sind.

Ein Mythos von Glanz, Glamour und Reichtum umweht die Stadt. Die lauten Werbetrommeln "Bollywoods", der lokalen Filmindustrie, schlagen seit jeher in dieselbe Kerbe. Ein knappes Dutzend Filmstudios agiert dabei auch als Touristenattraktion per se. Hier entsteht das Gros der Hindi-Seifenopern, die Millionen Inder mit ausreichend Komik, Mord und Drama, mit Sex, Intrige und Happyend versorgen wollen.

"Masala Movie" heißt das Kinogenre, benannt nach der scharfen Gewürzmischung des Südens, und überhitzt ist auch das Movie-Milieu selbst: Nirgendwo werden mehr Filme produziert als hier, steigen und fallen die Stars schneller und werden die saftig servierten Spalten der Klatschkolumnisten mit größerem Heißhunger verratzeputzt. Mumbais Straßen sind voll mit den bunten Spuren des Masala Movie: Überall trifft man auf die überdimensionalen Bilder von Liebe und pausbäckigen Pistolenmännern.

Die Stadt liegt heute weiter denn je im Westen. Gelegentlich sogar so weit, dass Produkte mit dem Wundersignum "USA Made" nur wenige Kilometer außerhalb Mumbais erzeugt werden. Etwa im staubigen Kaff Ulhasnagar. Von dort überschwemmten Millionen billiger USA-Klamotten die Inselstadt.

Dass "USA" am T-Shirt-Etikett für "Ulhasnagar Sindhi Association" steht, weiß hier mittlerweile freilich jeder. Ein Bonmot, zugegeben, aber zugleich ein Indikator für die Produktivität der Region. Die Finanzkraft der größten indischen Wirtschaftsmetropole verändert rapide das Gesicht der ursprünglich aus sieben Fischerinseln zusammengepappten Stadt.

Die bunt bepinselten Wellblechhütten der Vorbezirke, an deren Mauern vollflächig für Waschmittel und Zitronenlimonade geworben wird und deren Häuserzeilen an große Supermarktregale erinnern, bieten davon einen ersten Vorgeschmack. Sie stellen mittlerweile das Gros der über siebzehn Millionen Einwohner, und nicht selten werden diese "Colonies" ohne jede Vorwarnung von Planierraupen plattgewalzt, um weiter draußen neuerlich zu entstehen.

Doch Indien braucht Mumbai, und Mumbai braucht Platz. Letzteres nicht nur der beengten Insellage wegen, an deren äußerster Südspitze die Häuser bereits während der 30er-Jahre wie frisch gepflanzter Bambus in schwindelige Höhen schossen. Immerhin wird ein Drittel des Bruttonationalprodukts hier erwirtschaftet, knapp die Hälfte des indischen Außenhandels abgewickelt.

Gut vierzig Prozent aller indischen Einkommenssteuern laufen heute über das Konto der einst sumpfigen Inseln, die Portugals Prinzessin Katherina Braganza in ihre Ehe mit Charles II. von England einbrachte. Das war vor über 340 Jahren, und eine gute Wertanlage ist die sonderbare Mitgift bis zuletzt geblieben. Für die britische Ostindien Kompanie, die zwischen 1708 und 1773 hier ihre Hauptniederlassung unterhielt, und auch für die legendäre Hochfinanz der Parsen - einer zoroastrischen Religionsgemeinschaft - die bis heute die Geschicke der Stadt maßgeblich kontrolliert.

Nach wie vor gilt Asiens älteste Börse in der Dalal Street als wirtschaftliches Nervenzentrum des gesamten Subkontinents. Und im eleganten, mit Kolonialvillen gespickten Stadtteil Malabar Hill, der sich samt seinen kunstvoll zurechtgestutzten "Hängenden Gärten" zwischen Häusermeere und den Indischen Ozean schiebt, finden sich - auf die Fläche umgerechnet - mehr Millionäre als in Manhattan.

Am Malabarhügel liegen auch die düsteren "Türme des Schweigens", auf deren Dächern die Leichen der Parsen den Aasgeiern überlassen werden. Manches Mal rutschte ein Finger aus den Schnäbelchen, weswegen im Jahre 1881 das alte Wasserreservoir überdacht und darauf die "Hängenden Gärten" angelegt wurden.

Von den Aussichtsgalerien dieser Parkanlage, zwischen Wildorchideen und grünen Heckenelefanten, hat

man den besten Blick auf die neu entstandenen Wälder Bombays, aufs ungekämmte Dickicht der Antennen und Sat-Schüsseln. Ein Gradmesser für die Zukunft Indiens: Schwarzenegger kontra Kali lautet die Devise. Vespa und Instant Curry, Aerobic Studio und Ray Ban die neue Liaison.

Immer längere Staus von Maruti-Kleinwagen bestimmen das neue Chaos im Straßenbild, den von den Dörfern in die Stadt verfrachteten, urländlichen Elementen wie der kommunikativen, niedrigen Otla-Plattform zum Trotz. Selbst die Hindu-Götter haben sich längst zu Supermännern und -frauen verwandelt, agieren nun als Zeichentrickhelden und füllen die Sprechblasen der in Bombay verlegten ACN-Comics.

Fazit: Mammi fliegt mit Flip-Flops eben kurz nach Gotham City. Schöpfer Brahma folgt demnächst nach. Aufregend und verwirrend, sinnlich und originell ist Mumbai trotz allem geblieben. Noch immer umkreist die hupende Armada der klassisch schwarz-gelben Fiat-Taxis eine von neugotischen Türmchen, Erkern und Fassaden geprägte Altstadt. Das kafkaeske Hauptpostamt oder das mit weißer Marmorkuppel gekrönte Prince of Wales Museum zählen zu den spektakulärsten Beispielen dieser "Bombay-Gotik" - ebenso wie der grandiose Victoria Terminus, einst der größte überdachte Bahnhof der Welt, den die unsentimentalen Briten an der Stelle des Mumbadevi Tempels errichteten.

1996, als der vom portugiesischen "buan bahia" ("Guter Hafen") zu Bombay verballhornte Namen der Stadt auf Mumbai gewechselt wurde, tauchte Göttin (Devi) Mumba wieder auf - ein Politikum blieb die von der hindu-nationalistischen Shiv-Sena-Partei heftig angestrebte Namensänderung freilich noch Jahre danach.

Doch nicht über alles ließen die Briten die Eisenbahn fahren. In der Bibliothek der Asien-Gesellschaft stapeln sich Marmorstatuen, Katalogkästchen, vor allem aber 800.000 Bände in romantisch verstaubten Bücherschränken aus honiggelbem Teak. Und auch die rosarot und cremefarben glasierte Punschkrapfen-Architektur des Art déco ist Teil der Geschichte der erst als kolonialer Hafen gewachsenen Stadt.

Service

Einreise:
Für die Einreise nach Indien benötigen österr. Staatsbürger ein Visum, erhältlich bei der Indischen Botschaft in Wien: Opernring 1, Stiege E/4. Stock/Top 427, A-1010 Wien; Tel.: (01) 585 07 93, Fax (01) 585 08 05; Email
embassy.at; geöffnet Mo-Fr 9.30 bis 11.30 Uhr. Das Antragsformular kann man unter www.indianembassy.at downloaden. Kosten für ein Touristenvisum: rund € 50
Landeswährung:
1 Euro = ca. 54 Indische Rupien (Stand 11. 8. '05). Das Ein- und Ausführen von Indischen Rupien ist verboten. Für die Einreise nach Indien werden keine speziellen Impfungen verlangt. Empfohlen werden Impfungen gegen Hepatitis, Diphtherie, Polio, Tollwut und Typhus.
Reisezeit:
Im Juni und Juli entfacht der Monsun seine ganze Gewalt, im August und
September sind die Niederschläge nur noch sporadisch, empfohlen werden
Oktober bis Mitte März.
Anreise:
Die Austrian fliegt ab dem 1. September 2005 täglich außer Mittwoch und Freitag nonstop von Wien nach Mumbai.
Info: www.aua.com
(Robert Haidinger/Der Standard/rondo/19/08/2005)

Verwirrend sinnlich ist die Hafenstadt dennoch geblieben, auch wenn die Hindugötter hier bisweilen als Comichelden auftreten.
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    foto: der standard
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