Privat im Büro telefonieren

2. Jänner 2007, 13:12
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Den Kollegen zuhören ist ein Ohrenschmaus - Oder: Im Job gehöre ich der Firma - und sonst niemandem

+++Pro
Von Karl Fluch

Wer nun eine euphorische Fürsprache bezüglich der nicht anfallenden Gebühren beim Hallofonieren vom Firmentelefon erwartet - Pech, Pech. Am Telefon gelte ich nämlich als einsilbig. Ich will nur die "hard facts": Wann? Wo? Um neun, an der Bar, kann man mit mir dann bis zum Vollrausch plaudern. Aber nicht am Telefon. Deshalb ist meine Telefonrechnung das Porto, mit dem sie zugestellt wird, kaum wert. Auch bin ich zu faul, Nummern aus dem Mobiltelefon zu suchen und sie wegen ein paar gesparter Cent fünf Zentimeter weiter in den Festnetzapparat zu tippen.

Trotz dieser Telefonmuffigkeit ist mir privates Telefonieren im Büro ein Ohrenschmaus. Zum Beispiel wenn der eine Ressortleiter, der gerne den großen Diktator gibt, zu Hause anruft und plötzlich kuschelig wie Flokati wird, weil er von seiner Liebsten wegen eines "total wichtigen Hintergrundgesprächs" verbale Ohrfeigen kassiert. Oder der Kollege, der im Sommer gerne ärmellos daherkommt, damit Kolleginnen die geschwollenen Früchtchen seiner im Fitnessstudio verbrachten Freizeit sehen. Wenn der, statt den Obermacho-Spruch zu führen, im Privatgespräch plötzlich wie ein am Rücken liegender Dackel "kraul mich" wimmert, dann sind das Momente der Wahrheit.

Aufgrund solcher Sparefroh-Wesenszüge wird man also Zeuge von Gesprächen, die Menschen mit Würde via Handy hinter verschlossenen Toilettentüren führen würden. Aber wer weiß, wozu das gut sein kann . . . Ähnlichkeiten mit lebenden Kollegen sind übrigens unbeabsichtigt und rein zufällig. Schwöre!

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Contra---
Von Thomas Rottenberg

Es geht ums Ganze. Sagt der Chef. Wir müssen schneller werden. Flexibler. Dynamischer. Nicht besser, sondern noch besser. Dafür, sagt der Chef, sei es wichtig, sich mehr einzubringen. Einzusetzen. Nicht einfach nur integrieren, sondern identifizieren. So, sagt der Chef, bestehen wir. Siegen wir. Wir, sagt der Chef. Wir, das sind alle. Vom Putzdienst bis zu ihm. Jeder, sagt der Chef, darf, kann und muss da beitragen. Da sei Kreativität gefragt. Und Loyalität. Denn, sagt der Chef, das Wohl des Unternehmens ist unser Wohl. Erst haben wir genickt. Dann hat einer "Ja" gerufen. Zuletzt haben alle "Ja, Hurra" gebrüllt - es war großartig.

Ich habe dann neben das Telefon Liste und Stoppuhr gelegt. Und mitgeschrieben: privat - dienstlich. Danach (in der Freizeit) habe ich nachgerechnet - und eingezahlt. Ein gutes Gefühl. Der Chef hat mich lobend erwähnt. Das hat mich motiviert: Ich lege sofort auf, wenn ein dienstliches Gespräch privat wird. Ich lasse mich auch nicht mehr privat anrufen. Ich habe meinen Verwandten untersagt, meine Büronummer zu wählen: Es geht nicht um Kosten, sondern um Bewusstsein. Commitment: Im Job gehöre ich der Firma - und sonst niemandem.

Der Chef hat mich gestern "Vorbild" genannt. Vor den Kollegen. Meine Idee von der ebenso verpflichtenden wie selbst zu bezahlenden Firmenuniform findet er hochinteressant. Morgen werde ich an einer belebten Kreuzung stehen - und das Lied der Firma singen. Ich fühle mich großartig. Rein, frei - und erfüllt. Von tief drinnen. So muss sich Liebe anfühlen.
(Der Standard/rondo/19/08/2005)

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    foto: der standard
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