Die Stunde der Kaffeesatzanalysten

16. August 2005, 17:48
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Am Beispiel Watzal: Warum sich die Palästinenser bessere Freunde verdient haben - Ein Kommentar der anderen von Henryk M. Broder

Je näher der israelische Abzug aus dem Gazastreifen heranrückte, umso nervöser wurden die deutschen Kommentatoren. Bricht in Israel der Bürgerkrieg aus? Werden die Siedler Widerstand leisten, vielleicht sogar auf die Soldaten schießen? Welche Folgen wird der Rückzug auf den Friedensprozess haben? Wird er ihn beschleunigen oder beenden?

Es ist die Stunde der Experten, Wahrsager und Kaffeesatzanalysten. So haben sie sich den Weg zur Lösung des Nahostkonflikts nicht vorgestellt. Und deswegen wurde das Projekt schon zum Scheitern verurteilt, noch ehe der erste Siedler den Gaza-Strip verlassen hatte.

Egal was passiert, fest steht, dass Israel für alles verantwortlich ist, erstens weil es den Gaza-Strip besetzt hat, zweitens weil es ihn jetzt räumt. Und weil es eine dritte Option zwischen Bleiben und Gehen nicht gibt, ist es eigentlich völlig wurscht, was Israel macht. Es gilt das Motto: "Denn Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da." (Fassbinder)

Unter den üblichen Verdächtigen, die in diesen Tagen auf der Allee der Besserwisser ihre Parade abhalten, ist auch Ludwig Watzal, der in den Medien immer dann zum Zuge kommt, wenn Peter Scholl-Latour verreist, Michael Lüders verschnupft und Udo Steinbach indisponiert ist. Watzal, Jahrgang 1950, gelernter Großhandelskaufmann, Dipl.-Politologe, Theologe, promovierter Philosoph und Lehrbeauftragter an der Uni Bonn, hat einen – erstmals in der Wochenzeitung Freitag publizierten – Text verfasst, in dem alles drin steht, was man über deutsche Nahostexperten wissen muss. Sie wissen so gut wie nichts, aber sie sind in ihrem Unwissen nicht zu erschüttern. Sie haben Arafat zum Staatsmann hochgeschrieben, sie haben die PLO zu einer funktionierenden demokratischen Organisation erklärt, sie reden über Terroristen wie über benachteiligte Jugendliche, die in ihrer Verzweiflung ein wenig über das Ziel hinausschießen, und jetzt finden sie es echt Scheiße, dass Israel den Gaza-‑ Strip aufgibt, ohne zugleich die Westbank und am besten ganz Palästina zu räumen. Was natürlich die optimale Lösung des Konflikts wäre.

Watzal beschwert sich über den "einseitig proklamierten Abzug", während die Rückgabe des Sinai an Ägypten vor 26 Jahren Gegenstand eines bilateralen Vertrages war, der Israel "zu Konzessionen" verpflichtete.

Was er zu sagen vergisst: Auch Ägypten machte "Konzessionen", es erkannte die Grenze zu Israel an und stimmte der Stationierung von MFO-Truppen zu. Ähnliches hat man bisher von der palästinensischen Autonomiebehörde nicht gehört, die im Übrigen kein völkerrechtliches Subjekt ist.

Nach der gleichen Methode geht Watzal vor, wenn er ausrechnet, wie viel des "historischen Palästinas" die Palästinenser bekommen sollen. Gerade zehn Prozent, sagt er. Unterschlägt aber, dass zum historischen Palästina auch das heutige Jordanien gehörte, bevor es 1921 von der britischen Kolonialmacht zu einem Emirat erklärt wurde. So gerechnet, entfallen auf Israel und die besetzten Gebiete etwa ein Viertel des historischen Palästinas. Mit seiner Behauptung, die Palästinenser würden nur zehn Prozent bekommen, suggeriert er, die Juden hätten sich 90 Prozent gekrallt. Entweder der Mann kann nicht rechnen – er hat ja nicht in Mathematik oder Erdkunde promoviert – oder er will seine Leser täuschen.

Watzal setzt die Floskel vom "reinen jüdischen Staat" in Anführungszeichen, ohne zu sagen, von wem das ein Zitat sein soll. Was er damit suggerieren will: Die Räumung der besetzten Gebiete kommt einer ethnischen Säuberung gleich. In Israel sollen nur Juden leben. Nur: In Israel (ohne die besetzten Gebiete) leben rund 20 Prozent Nichtjuden – Christen aller Konfessionen, Muslime, Drusen etc. Israel ist so rein jüdisch wie Berlin rein deutsch ist. Watzal weiß es, setzt aber auch hier auf die Naivität seiner Leser. Er gilt ja als Experte.

Sehr hübsch und zweckdienlich ist auch Watzals Feststellung, die Besatzung sei "die gebietende Ursache für 'Terror und Gewalt'": Doch da hat er ausnahmsweise Recht. Da nach Ansicht der Terroristen Tel Aviv und Jaffa genauso besetzt sind wie Hebron und Ramallah, wird die Räumung des Gazastreifens sie weder zufrieden stellen noch besänftigen. Der Terror und die Gewalt, die Watzal in Anführungszeichen setzt, werden weitergehen. Bis die letzte Düne bei Netanya von der zionistischen Besatzung befreit wurde.

Wieder einmal stehen die Palästinenser als arme Opfer und die Israelis als durchtriebene Übeltäter da. Während sich das Internationale Rote Kreuz aus Gaza zurückzieht und UNRWA-Mitarbeiter gekidnappt werden, macht sich Watzal Gedanken, wer die Trümmer abräumen wird, die nach dem Abzug der Israelis zurückbleiben werden.

Das Ganze kommt ja auch so überraschend wie Weihnachten im Dezember. Über zehn Jahre hatten die Palästinenser Zeit, sich auf den Tag X vorzubereiten. Nun wissen sie nicht, wie ihnen geschieht. Plötzlich sind die Israelis weg!

Milliarden an Hilfsgeldern sind an die PLO geflossen, zwölf miteinander konkurrierende Geheimdienste wurden von Arafat gegründet, um alle seine Buddys, Freunde und Rivalen ruhig zu stellen. Und nun kann man überall lesen, unter was für elenden Bedingungen die Palästinenser leben müssen, weil Israel die Grenzen zu den palästinensischen Gebieten dicht macht.

Wie wäre es, wenn Ägypten seine Grenze zu Gaza aufmacht, damit etwas Druck aus dem Kessel entweichen kann? Wie wäre es, wenn die Arabische Liga einen Marshall-Plan für die palästinensischen Gebiete aufstellen würde, um Arbeitsplätze zu schaffen, damit die Palästinenser nicht auf Arbeit in Israel angewiesen sind? Wie wäre es, wenn Schaumschläger wie Watzal eine Weile die Klappe halten würden? Die Palästinenser sind schon geschlagen genug. Sie haben bessere Freunde verdient. (DER STADNARD, Printausgabe, 17.8.2005)

Henryk M. Broder ist "Spiegel"-Autor und Publizist und lebt in Berlin

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