Ideen-Stifter für ein Wochenende

20. Oktober 2005, 15:50
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Das Adalbert-Stifter-Jahr führt über Wanderwege zum Wirt und zum Workshop

"Die Knödel sahen so gar nicht wie Knödel aus, sondern lagen in der Schüssel wie ausgeschundene Frösche", merkte Adalbert Stifter zur Entlassung seiner Dienstmagd Franzi im Tagebuch an. Ess- wie Trinkgewohnheiten wurden akribisch dokumentiert und waren bei Stifter als interregionales Lebens(-mittel-)projekt angelegt - nur konsequent, dass sich die Events und Feierlichkeiten zum Stifter-Jahr 2005 über Oberösterreich hinaus auch auf Bayern und Tschechien erstrecken.

So möchte man auch in dieser Beziehung dem Auftrag lückenloser Dokumentation und Reproduktion nachkommen und erzählt heute bei zahllosen Wirten in etwas verdaulicherer Adaption die Leibspeisen Stifters nach. Ergänzt wird die aufgelegte kulinarische Zeitreise durch eine Sonderedition der Stiftsbrauerei Schlägl mit dem obergärigen, kräftigen "Stifter-Bier" - nun gut, es hätte auch ein Stifterl sein können.

Mit mehr als 130 Veranstaltungen und 30 Ausstellungen zum 200. Geburtstag Adalbert Stifters gibt man vor allem den Tagesausflüglern die Möglichkeit, Bestehendes und Nacherzähltes im Mühlviertel zu entdecken. Neben dem hohen Potenzial oberösterreichischer Wiederentdecker sind die Stifter'schen Stationen auch für den in jedem touristischen Segment steigenden Anteil der Kurzreisenden geschaffen.

Wandern sehr, sehr gut

Zusätzlich zu Lesungen und Performances wie jener des Regisseurs Kurt Palm und des "Attwenger"-Musikers Hans-Peter Falkner mit "Suppe Taube Spargel Sehr Sehr Gut" - einer Art biografisches Kochbuch - kümmert man sich in Oberösterreich vor allem auch um die Verdauungsspaziergänge. Auf neun thematischen Wegen können Stifters Erzählungen erwandert werden: Wer weniger bereit ist, die kulinarischen Erfahrungen dort gleich wieder abzubauen, hält sich etwa an den nur rund elf Kilometer langen Witiko-Steig. In bewegungstechnischer Hinsicht näher kommt dem Gesamtwerk schon der bereits seit den Neunzigern bestehende, 48 Kilometer lange Adalbert-Stifter-Wanderweg von Wegscheid an der österreichisch-deutschen Grenze nach Horní Planá, dem Geburtsort von Stifter. Die Tour durchs Dreiländereck ist ideal für eine Zweitagewanderung, bei der man etwa im Hotel Na Plázi in Oberplan am Ende der Wanderung oder zwischendurch im Gasthaus Zum Überleben in Klaffer einkehren kann.

Wer Stifter lieber erfahren will, tut dies am Wochenende am besten mit dem "Zug der Zeit", einem Sonderzug mit Installationen, Gesprächen und künstlerischen Darbietungen. Diesen Sonntag bricht der Zug um 7.35 Uhr von Linz nach Vyssí Brod auf; Karten dazu gibt es ganz regulär am Schalter des Linzer Hauptbahnhofes. Zeitlich unabhängiger kann man einen Besuch der Ausstellung "Rose und Schwert" zu Adalbert Stifters "Witiko" einplanen - von Beginn an als tschechisch-österreichisches Gemeinschaftsprojekt in Vyssí Brod konzipiert. Die Ausstellung im Zisterzienserstift, die noch bis 30. 10. täglich außer Montag bis 16 Uhr zu sehen ist, thematisiert die Region als historisch möglichen Musterfall einer kulturellen Enklave ohne nationale Grenzen. Der Eintritt beträgt umgerechnet 3 €.

Ein Kurztrip zu den Schauplätzen Stifter'schen Schaffens ist mit dem Programmheft und der Orientierungskarte der Oberösterreich Touristik relativ einfach selbst zu planen. Bestellen kann man beides unter (0732) 72 77-200 oder unter www.tourisitk.at.

Mit Stifter golfen

Andererseits liegt es auch nahe, wenn man mehrere Orte gleichzeitig besuchen oder aus der Stifter-Spurensuche etwa eine Radtour machen will, auf eines der Paketangebote zurückzugreifen: Neben den zahlreichen Wander- und kulinarischen Angeboten besteht etwa die Möglichkeit, radelnd bis an den Moldaustausee zu gelangen. Bevor es sportlich wird, beginnt man mit einem viergängigen Gourmetmenü im Hotel Bärnsteinhof in Aigen-Schlägl.

Am nächsten Tag greift man auf eines der Leihräder mit GPS zurück und macht sich auf in Richtung Stifter-Geburtshaus in Horní Planá, mit der Fähre gelangt man über den Moldaustausee. Der zweite echte Ausflugstag ist dem Besuch von Ausstellungen - etwa im Stift Schlägl oder dem Stifter-Garten - gewidmet, gegessen wird an einem Abend, was man heute für die Küche Stifters hält. Dieses Paket um 215 € inkludiert drei Übernachtungen im Viersternehotel mit Halbpension, ein Lunchpaket sowie das Fahrrad und die Eintrittspreise für die Ausstellungen, außerdem wird kein Einzelzimmerzuschlag berechnet.

Themenhybride aus Stifter und touristischen Angeboten sind eigentlich nur durch Fantasie und mehr noch durch bestehende Infrastruktur begrenzt, so wird etwa in Ulrichsberg noch bis Oktober die "Golfwoche im Böhmerwald" angeboten. Ab 483 € kann man dort auf sieben Übernachtungen mit Halbpension im Dreisternebetrieb zurückgreifen, sechs Greenfees sind bereits inkludiert. Eine ähnliche Annahme, die Stifter zweifelsfrei als Golfer sieht (hätte er nur die Möglichkeit dazu gehabt), liegt wohl dem Angebot zugrunde, bei dem man sich sieben Tage lang ohne Verpflegung ab 222 € in der Großen Mühl beim Fliegenfischen selbst ums Essen kümmert. Zubereiten kann man die "Stifter-Forelle" dann in der Ferienwohnung Felhofer.

Das Festival "Der Neue Heimatfilm" in Freistadt vom 24. bis zum 28. 8. bietet dann noch einmal die Möglichkeit der eigenen Standortbestimmung: Wo genau man sich zwischen Stifter und Mühlviertel mental befindet, darauf versuchen unter anderem Kurt Palms Stifter-Doku oder Joseph Vilsmaiers "Bergkristall"-Verfilmung "Cristallo di Rocca" zu antworten. Das Festival jedenfalls bemüht sich heuer nicht zum ersten Mal, den "Heimatfilm" aus seiner Verwobenheit in folkloristisch-vereinfachende Strickmuster zu entwirren. (Der Standard, Printausgabe 13./14./15.8.2005)

Von Sascha Aumüller

Info

Stifer 2005
  • Die Suche im Mühlvierteler Panorama nach Stifter: Im Jubiläumsjahr 2005 ist er selbst beim Wandern kaum zu übersehen.
    oö tourismus/erber

    Die Suche im Mühlvierteler Panorama nach Stifter: Im Jubiläumsjahr 2005 ist er selbst beim Wandern kaum zu übersehen.

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