Dichten als Wiederfinden des Verlorenen

7. Oktober 2005, 12:41
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Friedericke Mayröcker über das Schreiben und das gemeinsame Dichterleben mit Ernst Jandl

Nicht wenige klagen über Langeweile, sie meinen, die Mayröcker würde im Grunde doch immer dasselbe Buch schreiben. Das stimmt und stimmt auch nicht. Gewiss, wer den neuen Band mit ihren letzten Prosabüchern, mit Requiem für Ernst Jandl und Die kommunizierenden Gefäße vergleicht, der wird ein Insistieren feststellen: Überall geht es um eine innige, schmerzhaft gesprengte Zweisamkeit, überall rettet ein Ich sich in den Schreibrausch. Der Ton aber klingt von Mal zu Mal verschieden, im jüngsten Werk mutet er erstaunlich direkt und alltagsgewöhnlich an, da wird Erinnerung ganz konkret, und die Autorin ertappt sich bei dem, was sie lange tunlichst vermied: "beim griffigen Erzählen". Langweilen werden sich jene, die dem Eintauchen in einen fremde, beinah monadische Existenz keinen Reiz abgewinnen können, wohl trotzdem.

Der Titel gibt eine in sich verzahnte Zweiheit vor, die Liebesgeschichte und die Schreibanstrengung. Und ich schüttelte einen Liebling, das hat eine aggressive Note, es steckt eine Handgreiflichkeit drin, mag es auch eine liebevolle sein; und es evoziert die Vorstellung einer emsigen Frau Holle, die so lange die Federbetten der Notizzettelchen aufschüttelt, bis kristalliner Wortschnee herniederfällt. Und was wäre der Part des Lesers? Sich berieseln zu lassen?

Friederike Mayröcker, deren Werk gemeinhin als schwierig und spröd gilt, sagt überraschenderweise ja - und sie kleidet dies in ein Gespräch mit dem Lebensgefährten, der hier "EJ" genannt wird: Dem Leser sei "nicht zuzumuten, dasz er MITARBEITET beim Lesen", es genüge, "sich der Lektüre hinzugeben also die Lektüre über sich ergehen zu lassen".

Das von der Autorin autorisierte Rezept des Lese-Laisser-faire empfiehlt sich auch für ihr übriges Werk, für diesen Band aber ganz besonders, sind hier doch poetologische Überlegungen, lyrische Passagen und privatmythologische Reverenzen gegen Freunde zwanglos gemixt mit den Memoiren und Memorabilien eines gemeinsamen Dichterlebens. Poesie ist nicht allein Ausdruck, Poesie ist auch Auswahl. Wir erfahren, was Ernst Jandl, der in einem früheren Buch der "Ohrenbeichtvater" hieß, am Morgen seines Todestages gesagt, wie ihm 1955 das erste Cola geschmeckt hat und wie einig sich die beiden Englischlehrer a. D. auf ihre alten Tage in ihrer Trauer über den "SPRACHVERLUST" waren, den das Deutsche durch den Siegeszug des Englischen erlitten hat.

Weil die Autorin ihr Buch als "Beichte" verstanden haben will, sagt sie auch etwas über ihre Rolle im Zusammenleben und Nebeneinanderschreiben, über "EJs" Vorangehen in mancher Hinsicht, den Ansporn, den seine Erwartungen für sie bedeuteten, über seine Vorwürfe andererseits, sie sei viel zu ehrgeizig - und über seine Art, ihren frühen Gedichten Anerkennung zu zollen, indem er darüber herzlich lachte, eine harte Probe für eine bekennende Humorlose.

Natürlich verfertigt Mayröcker keine roh gezimmerte Beziehungskiste, "EJ" ist nur ein - wichtiger - Teil eines Erinnerungsgespinsts, auch die Mutter und der Vater treten auf, und vor allem Ely, eine große, verflossene Liebe, die der noch größeren keine Konkurrenz zu machen schien. Daneben, wie in allen Büchern Mayröckers, ein Reigen von Bekannten und Freunden, zum Teil mit Initialen, zum Teil mit Vornamen, zum Teil mit vollem Namen, Elisabeth von Samsonow, Liesl Ujvary, Bodo Hell, Kurt Neumann, Wendelin Schmidt-Dengler, der einst in St. Petersburg Russisch-Vokabeln büffelte, er "machte sich ein Vergnügen daraus, uns alle Straszenschilder zu übersetzen". Ein Namedropping für Eingeweihte, die diese Schrift zu lesen verstehen? Kritische Stimmen aus Deutschland haben diese Kunst der Privatanspielung bemängelt. Es gehört aber zu Friederike Mayröckers ureigenster Methode, Personen ihrem Textkörper einzuverleiben, ja, sie auszubeuten wie die Lektüre von Jacques Derrida und Gertrude Stein, alles mit allem zu verschmelzen. "Dasz ich einen immer neuen Zipfel herausziehe ganz fremd, herausziehe und mein Eigenes daraus mache", ist Programm. Alles, was das Leben bestimmt, bestimmt auch den Text.

In einer fugenlosen Montage werden wiederkehrende Erinnerungspartikel und Formulierungsfunde zum Leuchten gebracht, sie bilden die Fixpunkte für die (ein)kreisenden Textbewegungen. Dass hier einmal mehr zugleich die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buches erzählt wird, liegt ebenfalls in der Natur dieser Schreibsache. Die Erzählerin will und muss sich von ihrer Sprache tragen lassen, "als sei ich ausgestattet mit Fittichen" - auch hier triumphiert nur das Ungezwungene: "und es musz von alleine kommen".

Passagenweise klingt die Selbstbeschreibung, als hätte Mayröcker da schon einmal die Nobelpreis-Laudatio in eigener Sache entworfen: Es komme in der Literatur darauf an, "distinkt und streng und erleuchtend" zu sein. "Meine literarische Entwicklung, sage ich zu EJ, geht vom assoziativen Gestammel: Trümmerdasein zum angestrebten Sehnsuchtsziel eines diskursiven Wort-Satz-Zusammenhangs mit gelegentlichen halluzinativen Einbrüchen einher, d. h. die angestrebte Klassizität wird hinterrücks wieder zerstört."

Meistens aber gibt sich die Autorin in ihrem neuen Buch unprätentiöser, lockerer denn je, sie zeigt sich gleichsam nackt, in stilistischer wie persönlicher Hinsicht, ohne deshalb kunstlos zu sein. "ich schreibe jetzt figural", das trotzige Bekenntnis wendet sich gegen eigene Erzählverbote, ästhetische Selbstfesselungen. Es bedeutet auch, konzise Aussagen über sich selbst zu wagen: "ich lehnte am Fenster, balancierte einen Teller und blickte in die Ferne oder in den Himmel und niemals wollte ich wahrhaben was wirklich geschah."

Noch einfacher kann Friederike Mayröcker wohl nicht schreiben, auch ihr schlichtester Text lebt von irritierenden Einsprengseln: "und die Pferde warten bis jemand kommt der im luziden Fiaker Fieber durch die Innere Stadt gefahren werden will". Das luzide Fieber ist es, das den Leser packt, eine galoppierende Unruhe, die mit stiller Verzweiflung wechselt: "und ich bin alt heute, und die Welt ist wie ein Armenhaus". (DER STANDARD, Printausgabe vom 13./14./15.8.2005)

Von Daniela Strigl
  • Friederike MayröckerUnd ich schüttelte einen 
Liebling € 20,40/239 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/ Main 2005.
    foto: buchcover

    Friederike Mayröcker
    Und ich schüttelte einen Liebling
    € 20,40/239 Seiten.
    Suhrkamp, Frankfurt/ Main 2005.

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