Halbe Schale, bissiger Kern

1. Mai 2006, 21:39
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Kawasaki Z 750 S oder: Das Fußrastenfunken des eigenen Motorrades sieht man nur, wenn man selbst nicht drauf sitzt

Die Eckdaten: Zweitägiges Schräglagentraining mit Instruktor Rudolf W., Übungsgerät sei die Kawasaki Z 750 S, Testgelände solle sein, alles im imaginären Dreieck Wien, Linz, Leibnitz. Wetterbericht: na ja...

Für die spätabendliche Anfahrt von Wien nach Linz wählte ich die Autobahn. Rein zu Testzwecken versteht sich. Der optisch auffallendste Unterschied zwischen der nackten Z 750 und der S-Version ist unumwunden die Halbschale. Der die Kawa böse dreinblicken lassende Scheinwerferverbau verhindert sehr gekonnt, dass einem bei 130 Stundenkilometern der metaphorische Bär auf der Brust sitzt. Fantastisch.

Soll es zügiger dahingehen als auf unseren Autobahnen erlaubt, empfiehlt es sich, sich ein wenig klein zu machen, hinter dem Windschutz, denn dann sprintet die Kawasaki auf über 240 km/h - hab ich mir sagen lassen.

Das nicht verstellbare Fahrwerk zeigt auf der Autobahn keinen Ansatz von Schwäche. Sportlich komfortabel würde ich die Einstellung nennen, was sich auch später im Kurvengewühl bestätigen wird.

Kein Soziatest

Der Soziatest musste in Ermangelung einer freiwilligen Testperson leider ausgelassen werden, was aber unendlich viel Ruhe beim Fahren mit sich brachte. Als sicher darf allerdings gelten, dass die durchgehende Sitzbank der S komfortabler ist, als der Soziuspolster der Nackten Z.

Die Präferenz der unterschiedlichen Armaturen ist Geschmackssache - mir persönlich gefällt das digitale Spielzeug der Nackten um einiges besser, als die analogen Anzeigen der S, wobei bei letzteren auch die Temperaturanzeige des Kühlwassers auf ein Warnlicht reduziert wurde. Den typischen Kawasakisound haben beide.

Der Gerätetausch

Nach einer erholsamen Nacht in Linz - das Blind-date entpuppte sich als "mindestens so toll wie Styroporessen" so der Instruktor - geht es Tags darauf im Schlepptau von Rudolf W. Richtung Mariazell. Gangart war ein äußerst moderates Tempo auf den Geraden unterbrochen von einem "wo ist er jetzt hin?" in den Kurven. Kurze Pause wenige Kilometer vor Mariazell. Aufmunternde Worte in sonorer Stimme: "Na, passt eh!"

Gerätetausch. Der Rudolf W. reißt sich geifernd die Zett unter den Nagel und schiebt mir seine gebrauchspurenbehaftete Neunerninja unter. Angst.

Während ich mich durch die erste Kurve kämpfe, völlig überfordert von der ad hoc anderen Sitzposition, dem Stummellenker und der Ansage, wir müssten in Mariazell zum Devotionalienkauf stehen bleiben, sehe ich vor mir ein Feuerwerk der Fußrasten der Z 750 S. Die von Herrn W. entdeckte Schwäche der Z, "Na, die setzt aber früh auf.", sollte mir an diesem Wochenende verborgen bleiben.

Ich will ja die Conclusio des Testberichtes nicht vorwegnehmen, aber in Mariazell gab ich die Ninja sofortigst ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück. Sonst hätte ich in der Kalten Kuchl mein Gesicht verloren, genauso wie der in Rennleder gekleidete Rudolf W. beim Marienbilder Aussuchen.

Der Kettenhund

Erneut mit der schwarzen Zett vereint, war die Welt für mich wieder in Ordnung. Wir zirkelten durch die Kurven die sich von Mariazell bis zum Schneeberg finden ließen. Der breite Lenker der Z 750 S erscheint wie ein Zauberstab für Schräglagen, nach dem Drücken und Ziehen an den Stummeln der Ninja.

Die 110 Pferde verteilen ihre Kraft bis 6.000 Touren ordentlich, danach wird es unordentlich heftig. Der Übergang von "geht super" zu "poah die reißt an" ist auch akustisch, durch kawasaki-typisches Rasseln, zu vernehmen - außerdem ist das der Bereich in dem ein doch deutliches Vibrieren zu spüren ist. So ist das nun einmal, wenn der Kettenhund an seiner Kette zerrt.

Der Ascher

Kurz vor Puchberg wird die Fahrt beinah eintönig. Langgezogene Kurven, ewig scheinende Gerade. Das alles bei einem Tempo, das jeden Exekutivbeamten die Laserpistole senken lässt um sich der Wurstsemmel zuzuwenden. Mir schießt ein Satz ein, den Kollege Fluch ab und an zum Vortrag bringt: "Wann hört es endlich auf zu dauern?"

Ich merke wie der Instruktor sich langsam absetzt und gebe auch etwas Gas. Bremslichtinferno vor mir, ich greife mit weit aufgerissen Augen in die Zangen - es hat aufgehört zu dauern! Umlegen, Umlegen, Leg um!

Nach der ersten unerwarteten Kehre des Ascher, wie er bei den Eingebornen heißt, fällt mir ein, dass ich nicht ganz aufs Atmen vergessen sollte.

Rekapitulation: selbst halbwegs panisches Anbremsen funktioniert mit zwei Fingern derartig problemlos, dass man nicht unerwartet hinter einem blockierenden Vorderrad aus der Kurve fliegt und durch leichtes Drücken am Lenkerende lässt sich die Z 750 S auch während des Bremsens mühelos umlegen. Gewonnen! Dennoch könnte die Bremsanlage der Z für meinen bescheidenen Geschmack noch schärfer sein.

Praxiseinheit Teil 2 wurde am Wechsel ausgetragen. Kehren, rutschiger Straßenbelag, zwei kreischende Kawasakis. Zusammenfassung der Nachbesprechung: weniger bremsen, mehr umlegen, das geht schon - eh klar! Im Grunde aber freundliche Nasenlöcher vom Instruktor. Mir taugt die Zett!

Und mir taugt die Halbschale der Z 750 S - denn: Nach dem Wechselbad von engen Kehren auf den Wechsel hinauf und Flugpistenähnlich ausgebauten Abschnitten danach, fing es zu regnen an. "Keine Sorge, der Regen ist bald vorbei!" So war es auch - nach wenigen Minuten begann es zu Schütten.

Um uns rechtzeitig für unseren Abendtermin in Graz trocken legen zu können, fuhren wir die letzten etwa 100 Kilometer auf der Autobahn. Instruktor Rudolf W. im O-Ton: "Schaut ja superlustig aus, wenn du dich in der Zett versteckst, und man statt dir nur mehr den Rucksack sieht." Der Rucksack war durch und durch nass - mein Halstuch gerade einmal Sprühnebelfeucht. Genial, wenn man im biederen Privatleben eine "Nackte" fährt.

Die Rutschpartie

Kaum im Süden angekommen hörte der Regen auf und setzte erst wieder ein, als wir am nächsten Tag mitten im Praxisteil 3 waren. Zeigte im Trockenen das mir angediehene Training schon deutlich Wirkung, rutschten wir am Wechsel, als wollte jemand genau wissen, wie gut unsere Versicherungen im Schadensfall agieren. Doch, während Rudolf mit einem ständig blockierenden Vorderrad haderte, und dem Umstand, dass seine Reifen zu kalt waren, um Grip aufzubauen, dankte ich Kawasaki für die Handlichkeit der Z 750.

So großzügig verzeiht normalerweise nicht einmal eine Mutter ihrem einzigen Sohn Fehler. Dass Instruktor Rudolf W. am Fuße des Berges schon ein halbe Zigarette geraucht hatte, bis ich ankam, lasse ich lieber unerwähnt.

Die Entscheidung

Ich persönlich würde mir ja sofort eine Z 750 kaufen - hätte ich nicht schon eine. Allerdings würde ich wieder zur nackten Version statt zur S greifen, wobei die Gründe dafür rein optische sind, denn komfortabler ist eindeutig die Z 750 S. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 10.8.2005)

Kawasaki Z 750 S

Preis: € 9.199,-

4-Zylinder- 4-Takt-Motor, wassergekühlt, Hubraum: 748 ccm, Leistung: 81 kW (110 PS), Max. Drehmoment: 75 Nm/8200 U/min., 6 Gänge, Antrieb: Kette, Federung: Teleskopgabel vo., Uni-Trak hi., Bremsen: Doppelscheibe vo., Einfach-Scheibe hi., Tankinhalt: 18 Liter, Trockengewicht: 199 kg. Top-Speed: 235 km/h.

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Kawasaki

  • Kein Bär auf der Brust: Die Z 750 S.
    foto: werk

    Kein Bär auf der Brust: Die Z 750 S.

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