Neue belastende Dokumente im Fall des NS-Arztes Heinrich Gross

Redaktion, 19. Dezember 2005 15:01

Verhörprotokolle aus Moskauer Archiven: Zahl der Tötungsdelikte könnte sich erhöhen - DÖW: "Einmalige Bestätigung" für Vorgänge am Spiegelgrund

Wien - Neue Dokumente im Fall Heinrich Gross sind aus russischen Archiven aufgetaucht: Die deutschen Journalisten Florian Beierl und Thomas Staehler sind im Zuge von Recherchen an bisher unbekannte Auszüge aus Verhörprotokollen mit dem Arzt Erwin Jekelius, einem der Hauptverantwortlichen für das NS-Euthanasieprogramms in Österreich, gekommen. Jekelius belastet dabei seinen Gehilfen, den "Spiegelgrund-Arzt" Heinrich Gross, schwer, berichteten die Journalisten bei einer Pressekonferenz am Montag. Die Unterlagen wurden heute der Wiener Staatsanwaltschaft übergeben.

Verhandlungsunfähig

Gegen den früheren NS-Arzt Heinrich Gross ist im Jahr 2000 wegen Ermordung von behinderten Kindern an der Wiener Euthanasieklinik "Am Spiegelgrund" ein Gerichtsverfahren eingeleitet worden. Nach nur 30 Minuten Verhandlungsdauer wurde die Verhandlung jedoch vertagt und bis dato nicht wieder aufgenommen. Mittels Gutachten wurde in den vergangenen Jahren mehrmals die Verhandlungsunfähigkeit Gross' festgestellt. Der Beklagte wird im November 90 Jahre alt und leidet an einer Hirndemenz.

Juristisch relevant?

Nun könnte wieder Bewegung in den Fall kommen: Jekelius gesteht in den Verhören ein, dass er tausende behinderte Menschen in die Gaskammern von Hartheim geschickt sowie die Ermordung von behinderten Kindern in seiner Fachabteilung "Am Spiegelgrund" angeordnet habe. Ausgeführt hätte diesen Auftrag Heinrich Gross. Sollten die Aussagen Jekelius juristisch relevant sein, dann würde sich die Zahl mutmaßlicher Tötungsdelikte ganz erheblich erhöhen. Der ehemalige NS-Mediziner Gross wurde bisher wegen Mitwirkung an der Tötung von neun behinderten Kindern im Sommer 1944 angeklagt.

Die beiden Journalisten haben jedoch nur einen Teil der gesamten Unterlagen, weitere Sachbeweise und Briefe von Jekelius sind noch in Moskau. Peter Schwarz vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) werde "alle Hebel in Bewegung setzen", um das weitere historische Material zu erhalten.

Neue Erkenntnisse möglich

Schwarz hob nach der ersten Sichtung der vorliegenden Dokumente ihre Bedeutung hervor. Bei "aller gebotenen Vorsicht" gegenüber Verhörprotokollen aus stalinistischen Archiven, trotz einzelner fehlerhafter Zeit- und Ortsangaben - Jekelius nannte beispielsweise die oberösterreichische Euthanasiestätte Hartheim "Niederngart" - , würden inhaltliche Angaben mit bisherigen Forschungsergebnissen übereinstimmen und neue Erkenntnisse liefern. Eine endgültige Aussage bzw. eine juristische Bewertung sei zum jetzigen Zeitpunkt freilich verfrüht, sagte Schwarz bei dem Pressegespräch in der "Gedenkstätte Steinhof."

"Einmalige Bestätigung" für die Vorgänge

Man habe jedenfalls durch die erstmals vorliegenden Aussagen von Jekelius eine "einmalige Bestätigung" für die Vorgänge am Spiegelgrund, ergänzte Herwig Czech vom DÖW. "Die Causa Jekelius zeigt nur zu deutlich, dass selbst 60 Jahre nach Kriegsende die Forschungs- und Aufklärungsarbeit keinesfalls als beendet angesehen werden kann", betonte der Journalist Beierl. Man hofft nun auf eine genaue Prüfung durch die Staatsanwaltschaft Wien.

Jekelius wurde nach Kriegsende von den Sowjets verhaftet und 1948 in Moskau zu 25 Jahre Haft verurteilt. 1952 starb er in russischer Gefangenschaft an Blasenkrebs.(APA)

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DÖW

Kommentar posten
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Emil Waldteufel
12.08.2005 14:39
Verhandlungsunfähigkeit

Entweder war der Gutachter, der die Hirndemenz diagnostiziert hat, nicht nur Berufs- sondern auch Leidensgenosse von Gross oder ein Parteigenosse oder BSA-Haberer. Hier waren doch an allen Ecken und Enden eindeutig alte Seilschaften am Werk, sonst hätte man in so einem heiklen Fall einen unbefangenen ausländischen Sachverständigen beiziehen müssen. Nach dem geplatzten Prozeß verklagte der "Verhandlungsunfähige" prompt jene Medien, die ihn als Mörder bezeichneten. Den Führerschein hat man Gross sicher auch nicht früher entzogen wie das Österreichische Hakenkreuz für Wissenschaft und Kunst...
Wann ist schon ein Kleinkrimineller verhandlungsunfähig, immer nur große Fische mit Verbindungen!

F G
10.08.2005 19:17
Die Österreicher

waren und sind halt Nazis, es braucht daher nicht zu verwundern, daß Typen wie Gross es so weit gebracht haben und nie ernsthaft belangt wurden.

FragenderMann
 
12.08.2005 09:07
Nein DIE Österreicher

waren zu kleinem Teil Nazis und zu eem größeren Teil Mitläufer und zum kleinem Teil Widerstandskämpfer. Der übrige Rest unpolitisch.

F G
14.08.2005 15:47

Die Österreicher waren und sind Nazis.
Deshalb: Wurde die Arisierung nur halbherzig oder gar nicht rückgängig gemacht.
Deshalb: Wurden Emigranten nie zur Rückkehr eingeladen.
Deshalb: Werden Randgruppen auch heute noch diskriminiert (Homosexuelle).
Deshalb: Geniessen Führungspersönlichkeiten (Pröll, Nissel, Haider) trotz katastrofaler Fehler hohes Ansehen.
Deshalb: Treiben sich Kampels und Gudeni im Bundesrat herum.
Deshalb: Wurde eine rechtspopulistische Führerpartei (FPÖ) schon mehrfach in die Regierung aufgenommen.
Deshalb, deshalb ....

leon ronis
 
12.08.2005 18:16
leider fallen die unpolitischen

weil uninformiert leicht auf rechte propaganda rein. siehe wahlerfolge der fpö bis 99.

Helmut Huber
 
12.08.2005 14:37
Realistisch betrachtet

war wohl ein größerer Teil Nazis als es Widerstandskämpfer waren.

Aber im Prinzip haben Sie recht und F G unrecht.

FragenderMann
 
14.08.2005 08:10
Wird leider stimmen so wie sie es geschrieben haben.

Gert Weihsmann
 
09.08.2005 19:38
Innerste Emigration

Herrschaftswohnung in Wien. Verdunkelt. Im Ohrensessel der frühere NS-Arzt Dr. Gross.

Zugehfrau: So, Hea Primar.
Dr. Gross: SanS endlich fertig fia heit? Ollas aufgramt? Wegputzt? Untam Teppich kheat?
Zugehfrau: Jawoi, Hea Primar.
Dr. Gross: Des Oitpapia in Kontäna gschmissn?
Zugehfrau: Gewiss, Hea Primar.
Dr. Gross: De gonzn Zeitungn ah?
Zugehfrau: Jo, bis auf de, woS drinnan stehn, Hea...
Dr. Gross: HÄÄÄÄ?
Zugehfrau: Do san zwa Artikel iba Sie...
Dr. Gross: KRAWUTZIKAPUTZI!
Zugehfrau: Wos is denn los, Hea Primar?
Dr. Gross: DE KINESA HOBN A PAPIARANES XICHT!
Zugehfrau: Gehts Ihna ned guat?
Dr. Gross (macht Manderln): HUNGA! AN KEKS!
Zugehfrau: Sie mochn ma Onxt!
Dr. Gross bellt.
Es fällt der Vorhang.
Des Schweigens.

Helmut Huber
 
11.08.2005 14:19
beklemmend echt!

:-))))

Schilcherfreund
09.08.2005 11:33
Zwar nur ein Nebenaspekt

aber trotzdem: hat man Gross zumindest schon seine akademischen Grade aberkannt?

Und zur Verhandlungsunfähigkeit: Kann ein Strafrechtler Auskunft geben, ob es Konstruktionen gibt, einen Prozess und ein Urteil trotzdem zu ermöglichen?

Fetz Pepi
09.08.2005 19:07

Das Aberkennen der akademischen Grade gibt es seit 1974 nicht mehr, der Beamte kann noch sein Amt und somit auch seine Pension verlieren wenn er zu einer Freiheitsstrafe bedingt oder unbedingt verurteilt wird, die 365 Tage überschreitet, und mit einem nicht Verhandlungsfähigen kann man nicht verhandeln, ich könnte mir aber vorstellen dass man dieses Problem durch Bestellung eines objektiven Gutachters aus der Welt schaffen könnte.
Meines Erachtens sollte die SPOE Entschädigungen leisten müssen!

Helmut Huber
 
11.08.2005 14:20
es wird sich halt viellecht eine moralische,

aber "wohlweislich" keine juridische Verantwortung der SPÖ herstellen lassen...

Sabine Berger
09.08.2005 10:02
wiederwärtig

das wirklich widerwärtige an diesem fall ist allerdings, dass menschen aufgrund von gutachten, die gross noch bis in die neunziger jahre erstellen durfte - hochbezahlt übrigens von der Republik österreich und ihren fascho-freunden - inhaftiert wurden bzw für unzurechnungsfähig erklärt wurden und sich die ehrenwerten Herren und Damen im grauen haus und in der staatsanwaltschaft auch heute noch nicht daran denken, die urteile, die aufgrund vomn gross'schen Gutachten verhängt wurden, rückgängig zu machen. Widerwärtig, vor allem auch die rolle der SPÖ, die den gross die ganzen jahrzehnte gedeckt hat.

die elster
 
09.08.2005 09:32
ich find es ja bemerkenswert und bei aller...

... grauslichen bigotterie fast schon putzig, wie sich ein größerer teil des ehrenwerten forums in antifaschistischer vergeltungsrhetorik wälzt - wobei manche offenbar bisher am mond gelebt haben.

dass der herr gross weder erst seit gestern bekannt noch ein bemerkenswerter einzelfall ist, wird dabei bewusst ausgeblendet; gilt es doch, sich in moralischer entrüstung zu üben und daneben die spö zu bashen, die ihn - zugegeben, grob fahrlässig - gedeckt hat.

dass gross zumindest (ohnehin viel zu spät) symbolisch verurteilt gehört, ist evident. dass sich aber ausgerechnet eine koalition, die ss-veteranen feiert und die ns-rechtsprechung bei homosexuellen für legitim hält, dazu moralisch berufen fühlt, ist ein böser treppenwitz der geschichte.

pipi pipifax
10.08.2005 17:17

???
wer blendet aus. ziemlich pauschal, ihre bemerkungen. es gibt genug leute, die hierin nur einen exemplarischen fall sehen - allerdings einen besonders widerwaertigen.

und was wollen sie mit ihrem publikums-bashing eigentlich genau bezwecken?

Helmut Huber
 
09.08.2005 10:12
das war nicht mehr grob fahrlässig, was die SP gemacht hat,

sondern ausgesprochen aggressiv und bösartig. FragenS einmal den Dr. Werner Vogt dazu!

die elster
 
09.08.2005 11:32
werter herr huber, sind´S mir nicht bös, aber...

... wenn alles nach 1945 so konsensual abgelaufen wäre wie das abwürgen der entnazifizierung, gäbe es in österreich nur mehr konzentrationsregierungen und einstimmige beschlussfassungen im parlament.

und auch wenn gross verurteilt gehört - das ausmaß der unterlassungssünden ALLER gründungsparteien der 2. republik macht das nicht wesentlich kleiner. und etliche postings geben grund zu der seltsamen vermutung, das hauptverbrechen des heinrich gross bestand darin, dem bsa und der spö beizutreten... oder schlägt man immer den sack, wenn man den esel meint?

Helmut Huber
 
11.08.2005 14:22
ich red da immerhin von die späteren 70er-Jahr,

nicht von der Hochzeit des Kalten Krieges, in dem vieles den Bach hinuntergegangen ist, das erledigt gehört hätte...

die elster
 
11.08.2005 17:10
aha. bis in die 70er war es damit offenbar...

... völlig legitim, ns-verbrecher zu rehabilitieren, erst danach nimmer... nach der begründung frag ich lieber nicht.

fakt: gross gehört verurteilt, wenn nötig in abwesenheit. die strafe hat ohnehin nur mehr symbolischen charakter. die SPÖ (bzw. der BSA) haben ihren fehler eingestanden... mehr schlecht als recht, aber immerhin. und weiter?

ich unterstelle, dass der gross jetzt zu einer ausnahmeerscheinung hochstilisiert wird, die er bei aller grauslichkeit seines falles nicht ist. muss er auch, um den opfermythos österreichs zu erhalten... und genau DAS ist für mich die unfassbare heuchelei: wie immer wieder darauf verwiesen wird, dass es ja nicht alle waren, nur 100.000e einzelfälle.

und bloß kein bezug zur gegenwart... und aus.

Helmut Huber
 
12.08.2005 14:47
???? wo hab ich von "legitim" geschrieben? Ob es unsere StPO hergibt, jemanden in einem Mordprozeß in absentia anklagen und dann noch verurteilen zu können, weiß ich nicht.

Ich halte es aber nach den an sich geltenden Grundprizipien für schwer vorstellbar.
"In dementia" geht jedenfalls nicht.
Und wenn man in Betracht zieht, daß in der Altersgruppe über 85 Jahre 48 % Prävalenz von Alzheimer herrscht (und sich andere funktionelle und degenerative Beeinträchtigungen des Gehirnes ebenfalls häufen), dann besteht halt eine mindestens 1 : 1, eher noch 2 : 1 Chance, daß einer aus dieser Altergsgruppe nicht mehr wirklich einer Verhandlung folgen kann, auch wenn er sonst noch recht gross herumplauscht (Merke: Kurzzeitgedächtnis stirbt zuerst, ist für Prozeßteilnahme aber wichtig!).
Insofern hält sich mein Verdacht, daß er zuletzt vom Gutachter kollegialerweise vor einem Prozess geschützt wurde, in Grenzen.

Erzsébet Lucas
12.08.2005 10:27
Ich verstehe noch immer nicht ganz...

...worauf Sie eigentlich hinaus wollen?
'Opfermythos Ö.' - gerade der Fall Gross zeugt doch eher vom Gegenteil: Mitwisserschaft, Protektion - Zivilcourage wird bestraft.
Bezug zur Gegenwart ist auch da, nämlich dass Zivilcourage etwas ist in Ö. das von der maßgeblichen Politik (und das mein ich jetzt mal ganz OHNE parteipolit. Hintergedanken) - trotz gegensätzlicher Beteuerungen - mit Füßen getreten wird.

FragenderMann
 
14.08.2005 08:12
Opfermythos Ö...

sie verwechseln da 2 Ebenen.

1. Die österreichischen Verbrecher. Österreicher die als Individuen Nazis waren/sind und Verbrechen begangen haben.
2. Der Staat Österreich als gesetzliches Gebilde. Der war tatsächlich Opfer von Nazideutschland.

die elster
 
15.08.2005 00:17
sehen´S, genau in Ihrer unterscheidung liegt...

... der mythos. der unterschied zwischen deutschen und österreichischen faschisten bestand ja nicht in den weltanschaulichen gegensätzen, sondern in der tradition - militärisch in deutschland, klerikal in österreich. viel "umerzogen" musste da nimmer werden.

zum zweiten wurde die 1. republik "von amts wegen" angeschlossen - der letzte ÖSTERREICHISCHE bundeskanzler hieß arthur seyß-inquart. der personelle bezug zu den christlichsozialen ist evident - menghin, glaise-horstenau. und die besondere "tüchtigkeit" der österreichischen ariseure ist bis heute unbestritten.

dass ein staat, dem bereits seine gründer knapp 20 jahre zuvor die lebensfähigkeit abgesprochen hatten, zu exisitieren aufhörte - das ist wahr. das ist aber auch schon alles...

le barb
09.08.2005 11:26
nicht nur die spö...

immerhin hat die spö die eigene sehr dunkle vergangenheit mittlerweile wissenschaftlich aufgearbeitet. die övp, die nach dem krieg noch mehr nazis beherbergt hat als die spö, lehnt eine solche aufarbeitung bis heute ab. auch das sollte man nicht ausblenden.

Helmut Huber
 
11.08.2005 14:25
die övp, die nach dem krieg noch mehr nazis beherbergt hat als die spö

Zahlen, Daten, Fakten???

NB: die SPÖ hat durch die Nazizeit einengrößeren Teil ihrer Gebildeten verloren und diesen wichtigen Sektor des Parteilebens nach dem Krieg nicht durch Heimholung der überlebenden Vertriebenen, sondern durch heimatlose Nazis azfgefüllt. Die Schwarzen hatten bei weitem nicht solch eine Akademikereinbuße, und das wahrscheinlich bei einem schon vor 38 höheren Ausgangsanteil.

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