Einserfrage: Bush - Präsident und Pastor?

4. September 2005, 19:51
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Es antwortet: Michael Schmidt-Salomon, Religionskritiker, Philosoph, evolutionärer Humanist und Schriftsteller

derStandard.at: Bush hat jetzt nun mit dem Vorschlag aufhören lassen, die Lehre vom "Intelligenten Design" auf die Lehrpläne zu setzen. Ein Versuch, religiöse Wertvorstellungen oktroyieren? Wird der Präsident langsam zum nationalen Pastor?

Schmidt-Salomon: Bush versucht ja seit Jahren die Wissenschaft zurückzudrängen und das religiöse, ideologische Denken zu featuren, das gehört zu seinem Programm. Der Widerspruch zwischen religiöser und wissenschaftlicher Auffassung ist mittlerweile auch mehr als deutlich geworden.

derStandard.at: Welche Rolle spielt Schönborn innerhalb der aktuellen Diskussion um Evolutionstheorie versus religiösem Erklärungsversuch?

Schmidt-Salomon: Es ist kein Zufall, dass Schönborn gerade jetzt in diese Kerbe schlägt. Ich denke, dass der Vatikan nun verstärkt versucht, eine Front mit den amerikanischen evangelikalen Kräften zu bilden und darin auch eine Chance sieht.

derStandard.at: Stellt Schönborn in der Debatte den offiziellen Vatikan-Sprecher?

Schmidt-Salomon: Defintiv.

derStandard.at: "Intelligentes Design" soll nach der Idee Bushs gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie gelehrt werden. Mit welchen Argumenten wird diese religiöse Theorie mit der wissenschaftlichen Theorien gleichgesetzt?

Schmidt-Salomon: Zum Beispiel werden scheinbar neue Erkenntnisse der Kosmologie wie das sogenannte "Anthropische Prinzip" zur Argumentation herangezogen. Das Universum, wie es jetzt beschaffen ist, stellt einen ungeheuren Zufall dar. Wären nur einige Grundparameter anders, wäre niemals intelligentes Leben entstanden. Auf diesem wissenschaftlichen Prinzip bauen die Vertreter des "Intelligenten Designs" den Fehlschluss auf, dass hinter soviel Zufall einfach eine höhere Macht stehen muss.

derStandard.at: Die USA sind die technisch und wissenschaftlich führenden Supermacht. Warum geht diese Debatte trotzdem von den USA aus?

Schmidt-Salomon: Wir haben weltweit das Problem der "halbierten Aufklärung". Auf der einen Seite bewegen wir uns technologisch und wissenschaftlich im 21. Jahrhundert, auf der anderen Seite sind wir weltanschaulich in sehr starkem Maße von archaischen Mythen geprägt. Und diese Diskrepanz zwischen dem technischen Vermögen und der weltanschaulichen Naivität ist ein großes Problem. Wir verhalten uns quasi wie Fünfjährige, denen die Verantwortung für einen Jumbojet übertragen wird. Bedient man einen Videorekorder, benutzt man ganz selbstverständlich rationale Prinzipien. Auf dem Gebiet der Weltanschauung, unserer Menschen- und Weltbilder soll dieses rationale Denken aus ideologischen Gründen aber nicht angewandt werden. Menschen neigen dazu, sich dann autoritäre Denkmuster zur Orientierung auszusuchen, wie sie die Evangelikalen in den USA eben anbieten.

derStandard.at: Nimmt die Macht der Kirche und der Religion in den USA nun endgültig überhand? Welche politisch relevanten Gegenpositionen gibt es?

Schmidt-Salomon: Es gibt Gegenbewegungen, denen sich viele Menschen anschließen. Im Moment sind es vor allem die Wissenschaftler, die die stärksten ideologiekritischen Impulse geben. Sie gehen auf die Straße, um darauf hinzuweisen, dass sie zwar wesentlich zum ökonomischen und sozialen Erfolg der Gesellschaft beitragen, ihr rationales Weltbild jedoch geächtet ist. Die Frage aber ist, ob diese Gegenbewegung stark genug ist. Der Graben zwischen Wissen und Glauben verstärkt sich zusehends und es gibt in den USA keine politische Opposition, die diese Gegenbewegung vertritt. Deswegen schreien auch viele amerikanische Intellektuelle nach Hilfe aus Europa, wo die christlichen Werte im Vergleich von einer Minderheit getragen werden.

derStandard.at: Könnten Ideen wie die Lehre vom "Intelligenten Design" auf Europa überschwappen?

Schmidt-Salomon: Wir haben auch in Deutschland und Österreich zunehmend evangelikale Gruppen, die diese Lehre propagieren wollen. "Intelligent Design" ist ja ein Versuch, das einst Geglaubte mit der Wissenschaft zu vereinen. Das passiert aber auf eine völlig ideologische Art und Weise. Deshalb sind alle rational denkenden Menschen aufgerufen, dem entschieden entgegenzutreten.

Michael Schmidt-Salomon ist Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus, Schriftsteller und Musiker.
Aufmerksamkeit erregte unter anderem die Diskussion mit dem führenden amerikanischen Kreationisten Dr. William Lane Craig.

Das Gespräch führte Manuela Honsig-Erlenburg

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    foto: www.schmidt-salomon.de
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