Eignet sich Irans Atomprogramm zum Bau von Atomwaffen?

7. Dezember 2005, 11:07
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Erwin Mayer, Atomexperte der Organisation Greenpeace, traut dem Iran den Bau einer Atombombe jederzeit zu

derStandard.at: Der Iran beschwört in der Diskussion um sein Atomprogramm, dass das angereichertes Uran zur Energiegewinnung genutzt wird und nicht, um Atomwaffen damit zu bauen. Kann angereichertes Uran auch zu militärischen Zwecken verwendet werden?

Mayer: Jede Anreicherungsanlage kann man so verwenden, dass sie sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke eingesetzt werden kann. Wenn man den Reinheitsgehalt von spaltbarem Material von 20 Prozent, die für zivile Nutzung benötigt werden, auf 80 Prozent erhöht, kann man dieses Material für Atombomben verwenden. Das kann in derselben Anlage und mit demselben Wissen abgewickelt werden.

derStandard.at: Die Iraner wollen in Isfahan nach eigenen Angaben den so genannten Yellowcake aus gelbem Uranoxid zu gasförmigem Urantetra- oder Uranhexafluorid umwandeln. Welche weiteren Schritte wären bis zur Atombombe notwendig? Was ist eigentlich ein Yellowcake?

Mayer: Dieser "Cake" ist genau das, was man in den Kernkraftwerken braucht, das ist im Normalfall schwach angereichertes Uran. Damit kann man keine Atombomben bauen. Aber in derselben Anlage kann man Uran, wie gesagt, immer höher anreichern.

derStandard.at: Die US-Geheimdienste schätzen einem Zeitungsbericht zufolge, dass der Iran noch etwa zehn Jahre brauchen wird, bis er eine Atombombe bauen kann. Schätzen Sie diesem Zeithorizont als realistisch ein?

Mayer: Das ist natürlich schwer zu beurteilen. Der Bau von Atomwaffen verlangt ein gewisses Maß an vorhandenem Geld. Nachdem allerdings auch Staaten mit geringeren finanziellen Möglichkeiten (wie Argentinien oder Pakistan) den Bau einer Atombombe managen konnten, trau ich das dem Iran auch jederzeit zu. Ich will aber nicht gescheiter sein, als der US-Geheimdienst.

derStandard.at: Kann die IAEO Ihrer Meinung nach längerfristig das Atomprogramm Irans allumfassend kontrollieren?

Mayer: Während man vor Ort ist, kann man natürlich kontrollieren, ob zu 20 Prozent oder 80 Prozent angereichert wird, aber eben nur dann. Außerdem hat sich historisch erwiesen, dass ein Großteil der Länder, die die Fähigkeit hat, Kernenergie zivil zu nutzen und selbst über Anreicherungsanlagen verfügt, auch militärische Programme gestartet haben. Der Grundansatz des "Non Proliferation Treaty" (Anm.: Wichtigste Säule der internationalen Atomabrüstungsbemühungen) hat sich damit als völlig unbrauchbar erwiesen. Was da drinnen steht ist, dass zwar die zivile Nutzung verbreitet werden soll, Atomwaffen jedoch den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges exklusiv vorbehalten bleiben, das kann nicht funktionieren. (mhe)

Erwin Mayer arbeitet für die Umweltschutz­organisation Greenpeace als Energieexperte.

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    "Die politische Entscheidung ist gefallen. Wir haben der IAEO (Internationale Atomenergie-Organisation) das Schreiben übermittelt. Die Wiederaufnahme ist unumkehrbar", sagte ein Sprecher des Obersten Nationalen Sicherheitsrats am Dienstag.

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