Kommentar der anderen: Quod erat demonstrandum

30. Dezember 2005, 19:21
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Leupold-Löwenthal vs. Scholz-Strasser, zum zweiten - von Harald Leupold-Löwenthal

Quis tacet consentire videtur (Wer schweigt, scheint zuzustimmen - nicht nur Historiker, Kulturwissenschafter und AHS-Lehrer sind der klassischen Sprachen mächtig!). Bei so viel postmodernem Unverstand ist eben philosophisches Schweigen nicht angebracht.

Die Vorsitzende der Sigmund-Freud-Privatstiftung hat in ihrer Replik gemeint, dass ihr ein Urteil über die psychoanalytische Methode zustünde, die sie als anerkannte Psychotherapieform offenbar für kontrovers und obsolet hält.

Indem sie Sigmund Freud aus den Kernanteilen seines Werks herauslöst, ihn ins kulturelle Eck stellt, meint sie eine Entkoppelung von der offiziellen nationalen wie internationalen Psychoanalyse erreichen zu können, die es ihr ermöglicht, Freud zu einer jener Plastikfiguren machen zu können, wie sie jetzt im Museumsshop in der Berggasse verkauft werden. Dazu bedarf es, schreibt Scholz-Strasser einer "profunden wissenschaftlichen Vernetzung" und kompetenter Mitarbeiter. Und "dass diese nicht notwendigerweise Psychoanalytiker, sondern Historiker und Kulturwissenschafter sind, ist von Vorteil":

Solchermaßen der "Geiselhaft" der Analytiker entkommen, könne die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse von Forschungsprojekten sowie der sie betreuenden Institutionen garantiert werden.

Quod erat demonstrandum (Pardon, schon wieder Latein). Kann man sich beispielsweise vorstellen, dass eine Einstein-Stiftung Objektivität dadurch gewänne, dass sie Theoretische Physiker ablehnt?

1917 hat Sigmund Freud in seiner Arbeit "Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" an den Schluss gesetzt:

"Die Psychoanalyse hat nur das eine voraus, dass sie die beiden dem Narzissmus so peinlichen Sätze von der psychischen Bedeutung der Sexualität und von der Unbewusstheit des Seelenlebens nicht abstrakt behauptet, sondern an einem Material erweist, welches jeden Einzelnen persönlich angeht und seine Stellungnahme zu diesen Problemen erzwingt. Aber gerade darum lenkt sie die Abneigung und die Widerstände auf sich ..."

Davor ist auch die Vorsitzende der Sigmund-Freud-Privatstiftung nicht gefeit! Deshalb Sigmund Freud als Kulturphänomen und die "Wirkmächtigkeit der Psychoanalyse im soziokulturellen Kontext des 21. Jahrhunderts" - aber nicht im individuellen Bereich! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 8. 2005)

Von Harald Leupold-Löwenthal, "um die reine Lehre besorgter Grandseigneur der Psychoanalyse"
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