Kopf des Tages: Pierre Boulez

31. Juli 2005, 20:01
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Charmeur der Präzision : Der französische Dirigent sorgt in Bayreuth für magische Wagner-Momente

Als Christoph Schlingensief freundlich winkend vor den Bayreuther Vorhang trat, begann eine kleine Saalschlacht zwischen Buhs und Bravos zu toben - und selbst Ehepaare konnte man plötzlich nicht unheftig über die Funktion von Opernregie streiten hören. Mit einem Mal aber erhob sich die ganze Bayreuther Gemeinde und verwandelte sich in eine friedvoll-dankbare Standing-Ovations-Skulptur. Pierre Boulez war erschienen.

Zu vermuten ist, dass der komponierende und dirigierende Universalgelehrte auch bei der schwierigen Genese der Bayreuther Parsifal-Produktion dieses Autoritätskapital in die Waagschale geworfen hat, um das auf der Kippe stehende Projekt zu retten. Mag sein, dass er als mitunter heftig formulierender Kämpfer für die Musikmoderne nachfühlen konnte, wie sich der bedrängte Regisseur im Korsett der Bayreuther Vorschriften gefühlt haben mochte, und ihn deshalb schützte.

Gleichzeitig hat er als erfahrener Praktiker des Musiktheaters sicher auch dem Bayreuth-Neuling das eine oder andere mahnende Wort zukommen lassen. Sicher im ruhigen, charmanten Tonfall, sicher aber auch unerbittlich, präzise und überzeugend. So wie er dirigiert. Boulez, 1925 in Montbrison/Loire geborener Sohn eines Stahlfabrikanten, ist Sentimentalität ein Gräuel. Seine Stilistik legt die Struktur von Partituren offen, versagt sich effektvolle Gefühlsausbrüche und vermittelt musikalische Sinnlichkeit lieber durch Klang.

Das Sympathische am mittlerweile 80-Jährigen: In einem Alter, da sich andere auf die Verwaltung des Erreichten konzentrieren und der nachkommenden Generation womöglich mit jenem Unverständnis begegnen, dem sie einst selbst ausgesetzt waren, konfrontiert sich der rastlose, nach wie vor an seinen Werken feilende Boulez mit Neuem und protegiert Jüngere.

Der etablierte Musiker Boulez hat sich vom Betrieb nicht domestizieren lassen. Die Macht, die ihm zukommt, hat er als "Tarnkappe" eingesetzt, um Werte der Avantgarde in Form von Haltung dort zu platzieren, wo man sie nur ungern duldet - im historisierenden Musikalltag. Dass der Preis, nicht ausschließlich komponiert zu haben, zu hoch war, das findet Boulez nicht:

"Ich habe zwar sehr viel für zeitgenössische Musik gemacht, was Organisation und das Gründen von Institutionen anbelangt, aber muss ich das bedauern? Ich glaube nicht! Nicht sehr jedenfalls. Der Komponist Boulez hat sehr viel davon profitiert. Ich habe über Wahrnehmung nachdenken können, über die Beziehung zwischen dem, was man schreibt, und dem, was man hört."

Im Werkkatalog des großen Operndirigenten fehlt jedoch eine eigene Oper. Tragisch. Beide Librettisten (Heiner Müller und Jean Genet) starben während der Arbeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.8.2005)

Von Ljubisa Tosic
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    Pierre Boulez

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