Entwaffnung ist nur der Anfang

17. Dezember 2005, 22:15
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Das UN-Befriedungsprogramm für Kriegsgebiete scheitert meist an Geldmangel

Wien - Ein abgeschlagener Kopf steckt auf einem Speer, ein Milizionär hält einen zweiten in den Händen, der Kommandeur posiert breitbeinig vor seinem marodierenden Haufen. In Ituri, einer Kriegsprovinz im Osten der Demokratischen Republik Kongo, geht wieder ein Tag zu Ende. Djoda Fidele, ein Leiter der UNO-Friedensmission in Ituri (Monuc), nahm das Foto auf. "Das sind die Leute, mit denen wir verhandeln müssen und die Geld bekommen für ihre Entwaffnung", sagt er.

Seit einem halben Jahr sammeln UN-Mitarbeiter im Osten Kongos Waffen ein und stecken angebliche Kämpfer von nicht weniger als fünf Rebellengruppen in Zivilkleidung. Mehr als 16.000 Bewaffnete sind so bis Juli durch die Lager der Monuc geschleust worden, ein Viertel waren Kindersoldaten, 200 kämpfende Frauen verzeichnet dazu noch die UN-Statistik. 800 der Erwachsenen entschieden sich zum Eintritt in die reguläre Armee, die anderen erhielten nach fünf Tagen im Lager einen Ausweis, Lebensmittel für einen Monat, Feuerholz und 50 Dollar für die Reise zurück zu ihren Familien und ins zivile Leben.

Gemessen an den Vorgaben vom UN-Sitz in New York läuft alles nach Plan in Ituri. Die Entwaffnung der Rebellen im Osten Kongos ist Teil eines landesweiten Friedensprogramms, das unter dem englischsprachigen Kürzel DDR - Entwaffnung, Demobilisierung, Wiedereingliederung - seit einigen Jahren von den Vereinten Nationen weltweit in Konfliktgebieten erprobt wird. Das Problem: DDR funktioniert oft nur auf dem Papier.

Wenig durchdacht, stets unter Zeitdruck entworfen und unzureichend finanziert, lassen sich mit den sehr umfangreichen Friedensprogrammen nur wenige Jahre Atempause in Bürgerkriegen erkaufen; ein dauerhafter Friede bleibt unerreichbar. "Wir haben mehr Probleme geschaffen, als wir gelöst haben", meint der Brite Mark Knight über seine Zeit als DDR-Offizier der UNO in dem westafrikanischen Staat Sierra Leone. Knight wie der Kameruner Fidele stellten ihre Erfahrungen jüngst bei einem Pilotseminar zu DDR im Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung in Stadtschlaining im Burgenland vor.

Warten im Dschungel

Auch in der Bürgerkriegsprovinz Ituri, einem Gebiet fast so groß wie Österreich an der Grenze zu Ruanda, ist es mit der Befriedung in Wirklichkeit nicht zu weit her: Nach dem Eindruck der Monuc-Mitarbeiter ist im Grunde nur die örtliche Bevölkerung in den Lagern vorstellig geworden, gab Waffen ab und hat die 50 Dollar kassiert. Mit Ausnahme der Rebellenfraktion FAPC (Bewaffnete Kräfte des kongolesischen Volks), die unter Androhung von Gewalt ihre Waffen abgab, zog sich der harte Kern der Rebellengruppen in den Dschungel zurück und wartet auf den Moment, um gegen die Zentralregierung losschlagen zu können. Weil sich die Gesamtzahl dieser Kämpfer nur schätzen lässt, steht die Finanzierung des Ituri-Programms (709 Millionen Dollar für die vergangenen zwölf Monate), aber auch seine Wirksamkeit auf wackligen Füssen, wie Martha Cordoba betont, eine politische Offizierin der Monuc-Mission, die mit den Rebellenführern verhandelte und nun in Haiti mit dem gleichen Problem konfrontiert ist: "Wir können dort nicht einmal die Kämpfer von den Zivilisten unterscheiden."

In der Theorie soll DDR Kriegsparteien abrüsten, Waffen zerstören, Exkämpfer und Zivilbevölkerung versöhnen, Kriegsgeschädigte behandeln, die Wirtschaft aufbauen, eine Übergangsregierung stabilisieren. Die Weltbank und einige Staaten zahlen derzeit DDR-Missionen von Afghanistan bis Westafrika. 1000 Dollar kostet im Durchschnitt die Demobilisierung eines Kämpfers, zwischen 50 Dollar (Kongo) und 600 Dollar (Côte d'Ivoire) zahlt die UNO direkt oder mittelbar für die Waffenabgabe; in Westafrika führt das zu einem "Tourismus" der Milizionäre.

Meist geht den DDR-Planern nach der Entwaffnungs-und Demobilisierungsphase das Geld aus. So laufen in Liberia derzeit an die 42.000 Exrebellen ohne Beschäftigung durchs Land; für Arbeitsprogramme hat die UNO keine Mittel mehr. "60 Prozent sind schon ein Erfolg", meint Kees Steenken zu den Chancen eines Friedensprogramms. Der langjährige Soldat und UN-Peacekeeper schreibt derzeit mit am offiziellen DDR-Handbuch der Vereinten Nationen. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2005)

  • Ein Angehöriger der kongolesischen Lendu-Miliz gibt bei einem UN-Entwaffnungsposten in Bunia sein Gewehr ab. Geschätzte 15.000 Milizionäre haben sich noch nicht gestellt.
    foto: epa/gare

    Ein Angehöriger der kongolesischen Lendu-Miliz gibt bei einem UN-Entwaffnungsposten in Bunia sein Gewehr ab. Geschätzte 15.000 Milizionäre haben sich noch nicht gestellt.

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