Hiroshima - Leben mit der Bombe

31. Juli 2005, 19:01
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Vor 60 Jahren zündeten die Amerikaner Atombomben über Hiroshima und Nagasaki

Es scheint, als hätte hier gerade jemand aufgeräumt. In Hiroshima rastern breite Straßen das auf einem Flussdelta erbaute Stadtzentrum. Sie sind sauber gekehrt und bis hinauf auf die Hügel von wohl tausenden Bäumen gesäumt.

Kaum jemand würde vermuten, dass über dieser Stadt am 6. August vor 60 Jahren "Little Boy" gezündet wurde - die erste Atombombe, die jemals in einem Krieg eingesetzt worden war. Drei Tage später zündeten die Amerikaner eine zweite über Nagasaki. Japan wurde damit am Ende des Zweiten Weltkriegs zur Kapitulation gezwungen.

Minoru Hataguchi, Direktor des Friedens- und Gedenkmuseums in Hiroshima, führt Besucher mit knappen Worten durch das Haus. Er zeigt die Holzmodelle von Hiroshima "vor" und "nach der Bombe", er repetiert Fakten und Zahlen über Tote, Brandopfer und ihre Schmerzen.

In einem der Schaukästen hängt das Bild von Sunao Tsuboi - just in dem Augenblick fotografiert, als ihm in der 3000 Grad heißen Luft geschmolzene Haut von den Armen und Beinen troff, als seine Ohrmuscheln verschmorten. Der damals Zwanzigjährige war gerade auf dem Weg zur Universität und weniger als einen Kilometer vom Hypozentrum der Bombe entfernt gewesen. 40 Tage lag er bewusstlos in einem Krankenlager.

Vom Arzt aufgegeben

"Ich wusste damals nicht, dass Japan kapituliert hatte." Siebenmal sei der Arzt da gewesen und habe seiner Mutter gesagt, dass ihr Sohn jetzt sterben werde. Ein Jahr später konnte er erstmals wieder gehen. Tsuboi hat es geistig notiert, es war am 10. August 1946. Jetzt ist er 80 Jahre alt und Vizepräsident des Verbands der Atombombenopfer. Er begrüßt Gäste mit strahlendem Lächeln, scherzt mit ihnen. Sie kommen sich fast schäbig vor, wenn sie fragen: "Wie war das denn damals?"

Das damalige Leid ist dauerhaft präsent in Hiroshima. Rund 20.000 tragen es noch heute im Gesicht, verstecken Narben unter Handschuhen. Weithin sichtbar ragt das Skelett der ehemaligen Industriehalle in die Höhe; jenes Mahnmal, das zum Symbol für die Zerstörung der Stadt wurde. Jeder Baum, der (noch immer am Stamm schwarz gefärbt) die vernichtende Energie von "Little Boy" überdauert hat, trägt ein Schild: "A-Bomb" steht darauf auf Japanisch und Englisch zu lesen.

Hoffnung im Gedenken

"So lange Menschen zum Gedenken nach Hiroshima kommen, hoffen wir, dass so etwas nicht mehr passiert." Ungezählte Male hat Direktor Hataguchi im Museum das schon gesagt. Nach einer Weile, wenn er glaubt, wirklich Interessierte vor sich zu haben, verschwindet er kurz.

Zurück kommt er mit einem flachen Etui. "Ich bin auch ein Opfer", sagt er, und öffnet das Etui. Darin liegt die Taschenuhr seines Vaters. Das Ziffernblatt ist geschmolzen, die Zeiger sind eingebrannt. Hataguchis Mutter fand die Uhr am Bahnhof, dem Sterbeort seines Vaters. Der Bub war damals drei Jahre alt.

An Hiroshima ohne Zusammenhang mit der Bombe zu denken mag kaum gelingen. Es scheint zynisch, aber Hiroshimas Tourismus floriert ihretwegen. Touristen wollen dort staunen, wo "sie" heruntergefallen ist, unweit jener Brücke im Zentrum, die damals von Major Thomas Wilson Ferebee an Bord des Bombers "Enola Gay" als Ziel angesteuert worden war.

Eine Uhr, die heute im Friedensmuseum ausgestellt ist, hat den Zeitpunkt der Explosion festgehalten. Sie war um 8.15 Uhr stehen geblieben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 8. 2005)

Von Andrea Waldbrunner aus Hiroshima

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Hiroshima Peace Site
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Modell der zerstörten Stadt im Hiroshima Peace Memorial Museum: Darüber kennzeichnet ein roter Ball das Epizentrum der Explosion

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