Pfiffe aus dem letzten Flötenloch

31. Juli 2005, 19:24
27 Postings

Lähmende szenische Langweile und wütende Publikumsproteste bei der Neuproduktion von Mozarts "Zauberflöte"

Auf die lähmende szenische Langweile der Salzburger Neuproduktion von Mozarts "Zauberflöte" reagierte das Publikum mit wütenden Protesten. Mit Riccardo Muti am Pult geriet die musikalische Wiedergabe korrekt, aber nicht so glanzvoll wie erwartet.


Salzburg - Keinem der vier Hauptsponsoren der Salzburger Festspiele wäre es zu verdenken, wäre er nach dieser Zauberflöten-Premiere vom vergangenen Samstag in deren Direktion vorstellig geworden und hätte höflich ersucht, auf den Eintrittskarten zu den Folgevorstellungen den Namen seiner Firma freundlicherweise unerwähnt zu lassen.

Könnte es doch unter den künftigen Festspielbesuchern, die dieser geradezu aggressiv langweiligen Produktion zum Opfer fallen werden, nicht wenige geben, die von Mozart und der Zauberflöte mehr Ahnung haben als das szenische Team dieser Premiere und dann aus Protest die Produkte der sponsernden Firmen boykottieren anstatt zu kaufen. Armer Uniqa-Chef, der sich im Format schon so sehr auf eine "künstlerisch interessante Zauberflöte freute.

Tief empfundenes Beileid ist auch der Festspielleitung auszusprechen, die 2006, im so genannten Mozartjahr, eines der populärsten Werke des zu feiernden Toten in einer Wiedergabe anbieten muss, deren inszenatorische Depression nach und nach leider auch auf die Musik übergreift. Trotz Riccardo Muti am Pult. Erstaunlich, ja unverständlich, dass er nicht - wie seinerzeit, als ihm eine Titus-Inszenierung des Ehepaars Herrmann nicht gefiel - schon während der Proben die musikalische Leitung zurücklegte. Alter macht offenbar gütig.

Während der Ouvertüre konnte man noch guten Mutes sein. Wie zu erwarten, verbreiteten die Wiener Philharmoniker authentisches Mozartflair, dem Muti als meisterlicher Stimmungsmacher durch feinste rhythmische Abtönungen auch noch in kunstvollster Verklärung den nostalgischen Hauch von Leierkasten und Pawlatschen beimischte.

Auch die gehörig ungehörige Weise, auf die Regisseur Graham Vick und Ausstatter Paul Brown das Spiel dann eröffneten, wirkte fürs Erste gar nicht so unsympathisch. Tamino (Michael Schade) knozt in seiner Studentenbude zwischen Monitor und sonstigen Insignien gegenwärtiger Meublage auf seinem Couchbett und hat mit der Schlange, die sich ihm zugesellt, bekanntlich keine Freude.

Hoffmannesker Start

Dann sind aber schon die drei Damen zur Stelle. Doch der Ort, an dem, und die Weise, auf die sie sichtbar werden, sind nicht unoriginell. Sie treten aus Ritzen der Zimmertapete, deren Muster auch ihre Kleider haben. Das gibt ihrem Auftritt hoffmannesken Charakter, nach dessen tieferer Bedeutung man nicht fragt. Hauptsache, sie singen wirklich schön (Edith Haller, Karine Deshayes, Ekaterina Gubanova). Auch Tamino liefert seine Bildnisarie vor einem Pamina-Poster mit oratorischer Schönheit ab.

Da ist das Assoziationsvermögen der Augen- und Ohrenzeugen dieser Produktion beim Auftritt der Königin der Nacht schon mehr gefordert. Sie räkelt sich unvermittelt unter der Decke auf Taminos Bett, als wollte sie aus Sorge um ihre Tochter zunächst einmal die virilen Qualitäten ihres potenziellen Eidams testen. Allerdings steht die prickelnde Verfänglichkeit dieser Szene (Anna-Kristiina Kaappola ist nicht unattraktiv) im krassen Gegensatz zur tönenden Realität.

Schon einmal, weil Mozart in der Zauberflöte mit erotischen Klangzeichen sehr sparsam umgeht, aber auch, weil die darauf folgende Arie wohl makellos, gespickt mit allen Hochtönen, aber letztlich mit beinah maschineller Unpersönlichkeit erklang. Suchte man nach menschlicher Wärme, hielt man sich am besten an René Pape, der als Sarastro im ersten Akt in einem Sonnenblumenfeld mit einem Gewehr hantieren muss, oder an Markus Werbas Papageno, der, ähnlich wie Burkhard Ulrich als Monostatos, offenbar Narrenfreiheit genießt und sich ungerührt durch den Abend albern darf.

Die wahren Abgründe der Langatmigkeit dieser Produktion tun sich erst im zweiten Akt auf. Die durchwegs imbezile Besatzung des Tempels der Eingeweihten und das abgewohnt öde Inventar wirken, als hätte man in Lainz eine Abteilung für altersdemente Freimaurer etabliert. Alle hinken, schleppen sich auf Stöcken.

Was Wunder, wenn Pamina (Genia Kühmeier) nicht zur Hochform auflief, die man erhoffte, und Franz Grundheber als Sprecher im allgemeinen Wirrwarr kaum zur Geltung kam. Das einzig Stabile in diesem Getaumel war offenbar ein Tisch, auf dem sich Papageno und Papagena (Martina Janková), wenn auch nur kurz, ihres unbequemen Liebeslebens freuten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.8.2005)

Von Peter Vujica
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Michael Schade als Tamino in Graham Vicks enttäuschender Festspiel-Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" - mit der wohl auch ein potenzieller Höhepunkt des kommenden Mozartjahres kläglich verspielt worden ist.

Share if you care.