Schlechtfühlen im Wohlstand

30. Juli 2005, 12:00
posten

Ian McEwan entdeckt den Terror der Ereignislosigkeit: "Saturday"

Vielleicht verhält es sich tatsächlich so: Die bürgerliche Langeweile eines abgesicherten und durch nichts und niemanden bedrohten, im besten Sinne also ereignisarmen Lebens ist im (literarischen) Kunstbereich die letzte mögliche Provokation. Was soll man schon mit einem durch und durch, also wunschlos glücklichen Protagonisten anfangen? Der ist nicht nur seit einem Vierteljahrhundert als Neurochirurg in London höchst erfolgreich und deshalb dramatisch folgenlos bis zum Nullpunkt tätig. Nein. Obendrein ist dieser 48-jährige Henry Perowne auch noch seit ebenso langer Zeit glücklich verheiratet, monogam vollauf befriedigt und mit zwei vielversprechenden Kindern in den Zwanzigern gesegnet. Diese frönen zwar, so wie ihr saufender und nebenbei erfolgreich schriftstellernder Großvater mütterlicherseits den reichlich sinnlosen schönen Künsten als Bluesmusiker und Lyrikerin. Aber was soll's.

Es geht hier im neunten Roman des britischen Erfolgsautors Ian McEwan (Liebeswahn, Der Zementgarten, Amsterdam, zuletzt Abbitte . . .) vordergründig tatsächlich um eine den Leser herausfordernde Form von Normalität und tragödischer Nichtbefindlichkeit. Sie wird noch dazu in einem gnadenlos trockenen, jenseits von jedweder poetischen Überhöhung dargebrachten Tonfall größtmöglicher Nüchternheit, wenn schon nicht banal, so mindestens chronikal dargebracht.

Doch Vorsicht! Der heute 57-jährige Londoner Ewan McEwan legt mit dieser Beobachtung von 24 Stunden im Leben eines aus Energielosigkeit und Pragmatismus komplett unmusischen Menschen wie Henry Perowne natürlich eine falsche Fährte. Die lustlosen, leicht enervierten Auseinandersetzungen von Perowne mit seinem künstlerisch veranlagtem Nachwuchs, einer dementen Mutter und einem lebensfrohen Schwiegervater bezüglich Philosophie und deren praktischer Anwendbarkeiten auf das Leben eines gestrengen Chirurgen sind so unerheblich nicht. Immerhin schleicht sich in Saturday die Bedrohung eines stillen, gewollt einfältigen Glücks, so wie bei McEwan längst gewohnt, über scheinbar banale Einschnitte an.

Immerhin begleitet der Leser diesen, abgesehen von seinem Handikap beim Squashspielen und in Bezug auf seine berufliche Tätigkeit reichlich wenig zur Reflexion neigenden Mann ohne erwähnenswerte Leidenschaften im engen "Handlungs"-Rahmen eines einzigen Tages. Und der wurde mit dem 15. Februar 2003 ja von McEwan nicht ganz zufällig gewählt. An diesem Tag drohte damals die Festung sich selbst bescheidender britischer Bürgerlichkeit historisch verbürgt bereits in den frühen Morgenstunden durch ein brennendes Flugzeug bedroht zu werden, das am Himmel über London auf der Suche nach einem Notlandeplatz vorbeizog. Dieses Datum ging in die Geschichte auch als jener Tag ein, an dem nicht nur in London, sondern weltweit gegen einen drohenden Irakkrieg in der Folge von 9/11 protestiert wurde. Allerdings handelte es sich beim brennenden Frachtflugzeug tatsächlich um die Folgen eines - schon wieder! - banalen Maschinenbrands. Und die Angst vor Krieg und Terror wird von unserem Protagonisten auch eher als unangenehme Fortführung eines hedonistisch-kritischen Konsumverhaltens hin zum schicken Politprotestverhalten junger Leute aus gutem Hause gedeutet, bei dem man im schlimmsten Falle halt selbst am Wochenende im Stau steht, weil die Straßen im Zentrum Londons verstopft sind.

Zu viel über die weiteren, mehr im privaten Mikro- als im gesellschaftlichen Makrokosmos sich in Zeitlupe überstürzenden Geschehnisse dieses an große Vorbilder wie Richard Fords Unabhängigkeitstag angelehnten Romans zu verraten, würde allerdings eines bedeuten. Man würde dem oberflächlichen Beobachter eines auf leisen Sohlen und aus unerwarteter wie unbeachteter Ecke meisterlich daherschleichenden Terrors nichts Gutes tun. Das sei zumindest verraten: Ian McEwan verhandelt den (kurzfristigen) Zusammenbruch einer Idylle der Bürgerlichkeit nicht mittels Selbstmordattentaten. Eine durchaus milde und das weitere Leben fortan doch entscheidend mitbestimmende Angst kommt über Henry Perowne in Form eines Autounfalls mit dem Fahrzeug von drei Kleinkriminellen und dessen Folgen.

Zuletzt zieht schließlich auch bei Henrys Besuch bei seiner dementen Mutter jener stille Schrecken auf, auf den sich alle einigen können. Wenn ein Mensch krankheitsbedingt seiner Erinnerung an noch so banale Dinge beraubt wird, und somit auch aller kleinen Traumata und Verstörungen und Lieben und Leidenschaften: Was bleibt vom Menschen dann noch übrig? (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.07.2005)

  • Ian McEwan: "Saturday"Aus dem Englischen von Bernhard Robben. € 20,50/387 Seiten. Diogenes, Zürich, 2005.
    foto: diogenes

    Ian McEwan: "Saturday"
    Aus dem Englischen von Bernhard Robben. € 20,50/387 Seiten. Diogenes, Zürich, 2005.

Share if you care.