Zarte Hülle für jede Fülle

2. Februar 2007, 15:40
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Strudelteig im Test: Wer die hauchdünnen Blätter nicht selbst machen will, greift zu Fertigprodukten

Durch einen gezogenen Strudelteig muss man einen Liebesbrief lesen können. So die zu erfüllende Vorgabe. Was aber, wenn der Strudelteig nicht selbst fabriziert ist, sondern aus dem Kühlregal des nächsten Supermarktes kommt? Kann auch hier der Lesetest – jenseits von Pisa – durchgeführt werden? So sehr die österreichische Küche mit den verschiedenen Strudelkreationen verbunden ist, so wenig ist sie die Strudel-Ursprungsküche, denn süße Strudel stammen anfänglich aus Byzanz, also dem Gebiet der heutigen Türkei. Baklava ist somit ein naher Verwandter des heimischen Apfelstrudels.

Die süß gefüllten Strudel kamen gemeinsam mit dem Kaffee während der Türkenbelagerung nach Wien. Mitte des 18. Jahrhunderts tauchten erste Strudelrezepte in Kochbüchern der Habsburgermonarchie auf. So groß die Strudelbegeisterung in Mitteleuropa auch war, der gefüllte Strudel setzte sich vor allem in Ungarn durch: Rétes, wie die ungarischen Strudel heißen, werden nicht nur mit Apfel- oder Topfenfüllungen gebacken. Zum dortigen Repertoire gehören auch süße Mohn- und Sauerkirschenstrudel oder würzige Varianten wie Sauerkraut- oder Blutwurststrudel.

Der perfekte Strudelteig wird so dünn und großflächig wie möglich ausgezogen – Profis werfen dazu den Teig in die Luft, wie man es aus der Pizzaherstellung kennt. Wer sich aber nicht zu den Top 50 der Strudelteigwerfer zählt, versuche sein Strudelglück mit den mittlerweile in allen großen Supermarktketten erhältlichen fertigen Strudelteigblättern.

Die Kriterien
Nicht nur die "typisch österreichischen" Strudelteige aus dem Kühlregal, sondern auch Teige, die in unseren Breiten kaum mit dem klassischen Apfelstrudel in Verbindung gebracht werden, wurden getestet: So füllte das Testteam auch griechischen Filoteig und chinesischen Frühlingsrollenteig mit feinen Mischungen aus Lachs & Brokkoli, Spinat & Feta, Eierschwammerln & Lauch, Äpfeln & Rosinen sowie mit einer Birnen-Topfen-Farce. Alle Strudel wurden mit Ei bestrichen und auf die gleiche Weise gebacken. Da es nicht möglich war, selbst gefertigten Strudelteig unauffällig in die Blindverkostung zu schmuggeln, beschränkte sich dieser Test auf fertige Strudelteige. Die Jury wurde aber mit der Frage "Schmeckt der Teig wie selbst gemacht?" konfrontiert. Weiters wurden die Verarbeitung, die Konsistenz des gebackenen Strudels, der Teigeigengeschmack und die Teigstärke unter die Lupe genommen.
Die Ergebnisse

Crusty Filo Pastry
450g z.B. bei AkaD/Naschmarkt um 3,80 €

Obwohl der Teig ganz klar nicht wie selbst gemacht schmeckt, lässt sich die Jury zu begeisterten Bemerkungen wie "hübsch goldig, exzellent knusprig, fein buttrig", hinreißen. Die durchscheinenden Blätter lassen sich gut handhaben, und so erfreut der aus Griechenland stammende Testkandidat, der sich ideal für Baklava eignet, bei süßer wie pikanter Füllung. Der angenehme Geschmack dieses Kandidaten macht Lust auf mehr. 9,2 PunkteSpar Gezogener Strudelteig
120 g bei Gourmet Spar um 1,19 €

Sowohl in der Verarbeitung als auch fertig gebacken beweist sich das Eigenprodukt der Handelskette als durchwegs solide. Dieser Strudelteig überzeugt auch bei der Verkostung, obwohl er hier doch etwas bröselig ist. Die Testjury assoziiert aber die spröde Konsistenz des goldbraun gebackenen Teiges mit "selbst fabriziert". Nur der allzu neutrale Geschmack überrascht manche Jurymitglieder, und so notiert eine Testerin: "Etwas mehr Eigengeschmack würde nicht schaden." 7,7 Punkte

Küchenfürst Strudelteig
120 g bei Hofer um 1,19 €

Fertig gebacken sieht dieser Kandidat besonders appetitlich aus, befindet unsere Jury. Auch in der Verarbeitung gibt es hier durchwegs Pluspunkte. Bei der Konsistenz scheiden sich allerdings die Geister: Dass der gebackene Teig gleichzeitig sehr knusprig ist und dennoch weich bleibt, begeistert die einen, findet bei der zweiten Hälfte des Testteams jedoch wenig Anklang, da er für sie "nicht bissfest" genug ist. Positiv sei hier noch bemerkt, dass Hofer den Strudelteig auch in einer Vollkornversion anbietet. 7,4 Punkte
Iglo Strudelteig gezogen
200 g bei Adeg um 2,69 €

Auf der Packung verspricht Iglo für unsere Fülle die bestmögliche Hülle zu liefern, aber leider: Schon in der Verarbeitung lässt dieser Testkandidat zu wünschen übrig, denn er bricht allzu leicht und kann auch kaum weiter gezogen werden. "Zu trocken und mehlig im Geschmack", befindet die Mehrheit der Juroren bei der Verkostung. Einzig eine Testerin beurteilt den Teig als "besonders fein, da er mit seiner Trockenheit als Gegenüber für üppige Füllungen ideal scheint". Wer es also besonders trocken mag, liegt damit richtig. 6,2 Punkte

Tante Fanny frischer Strudelteig
120 g bei Zielpunkt um 1,19 €

Obwohl dieser Teig optisch alle Juroren überzeugt, kann er beim Geschmack leider nicht punkten: "Allzu fade" und "eigenartig unstrudelig" wird hier von den Testern notiert. Auch in der Verarbeitung enttäuscht dieser Kandidat, denn das brüchige Material entspricht kaum der Selbstbeschreibung "Wiener Strudelteig, original gezogen". Schade. 4,6 PunkteTyj Spring Roll Pastry Spring Home
550 g bei Bambuskorb/Naschmarkt um 2,80 €

So sehr der Hersteller die unzähligen Varianten an Verwendbarkeit preist, so wenig scheint sich der Kandidat für die Strudelmacherei zu eignen. Weder die Farbe noch die Konsistenz des fertig gebackenen Strudels können die Jury begeistern. Nur eine Testerin findet, dass sich der Teig gut für süße Strudel eigne, "weil er so wunderbar weich ist". Alle Juroren erraten bei der Blindverkostung, dass es sich bei diesem Produkt um den Frühlingsrollenteig handelt, der nicht aufs Strudelblech gehört, sondern im Wok frittiert werden sollte. 3,1 Punkte(Der Standard, Printausgabe 30./31.7.2005)

Herzlichen Dank an die Jury: Kathrin Feichtinger, Juan Gorriaz, Karin Steiner, Susanne Toth & Martin Wieland, der auch für die fantastischen Füllungen gesorgt hat.

Von Evelyn Steinthaler
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