Bitter: Aspekte einer Geschmacksrichtung

30. Juli 2005, 19:30
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Verfeinerung der Geschmacksrezeptoren brachte evolutionären Vorteil - doch manchmal kann es umgekehrt sein

Potsdam - Der Bittergeschmack von Menschen bedeutet einen evolutionären Vorteil. Zu diesem Schluss kommen internationale Wissenschaftler im Fachmagazin "Current Biology". Da zahlreiche giftige Nahrungsmittel bitter schmecken, bedeutet ein dementsprechend gut ausgeprägter Geschmackssinn einen deutlichen Selektionsvorteil. Das haben Untersuchungen des so genannten Bittergeschmacks-Gens ergeben.

Die Forscher haben die Erbsubstanz von 997 Menschen aus 60 verschiedenen Weltpopulationen in Hinblick auf genetische Variationen eines bestimmten Geschmacksrezeptors analysiert. Dieser ist für die Wahrnehmung von Bitterstoffen wichtig, aus denen beim Verzehr giftige Zyanide freigesetzt werden. Diese Stoffe sind in Nahrungsmitteln wie etwa Bittermandeln oder Maniok enthalten, berichten Wolfgang Meyerhof und Bernd Bufe vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung.

Erhöhte Sensibilität

Die Untersuchungen haben ergeben, dass während der Steinzeit im Geschmacksrezeptor-Gen eine Mutation aufgetreten ist, die zu einer neuen Rezeptorvariante führte. Diese neue Variante war demnach wesentlich sensibler und hat Menschen zyanidhaltige Stoffe bereits in geringeren Konzentrationen als "bitter" schmecken lassen. Die Experten mutmaßen, dass es sogar zu einer natürlichen Aversion gegenüber giftigen, zyanidhaltigen Pflanzen gekommen ist. Für diese Theorie spricht, dass heute, mit Ausnahme eines Großteils der afrikanischen Bevölkerung, 98 Prozent aller Menschen Träger der "neuen" Genvariante sind.

Die Wissenschaftler haben auch festgestellt, dass nur 13,8 Prozent der Afrikaner mit der ursprünglichen, weniger empfindlichen Variante des Bitterrezeptors ausgestattet sind. Aber auch dies steht in einem interessanten Zusammenhang: chronischer Verzehr geringer Mengen zyanidhaltiger Nahrung führt zu einer Zyanid-induzierten Sichelzellanämie, die einen gewissen Schutz vor einer tödlich verlaufenden Malariainfektion bietet. Für einen evolutionären Zusammenhang spricht auch die geographische Verteilung der ursprünglichen Genvariante, die ungefähr der Verteilung von Malaria-Resistenz-Genen entspricht.

Das moderne Leben kehrt den Vorteil um

"Der Selektionsvorteil von damals scheint sich allerdings heute ins Gegenteil zu verkehren, da viele Menschen bestimmte Gemüse ablehnen, weil sie bitter schmecken, obwohl ihr Verzehr das Risiko für bestimmte Krebs- oder Herz-Kreislauferkrankungen senken kann", so Meyerhof. "Die Lebensmittelindustrie ist daher bemüht, den Bitterstoffanteil in der Nahrung zu reduzieren." (pte)

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