Inspirierende Opern-Transpiration

29. Juli 2005, 19:49
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Tschaikowskis "Mazeppa", konzertant in der Salzburger Felsenreitschule

Salzburg - Eine der dominierenden Eigenheiten von Peter Iljitsch Tschaikowskis nicht eben einfachen Innenleben war die unerbittliche Selbstkritik, mit der er seinem Schaffen gegenüberstand. So hat er die Partitur einer seiner Opern, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügte, gleich nach der Uraufführung verbrannt und die einer anderen schon, bevor sie überhaupt noch gespielt wurde.

Der erfreuliche Umstand, dass er die Partitur seiner 1883 vollendeten Puschkin-Oper Mazeppa nicht in den Ofen steckte, verschaffte dem Salzburger Festspielpublikum vier in Schweiß und Wohlklang gleichermaßen getränkte Stunden in der Felsenreitschule. Für Letzteren sorgten das Ensemble, der Chor und das Orchester des Mariinsky-Kirov Theaters St. Petersburg.

Was nicht heißen soll, dass die Gäste das erstgenannte Merkmal dieses Abends nicht ebenfalls gehörig zu spüren bekommen hätten. Dies sogar in einem solchen Ausmaß, dass sie um Verständnis ersuchten, weil sie sich entgegen der ursprünglichen Planung in einer zweiten Pause von der mit ihrer Interpretation einhergehenden Transpiration erholen mussten.

Unbekanntes Werk

Dies konnte der Intensität der Wiedergabe dieses hier zu Lande weithin unbekannten Werkes nur förderlich sein. Zumal man bei dieser Wiedergabe auf die bei Opernaufführungen schon länger übliche Projektion des Textes über dem Bühnenportal verzichtet hat. Umso klarer ließ sich konstatieren, in welch hohem Ausmaß die Solisten in der Lage waren, den düsteren Inhalt des Werks, wenn auch auf Russisch, zu transportieren.

Es ist die Geschichte des alten Feldherrn Mazeppa, in den sich Maria, die Tochter eines seiner Freunde, verliebt. Dieser hofft die Verbindung zwischen den beiden durch den Verrat von Mazeppas geheimen Umsturzabsichten an den Zaren zu verhindern. Der Zar glaubt aber Mazeppa. Der Vater wird enthauptet. Maria verliert den Verstand und erkennt weder den von einer verlorenen Schlacht heimkehrenden Mazeppa noch ihren von diesem erschossenen Jugendfreund.

Valery Giergiev schafft mit seinem Orchester und auch mit dem Chor aus dieser nicht sonderlich faszinierend komponierten Musik äußerst eindringliche Klanggemälde, die mit den überwiegend einprägsamen Einsätzen der Solisten ein Art von Klangtheater entfalten, dessen Inhalt zumindest ahnbar wird.

Als dominanteste Erscheinung ist in diesem Zusammenhang Larissa Diadkowa zu nennen, deren facettenreicher Mezzosopran sich tatsächlich ein nachvollziehbares Psychogramm von Marias Mutter zu zeichnen vermochte. In dieser Partie hatte es Olga Guriakowa viel leichter, da ihre Emotionen ja auf der Hand lagen. Was bei Valery Alexeev in der Titelpartie und bei Vladimir Vaneev freilich auch der Fall und durch hohe Stimmpräsenz zum Jubel des Publikums auch zu hören war. (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.07.2005)

Von Peter Vujica
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