Oper für heute und für Kommendes

29. Juli 2005, 19:48
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Ein Höhepunkt der Festspiele: Mozarts "Mitridate", gescheit und begeisternd inszeniert von Günter Krämer, hatte im Residenzhof Premiere

Dirigent Marc Minkowski, die Musiker und das Sängerensemble taten das ihre zu einem großen Abend.


Salzburg - Die Salzburger Festspiele - und ihr Koproduzent, das Musikfest Bremen - haben seit einem äquatorialen Donnerstagabend ein Opernguthaben, mit dem sie in allernächster Zeit und 2006 in den Passagen der offiziellen Mozart-Verehrung wuchern dürfen. Dies ist geglückt mit einer an sich langwierigen, steifen Opera seria, deren historisch-gesellschaftliche Allgemeinheit, deren charakterlich-menschliche Prototypie die Ausführenden immer wieder in Verlegenheit gebracht hat.

Das Gereihte - musikalisch vom 14-jährigen Mozart genial unterbreitet und zugespitzt -, bei den Festspielen wurde es versuchsweise bereits zweimal Ereignis. Erstens 1971 unter der Leitung von Leopold Hager, 1997 in einer Jonathan-Miller-Inszenierung mit Roger Norrington als Dirigenten.

In beiden Produktionen - nicht nur nebenbei bemerkt - war die vokalvirtuose Partie des Farnace mit namhaften Sängerinnen besetzt (Helen Watts, Vesselina Kasarova). Jetzt in der überdachten Freilichtrealisation war es der Countertenor Bejun Mehta, der im Leisen wie im Fordernden, im Elegischen wie im Gezierten geradezu beispielhaft all jene Vorzüge eines Musizierens, eines glaubhaften Interpretierens verkörperte, die im orchestralen Engagement der "Musiciens du Louvre - Grenoble" Takt für Takt vor- und nachgedacht sind.

Marc Minkowski, Dirigent und lebendig-leibhaftiger Zeremonienmeister, bringt Mozarts Musik zum Sprechen, zum Glühen. Er kümmert sich mit diesem Ensemble geradezu rührend um das Nebensächliche, erzeugt damit eine Dauerspannung, die bei rund drei Stunden Aufführungsdauer der von ihm, von Regisseur Günter Krämer und vom Cembalisten Jory Vinikour erstellten "Kurzfassung" keine Minute Durst nach schärferer Materie verspüren lässt.

Diese wohldosierte, mit den Zeitmaßen und aus der Musikbedeutung heraus begründete Erhitztheit kommt den Sängern zugute, die sich - bei schier gesundheitsgefährdender Temperatur - ganz der Anschaulichkeit des Akustischen und zugleich der Plastizität des Vorgespielten widmen können.

Geschlagener König

Richard Croft als ein im mehrfachen Sinne geschlagener König Mitridate, Netta Or (Aspasia), Miah Persson (Sifare), Ingela Bohlin (Ismene) sowie Andrew Tortise und Pascal Bertin in den weiteren Partien entbieten ihre pragmatisch verantwortungsvolle, stichhaltig je eigen gefärbte Gesangskunst als ein Kaleidoskop des Möglichen und des Imaginären - im Sinne einer szenischen Konzeption, die es an gescheiter Beziehungsdichte, an figurativer Fantasie - kurzum: an Verständlichkeit nicht fehlen lässt.

Hier nun ist der Regisseur Günter Krämer für eine außerordentliche Leistung zu rühmen. Im Zusammenwirken mit dem Bühnenbildner Jürgen Bäckmann, dessen Ideen im wahrsten Sinne die Zwänge, die Ratlosigkeiten, die Hoffnungen der Schicksalträger brechen, spiegeln, verschieben und bis ins Kenntliche verzerren -, ist es Krämer gelungen, eine schier unendliche Folge von Rezitativen und Arien zu einem vitalen Schauspiel zu verklammern.

Er und Bäckmann "zwingen" ihre leidenden, liebenden, mordenden, hoffenden, zweifelnden, vertrauenden, aufbegehrenden, sich fügenden, leider auch sterbenden Darsteller das je Eigene zu einem Spiel der ohnmächtig Mächtigen beizutragen, sie lassen sie aber auch wie an unsichtbaren Fäden der Vorhersehung durch die antik-moderne Bühnenwelt fluktuieren. Ihnen ist der Boden entzogen, ihre Identität als eine fragwürdige zur Diskussion gestellt, wodurch ein Hauptaspekt des Librettos - nämlich der Konflikt zwischen den Generationen - in mannigfaltigen Spiegelungen angesprochen bleibt.

Nicht länger bewegen sich die ins Mythenhafte versetzten "Leute" auf sicherem Boden, nicht länger sind die Füße die Garanten des Gestandenen. Wie in einem psychoanalytischen Panoptikum, einer dem Rokoko entlehnten Spiegelgrotte hängen all die Mitridates und ihre Mitbewerber in einer verschobenen Realität, verkehren sich in ihr Gegenteil, schweben und krabbeln um ihr Leben.

Minkowski und seine Musiker, das Sängerensemble, der Regisseur und der Bühnenbildner wurden am Ende einer Aufführung gefeiert, die über das willkommen Festliche hinaus als ein starkes Argument für aktuelle, heutige Oper in Erinnerung bleibt. Somit ist für das Mozart-Jahr diese Salzburger Mitridate eine wahrhaft gemachte Sache. Und die Bremer dürfen sich schon jetzt die Hände reiben ... (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.07.2005)

Von Peter Cossé
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    Bejubelte Glanzleistungen bei den Festspielen: Richard Croft als Mitridate, König von Pontus, und Netta Or als Aspasia, seine Verlobte, in Mozarts Oper "Mitridate, re di Ponto".

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